Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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„Der exzentrische Millionär ohne Geld“: Was für eine Wundertüte für Literatur und Film: Der zweite Band mit Tagebuchnotizen von Jonas Mekas. „Dieser zweite Band beginnt mit Kapitel 27 im Jahr 1969. Mekas lebte zu dieser Zeit im Chelsea Hotel neben Janis Joplin. Jedem Kapitel ist in fetten Buchstaben vorangestellt, worum es gehen wird (…). Da auch noch eine große Menge Fotos in verschiedenen Größen und mit oft lustigen Bildunterschriften versehen (etwa: Quelle Buddha, unveröffentlichte Schriften) sowie faksimilierte Briefe, Postkarten, Gedichte und Notizzettel dazwischengeschoben werden, ist die Lektüre außerordentlich kurzweilig. Bewegend auch, aufregend und herzerwärmend für alle, die New York lieben und die Stadt zumindest in den ersten Jahrzehnten, die diese Tagebücher umfassen, nur aus der Literatur und von Fotos kennen.“
Jonas Mekas, I Seem to Live. Vol. 2: The New York Diaries 1969–2011. (hrsg. von Anne König; Spector Books)
„Zum Schwanenbraten bitte eine Extraportion Salzgurken“: Die Expansion des Imperiums erweiterte die kulinarische Kultur: Alison K. Smith erzählt die Geschichte Russlands anhand der Entwicklung seiner Küche. „Die aus dem neunzehnten bis ins zwanzigste Jahrhundert datierenden Rezepte erlauben dem Leser, kulinarische Geschichte am häuslichen Herd nachzukochen. Russlands stolze Suppenküche ist mit sieben Varianten der Ursuppe Schtschi sowie jeweils drei von Soljanka und Borschtsch vertreten. Es sagt viel über den Charakter dieses Buches, dass man kein Boeuf Stroganoff darin findet, dafür aber neben klassischen Teigtaschen wie Piroggen und Pelmeni sowie Bliny-Pfannkuchen in vier Spielarten sogar eine Anleitung zum Backen von rauem russischen Roggenbrot.“
Alison K. Smith, Cabbage and Caviar. A History of Foodin Russia (Reaktion Books)
„Dieser Roman ist eine Sinnflut“: Heute erscheint Joshua Cohens Mammutroman Witz auf Deutsch – ein spätmodernes Prosagedicht, eine jüdische Geschichtssatire. Wie war es, sie zu übersetzen? Ein Gespräch mit Ulrich Blumenbach.
Joshua Cohen, Witz (übersetzt von Ulrich Blumenbach; Schöffling & Co.)
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„Tod durch Algorithmus“: In den USA ist ein monumentales Buch über Aufstieg und Niedergang des Bezahlsenders HBO erschienen: Es ist ein Lehrstück für das Streaming unserer Gegenwart. „Millers Buch besteht vorwiegend aus Zitaten, der Weg durch Firmengeschichte, Ränke und Intrigen – der Buchtitel Tinderbox heißt Pulverfass – ist weit, bis klar wird, warum der Autor sich die ganze Mühe gemacht hat. Er will ein Lehrstück erzählen für die in Bewegung geratene Branche, die sich zu sehr auf datenbasiertes Kalkül verlässt: Zieht euch warm an.“
James Andrew Miller, Tinderbox: HBO’s Ruthless Pursuit of New Frontiers
„Lückenhafte Beweisaufnahme“: Wurde Anne Frank von einem Juden verraten? Ein niederländischer Verlag hat sich nun für das Buch entschuldigt, das dies behauptet. Die deutsche Veröffentlichung ist nicht abgesagt. „Auch der hiesige Ableger von Harper Collins, in dem das Buch unter dem Titel Der Verrat an Anne Frank – Eine Ermittlung am 22. März erscheinen soll, ist unter heftigem Zugzwang. Jürgen Welte, Harper Collins-Verleger in Deutschland, wollte auf SZ-Anfrage vorerst nicht mehr als dies sagen: ‚Nach zwei Fachlektoraten des Manuskripts befinden wir uns gerade in einer internen Überprüfung.‘ Der vergleichsweise späte Erscheinungstermin der deutschen Ausgabe zeige, so Welte, ‚dass wir mit diesem sensiblen Thema äußerst verantwortungsvoll umgehen‘. Die Stellungnahme wirkt nicht, als sei in seinem Haus mit den Recherchen bisher wesentlich kritischer umgegangen worden als bei Ambo Anthos.“
„Eine Welt für sich“: Was in der Paris Bar passiert, bleibt in der Paris Bar oder zumindest in diesem roten Schuber: Michel Würthle vertraut das Innenleben seines berühmten Lokals sechs Bildbänden an. „Die im Steidl-Verlag erschienenen knallroten Bände möchten Ersatz für all die verlorenen Bar-Nächte bieten. Zum Glück wurde dem Ganzen kein Vor- oder Nachwort zugefügt. Was sollte da schon erklärt werden? Wer es nicht aus Prä-Pandemie-Zeiten erinnert, dem wird man in der jetzigen Lage kaum begreiflich machen können, was es heißt, Obdach in einer Bar zu finden. Stattdessen kündigen die Buchdeckel lapidar an, was man zwischen ihnen findet: Speisekarten in Schönschrift, Zeichnungen mit Esprit, überraschende Collagen, verschmitzte Anekdoten, hollywoodeske Filmstills. Es handelt sich zugleich um ein Journal, ein Tagebuch sowie um ein Livre d’or, ein Buch der Gäste.“
Michael Würthle, Paris Bar Press Confidential (Steidl)
„Schreib doch drüber“: Der Kampf geht weiter: Gegen Vermieter, Deadlines und andere Ungerechtigkeiten des Lebens. Von Kristen Roupenian
„Graues Land am Meer“: Fernando Aramburus Roman über eine Deutschlandreise. „Doch wer Aramburu schätzt und verstehen will, mit welch verschmitztem und gar nicht moralisierendem Autor man es zu tun hat, dem sei auch die Reise ans Herz gelegt. Nicht, weil man hier etwas über Hass und gesellschaftliche Großkonflikte lernte (das tut man nebenbei auch), sondern weil Aramburu in dem Roman seinen moralischen Kompass eicht, der ihn Patria hat schreiben lassen, ohne sich im baskischen Konflikt auf eine Seite zu schlagen.“
Fernando Aramburu, Reise mit Clara durch Deutschland (aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen; Rowohlt)
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„‚Außer sich geraten ist ein wunderschöner Ausdruck'“: Autor Navid Kermani über die Basis eines humanen Gemeinwesens, den Nutzen des Zweifelns und die religiöse Kultur in der Krise.
Navid Kermani, Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Fragen nach Gott (Hanser Verlag)