
101 Mikromärchen, Legenden, Fabeln und Betrachtungen der Zeit. Robert Schneiders Buch ohne Bedeutung (Wallstein) richtet den Blick auf Geschehenes oder Ersehntes. Anlass für Fragen:
BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch ohne Bedeutung?
Darum, dass die wirklich großen Geschenke und Begegnungen im Leben umsonst sind. Nur das eigentlich Unwichtige erarbeiten wir uns so mühsam und meinen, es sei das Große. Sie können sich also bei der Lektüre zurücklehnen – es ist alles getan.
Das Buch umfasst 101 unabhängige Geschichten mit ganz unterschiedlichen Themen und Protagonisten – oder gibt es doch Zusammenhänge?
Es sind Märchen, Legenden, Fabeln, Reflektionen, die in einer Niederschrift entstanden sind. Der rote Faden war, die kleine Form wieder schätzen zu lernen. Überhaupt das Marginale, scheinbar Unwichtige. Darum auch der ironische Buchtitel. Das ist vielleicht meine persönliche Erkenntnis aus der Pandemie: Ich habe nämlich angefangen, allem Monumentalen zu misstrauen. Das Wort „global“ ist für mich kein Indiz für Welthaltigkeit.

Ist das für den Leser nicht auch schwer zu lesen, man freut sich ja oft, dass am Ende doch alles zusammenläuft und ein einheitliches Ende in Sicht ist …
In der Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war die „Brevier-Literatur“ in Mode, die heute völlig vergessen ist. Eine Art Kalenderblatt, Betrachtungen für den Tag. Dieser Form habe ich mich angenommen. Es ist kein Buch, das man durchliest. Wenn es glückt, ist es ein Buch, das man weglegt und wieder zur Hand nimmt. Daher auch die augenzwinkernde Widmung „…lest darin oder auch nicht“. Der Verlag hat das Büchlein sogar in Fadenbindung hergestellt. Es wird also nicht gleich aus dem Leim gehen.
Kann man das Buch also auch häppchenweise lesen?
Genau so ist es gemeint.
Wie entstand die Idee, ein „Buch ohne Bedeutung“ zu schreiben?
Für mich ist dieses Buch sozusagen die Wunderkammer meines Denkens. Fünfzehn Jahre lang habe ich kein Buch mehr geschrieben. Es gab einfach keine Notwenigkeit dazu. Ich kann das nicht erklären. Es war so. Das war nicht immer einfach. Ein Schriftsteller schreibt, wie Sie wissen. Aber plötzlich entstand diese Idee von den 101 Geschichten. Natürlich eine Anspielung auf Tausendundeine Nacht. Dann floss der Text wirklich wie guter Wein.
Wie haben Sie das Schreiben dieses Buches und dieser Geschichten empfunden?
Ich fühlte mich ganz in mir aufgehoben. Natürlich kann ich nicht verhehlen, dass ich oft schallend gelacht habe, über mich und über die Welt.
Was macht das Buch aus Ihrer Sicht so besonders?
Es ist durch und durch ein Stück von mir selbst. Wie ein Kind. Vielleicht hat es eine krumme Nase, oder es stottert. Aber ich habe es lieb.
Bis auf wenige Zeichen haben alle Geschichten exakt die gleiche Länge – was hat es damit auf sich?
Es ist eine Spielerei, die ich aus der Musik übernommen habe. Wie beim Komponieren eines klassischen Stückes, das in gleich lange Sätze unterteilt ist.
Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch im Laden gut verkaufen?
Weil wir grad bei der Klassik sind: Beethoven hat über das Kyrie seiner Missa solemnis gekritzelt „Von Herzen möge es wieder zu Herzen gehen“. Vielleicht etwas in die Richtung, nur in moderneren Worten.
Als Schlafes Bruder erschien, waren Sie gerade Anfang 30. Wie hat sich Ihr Schreiben seither verändert?
Ich habe mir vielleicht ein größeres Register in der Ausdruckskraft erarbeiten können. Inhaltlich bin ich wohl der Alte geblieben – ein hoffnungsloser Träumer.
Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie dennoch gerne beantwortet?
Liegt auf dem Hisarlik Tepe wirklich das historische Troja?
Hier können Sie dies tun:
Ganz gewiss nicht. Und ich sage Ihnen auch, weshalb. Einen Augenblick … ich muss da etwas ausholen …