Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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„Wovon Verteidiger des Imperiums träumen“: Auch ein Teil der deutsch-russischen Geschichte: Stefan Neubauer fotografiert Interieurs verlassener sowjetischer Kasernen in den östlichen Bundesländern. „Neubauers monumental-elegische Bildersammlung vermittelt eine Ahnung vom kulturellen Gepäck der Kämpfer. Doppelseitige Aufnahmen mit der Panoramakamera vergegenwärtigen Wandmalereien im Stil des Sozialistischen Realismus mit einem zuversichtlich ins Weite schauenden Lenin, unerschrockenen Kosmonauten, Athleten sowie Panzern, Raketen und heroischen Soldaten, die all dies bewachen. Dass sich die recht schablonenhaft verfertigten Bildwerke im Zustand der Verwahrlosung und physischen Auflösung befinden, verleiht ihnen fast so etwas wie antikische Grandezza.“
Stefan Neubauer, Kulturerbe. (mit Beiträgen von Andreas Hilger, Christoph Meissner und Tanja Zimmermann; Könemann Verlag)
„Mit der Niederlage per Du“: Tribal, aber leider auch trivial: Patrice Nganang kriecht in seinem Roman Spur der Krabbe dem Titeltier nach zum kamerunischen Bürgerkrieg. „Der Bürgerkrieg nimmt breiten Raum in Patrice Nganangs Roman ein, ist aber nicht das zentrale Thema. Die Midlife-Crisis von Tanou, Rassismus in den USA, Migrationserfahrungen, eine mögliche Alzheimererkrankung von Sakio, verschiedene Varianten einer Amor fou, virtueller Sex, der Kalte Krieg, uralte Auseinandersetzungen zwischen Bamileke und Bamum – all das wird angetupft. Doch was ein komplexes Bild hätte ergeben können, verliert sich rasch in Wirrnis. Das liegt weniger an Orts- und Zeitwechseln als an einem selbstreferenziellen Moment.“
Patrice Nganang, Spur der Krabbe. Roman (aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke; Peter Hammer Verlag)
„Was steckt in der Schnittmenge?“: Menschenbilder: Michael Zichy versucht, einen Begriff zu entstauben. „Neben den ‚inhaltlich dünnen‘, aber doch skizzenhaft bemalten Partien weist das Meta-Menschenbild unseres Kulturkreises, wie Zichy es vor Augen führt, markante Leerstellen auf. Und diese Leerstellen sind mindestens ebenso bedeutsam für das gesellschaftliche Miteinander. Sie ergeben sich naturgemäß nicht aus Überlappungen, repräsentieren keinen Minimalkonsens – es sei denn den Konsens, dass da kein Konsens bestehe.“
Michael Zichy, Die Macht der Menschenbilder. Wie wir andere wahrnehmen (Reclam Verlag)
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„Der Preis ist heiß“: Was passiert, wenn Verlage gute Umsätze und einen gepflegten Skandal besser finden als gründliche Lektorate. „Ein Werk, das durch eine öffentliche Empörung gegangen ist, wird mit den Augen des Verdachts gelesen werden, noch lange Zeit und vielleicht auf Dauer. Und der Autor bleibt suspekt, er trägt den vergangenen Skandal mit sich wie eine Narbe. So vermehren sich die Täter und die Opfer, im selben Maß, wie Verlage zu moralischen Anstalten erhoben werden. Denn auf den Skandal verzichten, das geht nicht, schon aus geschäftlichen Gründen.“
„Vor unsichtbaren Zeugen“: Für die Helden des Alltags, die das Regime lieber vergessen will: Liao Yiwus beunruhigender Dokumentarroman über Wuhan. „Der vielfach ausgezeichnete Romancier Liao Yiwu – 2012 erhielt er etwa den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – hat in seinem neuen Werk die Stadt zum zentralen Schauplatz seiner Erzählung gemacht und den Ausbruch der Seuche zum alles gestaltenden Faktor.“
Liao Yiwu, Wuhan. Dokumentarroman (aus dem Chinesischen von Brigitte Hohenrieder und Hans Peter Hoffman; S. Fischer)
„Fotografin des Unbewussten“: Brigitte Benkemouns Buch Das Adressbuch der Dora Maar erzählt eine unglaubliche Geschichte. „Zwei Jahre lang hat sich Benkemoun durch das Adressbuch gearbeitet, dann ist das Buch erschienen. Manchen Einträgen widmet Benkemoun nur kurze Kapitel, erzählt ein bisschen aus der Zeit vor Picasso, mehr aus der Zeit mit und nach ihm. Nie maßt sie sich endgültige Urteile an, vieles bleibt in der Schwebe. Die Leserin mag sich selbst ein Dora-Maar-Bild aus vielen Puzzlesteinen und Rätseln basteln.“
Brigitte Benkemoun, Das Adressbuch der Dora Maar (aus dem Französischen von Alexandra Baisch; btb-Verlag)
„Hachette vor der Übernahme“: In Frankreich will der zweitgrößte Verlag den größten schlucken. „Der Unternehmer Vincent Bolloré, Inhaber des Medienkonzerns Vivendi mit der zweitgrößten französischen Verlagsgruppe Editis schickt sich an, den Konzern Lagardère, das Mutterhaus der mit 2,4 Milliarden Euro Umsatz landesweit größten und auch international tätigen Verlagsgruppe Hachette Livres, zu übernehmen. Das eingespielte Kräfteverhältnis zwischen zwei großen und drei mittelgroßen Verlagsimperien im Land wäre dahin. Es blieben ein Riese und ein paar halbwüchsige Zwerge.“
„Von SZ-Autoren“: Ronen Steinke über Rechtsextreme. „Die Rechtsextremisten kämpfen nicht nur auf der Straße, sie machen sich auch die Instrumente des Rechts zunutze. Die Gegenwehr ist noch viel zu schwach. Zu mehr Gegenwehr ruft daher dieser Sammelband auf: Vierzig Beiträge, verfasst etwa von ARD-Journalist Georg Restle oder von Ex-Justizministerin Katarina Barley, beleuchten gute und schlechte Leistungen des wehrhaften Staates gegen Rechtsextremismus im vergangenen Jahr.“
Ronen Steinke u.a. (Hrsg.), Recht gegen rechts. Report 2022 (S. Fischer Verlag)
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„‚Wir haben von den Dingen gewusst'“: Anmerkungen von Norbert Frei, Saul Friedländer und anderen zu einem neuen Streit über den Holocaust. „Für die weitere Debatte kann man wohl nicht verzichten auf das, was der schmale Band auch mit Beiträgen von Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher und Dan Diner zu bieten hat, um sich Habermas präzise gehaltenes Anliegen an die Erinnerungskultur in Deutschland zu erschließen – in einem sich seit dem früheren Historikerstreit rasant wandelnden Land.“
Saul Friedländer, Norbert Frei u. a.; Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust (C.H. Beck)