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Umgeblättert heute: „Wer diesen Sound einmal gelesen hat, wird nicht mehr von ihm lassen wollen“

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:

 

„Diese in Gott vergnügten Büchlein“: Je älter, desto lustiger: Die vier Bände, mit denen das erzählerische Werk jetzt komplett ediert ist, zeigen, wie schwer es der späte Thomas Mann in Deutschland hatte. „Die Herausgabe des rein Erzählerischen ist hiermit jedenfalls abgeschlossen und dürfte auf Jahrzehnte Gültigkeit haben. (…) Wollte man editionsphilologisch päpstlicher sein als der Papst, dann käme man um die Feststellung nicht herum, dass bei Weitem nicht alle Bände säuberlich zwischen Kommentar und Interpretation trennen. Zu weit ist die Forschung gediehen, als dass man sich noch in einem abgezirkelten Bereich rein positivistischen, gesicherten Wissens bewegen und der Ver­suchung widerstehen könnte, den weiten Raum der Deutung zu betreten. Man anerkenne also die philologische und die moralische Leistung!“
Thomas Mann, Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke – Briefe – Tagebücher. Bd. 6: „Späte Erzählungen 1919–1953“ (hrsg. und textkritisch durchgesehen von Hans Rudolf Vaget unter Mitarbeit von Angelina Immoos (Bd. 6.1), Kommentar von Hans Rudolf Vaget (Bd. 6.2); Verlag S. Fischer)

Bd. 11: „Der Erwählte“. Roman (hrsg. und textkritisch durchgesehen von Heinrich Detering und Maren Ermisch (Bd. 11.1), Kommentar von Heinrich Detering und Maren Ermisch (Bd. 11.2); Verlag S. Fischer)

„Bulle auf Ecstasy“: Marieke Lucas Rijnevelds Roman Mein kleines Prachttier erzählt von einer fatalen Liebe in einem ländlichen Sommer. „Die Prosa ist nicht frei von Peinlichkeiten, die Selbstentblößung des Tierarztes wirkt manchmal beschämend. Es wirkt, als wollte er seine eigene Pubertät nachholen, als wäre er in seiner Entwicklung zurückgeblieben, renne einer ungelebten Existenz hinterher. Erträglich wird der Monolog durch die poetische Sprache, die Unmittelbarkeit in der Darstellung der Emotionen, die Metaphern und Vergleiche aus der Tier- und Pflanzenwelt.“
Marieke Lucas Rijneveld, Mein kleines Prachttier. Roman (aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen; Suhrkamp Verlag)

 

Reiseteil: Bücher über das Fotografieren

„Wer sind sie?“: Joel Meyerowitz, Die Lizenz zu sehen, Midas

„Was willst du?“: Sina Blanke und Jan Glatte, Draußen fotografieren. Wie du mit einfachen Mitteln beeindruckende Fotos in der Natur machst, Humboldt

„Wo soll ich hin?“: Michael Martin, Die Welt im Sucher – Abenteuer eines Fotografen, Knesebeck

 

„Der Mann ohne Legende“: Aus Nobelpreisgründen neu aufgelegt: Abdulrazak Gurnahs vielschichtige Meistererzählung Ferne Gestade aus dem Jahr 2001. „Im Roman Ferne Gestade summieren sich Gurnahs Lebensthemen zur vielschichtigen Meistererzählung. Gezeichnet wird ein Wimmelbild vom Alltagsleben dieser geschäftigen Küstenregion mit ihren Kleinhändlern, Tagelöhnern, Trödlern und undurchsichtigen Kaufleuten aus dem Golf. Akkurat werden die Rangstufen und feinen ethnischen Unterschiede dieser muslimischen Männerwelt konturiert, mit ihren sorgsam austarierten Höflichkeits- und Respektformeln, ihren rigiden Clan-Strukturen und uralten Feindschaften, während die ins Haus verbannten Frauen eine weibliche Gegenwelt ohne Männer entfalten.“
Abdulrazak Gurnah, Ferne Gestade (aus dem Englischen von Thomas Brückner; Penguin Verlag)

„Scharfer Spott“: Wer diesen Sound einmal gelesen hat, wird nicht mehr von ihm lassen wollen: Eduard von Keyserlings Berichte aus der Kulturwelt der Jahrhundertwende. „Keyserlings Erzählungen und Romane haben in ihrer Wirkung auf das lesende Publikum einige Wellentäler durchmessen, ohne je völlig vergessen zu werden. Man kann wohl sagen: Wer einmal vom Keyserling-Sound gefangen ist, der wird nicht mehr von ihm lassen wollen. Es ist ein Ton der Beschreibung teilweise durchaus dekadenter Menschen in einer durchaus nicht dekadenten Sprache.“
Eduard von Keyserling, Kostbarkeiten des Lebens. Gesammelte Feuilletons und Prosa (hrsg. von Klaus Gräbner und Horst Lauinger; Manesse Verlag)

„Was lesen Sie gerade, Antje Rávik Strubel?“: „Ich lese mich durch Henrik Ibsens Theaterstücke. Aufregende Frauenfiguren, die schon Ende des 19. Jahrhunderts begriffen, dass sie als Einzelne nicht jahrtausendealte Strukturen sprengen können und doch durchsetzungsstark, eigensinnig, aber auch Verzweifelte sind und in verblüffend griffigen, modernen Sprachwelten agieren …eine Freude.“

 

„Was seynd Leut vor Dinger?“: Seine Kunst ist ein Kriegsprodukt, sie verstört und zerstört: Zum 400. Geburtstag von Christoffel von Grimmelshausen.

„Eine Woche voller Montage“: Heike Geißler macht Staunen mit kaltem Zorn und lebhaftem Witz, während ansonsten nichts recht vorankommen mag. „Das ist durchaus ein Buch des in muntere Worte heruntergekühlten Zorns. Heruntergekühlt ist der Zorn einerseits sarkastisch, andererseits selbstironisch, einerseits sentenzenhaft, andererseits aufgekratzt und ausgesprochen witzig. Gerichtet ist er kurz gesagt gegen soziale und politische Verwerfungen.“
Heike Geißler, Die Woche (Suhrkamp)

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