Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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„Die Insel, die den Rest der Welt aussperrte“: „Nation Building“ aus dem Geiste der Verzweiflung: Orhan Pamuks neuer Roman Die Nächte der Pest erzählt von einem Mikrokosmos im Mittelmeer um 1900. „Pamuk vermischt mit leichter Hand historische Fakten und fiktive Geschehnisse, leidet mit den Pestkranken, fühlt mit den Liebenden, amüsiert sich über den Dünkel und die Winkelzüge der Mächtigen.“
Orhan Pamuk, Die Nächte der Pest (aus dem Türkischen von Gerhard Meier; Hanser Verlag)
„Kampf ums Weltgericht“: Trauma, Liebe, Ränkespiel: In Philipp Bloms bildstarkem Barockepos Diebe des Lichts trifft Kunst auf Macht. Die Handlung ist fesselnd, aber auch recht plakativ. „Kurz gesagt: Das Buch ist ein Schmöker, aber kein schlechter. Wer ein sprachsicheres, bildstarkes Romanepos sucht, das zwischen Umberto Ecos literaturgeschichtlich anspruchsvoller Erzählweise und der historischen Plakatmalerei à la Iny Lorentz zu verorten ist, kann mit Diebe des Lichts wenig falsch machen, zumal der renommierte Autor, ein promovierter Historiker, weiß, wovon er schreibt. Das Buch hebt sich aber auch wohltuend von Ken Folletts rechercheprallem Anekdotenstil ab.“
Philipp Blom, Diebe des Lichts (Blessing)
„Sein, Zeit und Tod“: Jonas Grethlein denkt über die Sterblichkeit und Homers Ilias nach. „Wer einen rein wissenschaftlichen Beitrag zu den nach wie vor offenen Forschungsfragen zur Ilias sucht, ist hier nur unter Vorbehalt beim richtigen Buch gelandet. Zwar liefert Grethlein zahlreiche interessante Interpretationsansätze, beispielsweise zur filigranen Zeitstruktur und Homers gekonntem Spiel mit Erwartung und – nicht immer vorhandener – Auflösung. Doch stellen sie nicht den eigentlichen Kern des Buches dar. Denn primär geht es darum, zu zeigen, wie Homers Epos mit dem scheinbar unnahbaren Achill im Zentrum für ihn in einer Zeit existenzieller Ängste zu einer Art literarischer Heimat wurde.“
Jonas Grethlein, Mein Jahr mit Achill. Die Ilias, der Tod und das Leben (C. H. Beck)
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„Eine Frage der Fuckability“: Sollte jeder dasselbe Recht auf Sex haben – unabhängig von Aussehen, Reichtum, Macht? Amia Srinivasan stellt radikale Überlegungen an. „Ihre Offenheit ist manchmal bereichernd. Dann, wenn sie mit feinen Beobachtungen überrascht und zum Nachdenken anregt. Manchmal aber liest sich Recht auf Sex wie ein Spiegelkabinett, in dem eine sehr schlaue Autorin immer noch eine weitere optische Variante hervorzaubert. Ihre Essays strotzen vor rhetorischen Fragen. Vielleicht übersteigt es ja selbst Srinivasans Fähigkeiten, sich, wie sie fordert, den Feminismus als ‚eine politische Bewegung, die die Welt bis zur Unkenntlichkeit verändern soll‘ auszumalen. Für diese Aufgabe bietet sie Anstöße. Aber sie sind nur ein Anfang.“
Amia Srinivasan, Das Recht auf Sex –Feminismus im 21. Jahrhundert (aus dem Englischen von Claudia Arlinghaus und Anne Emmert; Klett-Cotta)
„Der heilige Sünder“: Kritische Ausgabe von Thomas Manns Der Erwählte. „Thomas Manns Der Erwählte, 1951 erschienen, zeigt alles, was dieser Schriftsteller ‚konnte‘, womöglich am kompaktesten: die Verbindung des Komischen mit dem Rührenden, die Nähe von Mythos und Psychologie, eine weitherzige Religiosität, die Selbstthematisierung des Erzählens, dazu einen fantastischen kulturgeschichtlichen Beziehungsreichtum. Die knapp dreihundert Seiten sind auf ihre leichtfüßige Art eine Enzyklopädie, die ein paar Jahrhunderte europäischer Überlieferungen aufschließt.“
Thomas Mann, Der Erwählte (hrsg. von Heinrich Detering und Maren Ermisch. (Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Band 11, 1 und 2; S. Fischer Verlag)
„Nur Rom bleibt sich ewig gleich“: Durchdrungen von tiefer Trauer und dennoch hingerissen von der Schönheit des Lebens: Gianfranco Calligarichs Roman Der letzte Sommer in der Stadt. „Gianfranco Calligarich, der die Veröffentlichung seines Debüts der Schriftstellerin Natalia Ginzburg verdankte, lange als Regisseur beim italienischen Fernsehen arbeitete, dann ein erfolgreiches Off-Theater gründete und erst seit 2004 mit einigen Romanen erneut als Schriftsteller reüssierte, lässt etliche autobiografische Erfahrungen in seinen Erstling einfließen.“
Gianfranco Calligarich, Der letzte Sommer in der Stadt (aus dem Italienischen von Karin Krieger; Zsolnay Verlag)
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„Eskalation in einer Sommernacht“: Damals in den 90ern: Willi Achtens Rückkehr ist eine spannende Dorf- und Familiengeschichte – und bräuchte gar nicht so viel Verzögerungstaktik, um zu überzeugen. „‚Ich war gespannt bis zur letzten Zeile‘, zitiert der Verlag den Schriftstellerkollegen Norbert Scheuer. Und tatsächlich sorgt Willi Achten mit viel Aufwand dafür, dass man erst sehr spät im Buch der Auflösung näherkommt. Ja, der Autor strapaziert diese Verzögerungstaktik mehr als nötig. Immer wieder gibt es ein Raunen und eine Andeutung.“
Willi Achten, Rückkehr (Piper Verlag)







