Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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„Ich ist ein Wanderer“: Gewundene Wege, romantischer Blick, freche Schnauze: Tomer Gardis doppelter Identitätsroman Eine runde Sache bringt einen erfrischenden Ton in den Zugehörigkeitsdiskurs. „Die Odyssee selbst ist schließlich schon die halbe Ankunft: Tomer Gardi feiert den Irrweg und das Missverstehen, denn auch so, ja: nur so geht es voran. Immer eine Frage der Perspektive, die Idylle.“
Tomer Gardi, Eine runde Sache (zur Hälfte aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer; Literaturverlag Droschl)
„Dezidiert gesellschaftskritische Positionen gehörten in ihr Repertoire“: Entscheidende Forschungsimpulse kamen oft von Frauen: Ein Band erinnert an die ersten Kunsthistorikerinnen und zeigt, dass einige von ihnen ihrer Zeit voraus waren. „Deutlich wird einmal mehr, dass nicht nur die Kategorie Geschlecht, sondern – zumindest teilweise – auch die Vorstellungen von wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung kulturell ‚gemacht‘ sind. Schließlich lässt der Band erahnen, dass andere institutionelle Rahmenbedingungen – in der Türkei, in Indien oder in den Vereinigten Staaten – teils wesentlich günstiger für Kunsthistorikerinnen waren als das sich auf Humboldt berufende und sich selbst feiernde deutsche Universitätssystem.“
K. Lee Chichester und Brigitte Sölch (Hrsg.), Kunsthistorikerinnen 1910–1980. Theorien, Methoden, Kritiken (Reimer Verlag)
„Koketterie herrscht nicht nur im Titel“: Robert Schneider ist zurück: Dreißig Jahre nach Schlafes Bruder erscheint die Kürzestgeschichtensammlung Buch ohne Bedeutung. „Man könnte meinen, Schneider hätte sich hier lustvoll einer Beschränkung unterworfen, wie sie jene internationalen Autoren der Sechzigerjahre schätzten, die Oulipo betrieben (eine Abkürzung für die in Frankreich begründete ‚Werkstatt für potentielle Literatur‘ – ouvroir de littérature potentielle). Sie sahen in formalen Herausforderungen eine inhaltliche Bereicherung ihrer Texte. Und es dürfte auch für Schneider eine produktive Herausforderung gewesen sein, all die großen Fragen, die das Buch ohne Bedeutung behandelt, in derart kleine Form zu kleiden.“
Robert Schneider, Buch ohne Bedeutung (Wallstein Verlag)
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„Zweite Haut“: Legacy Russell ist das Wunderkind der New Yorker Digitalkunst. In ihrem Manifest Glitch Feminismus rät sie zur Verschlüsselung des weiblichen Körpers. „Die (Übersetzung) begnügt sich nicht einfach damit, den Glitch-Bestand ihrer Vorlage zu verwalten, sondern schießt andauernd über jegliche Ziele hinaus, stellenweise so weit, dass es die Brüche und Störgeräusche verstärkt und verdoppelt, aus denen laut Russell die vielversprechendsten Freiräume entstehen. (…) Damit leisten Cotten & Co. nicht nur eine bemerkenswerte Vermittlungsleistung, sondern dichten den zwölf Kapiteln heimlich ein dreizehntes hinzu. Seine Überschrift müsste lauten: Glitch ist Übersetzung.“
Legacy Russell, Glitch Feminismus. Ein Manifest (aus dem Englischen von Ann Cotten, B. Eder, F. Füchsl, M. Kanak, J. Kraner, C. Palzer, F. Sironic, L. Thießen und B. Williams Cohen; Merve)
„Habe ich all das Geld verdient?“: In der Kunst gibt es keinen sinnvollen Zusammenhang zwischen Qualität und Erfolg. Von Kristen Roupenian. „Ich könnte sagen: Ich habe alles, was ich mir je gewünscht habe, aber das wäre gelogen, denn die Wahrheit ist, dass ich nie den Mut aufgebracht hätte, mir Geld und Freiheit in diesem Ausmaß auch nur zu wünschen. Und während es Tage gibt, an denen ich in der Lage bin, Dankbarkeit zu empfinden, gibt es sehr viel mehr Tage, an denen ich mich leer und ängstlich und verunsichert fühle.“
„In Trauer vereint“: Alte Weggefährten: Günter Maschkes Traueranzeige. „Der kürzlich mit 79 Jahren verstorbene Maschke gehörte zu denen, für die das militärische Wortungeheuer ‚Querfrontler‘ erst erfunden wurde, ehemals ein aktiver Achtundsechziger, Bewunderer von Adorno und Ernst Bloch, dann, in den Siebzigerjahren nach einer konservativen Wende unter dem Herausgeber Joachim Fest Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.“
„Ronen Steinke über Ungerechtigkeit“: „Steinke arbeitet durch das gesamte Buch mit konkreten Fällen, mit Menschen und deren Geschichten, dies macht die komplexe Thematik greifbar und verständlich.“
Ronen Steinke, Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich. Die neue Klassenjustiz (Berlin Verlag)
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„Für Einsame, Ratlose, Unruhige, Verzweifelte“: Judith Kuckart schreibt in ihrem Roman Café der Unsichtbaren über Menschen, die sich bei der Telefonseelsorge engagieren – wie auch sie selbst sechs Jahre lang. Eine Begegnung in Berlin. „Sie erzählt von den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, deren Leben berühren sich während der Handlungszeit zu Ostern in dem Büro, im Rückblick während der Schulungen, in privaten Begegnungen. Sie haben eigene Sorgen, die ihnen dabei helfen, andere zu verstehen.“
Judith Kuckart, Café der Unsichtbaren (Dumont)