Renommierte Literaturkritiker*innen nennen monatlich – in freier Auswahl – vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie möglichst viele Leser*innen wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3).
Renommierte Literaturkritiker*innen nennen monatlich – in freier Auswahl – vier
1.Katerina Poladjan: Zukunftsmusik (S. Fischer Verlag)
Die Zukunftsmusik, die Katerina Poladjans neuem Roman ihren Titel gegeben hat, ist zu Beginn ein Trauermarsch. Das Buch spielt an einem einzigen Tag, am 11. März 1985. Es ist der Tag, an dem der Zusammenbruch der Sowjetunion seinen Anfang nimmt. Wohin das geführt hat, sehen wir heute.
2.Esther Kinsky: Rombo (Suhrkamp Verlag)
Am Abend des 6. Mai 1976 erschütterte ein schweres Erdbeben die norditalienische Region Friaul. Esther Kinsky kreist in ihrem multiperspektivisch erzählten Prosastück um dieses Ereignis, nimmt Menschen und Landschaft in den Blick. Verschiebungen werden exakt und zugleich poetisch erfasst. Ein Universalgedächtnis der Zerstörung.
3.Orhan Pamuk: Die Nächte der Pest Übersetzt aus dem Türkischen von Gerhard Meier (Hanser Verlag)
Auf einer paradiesischen Insel bei Kreta bricht zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Pest aus. Die Spezialisten werden der Lage nicht Herr. Verschwörungstheorien machen die Runde; es kommt zu Morden und Anschlägen. Klingt vertraut? Ein historisches Panorama und ein Roman von gesellschaftlicher Aktualität zugleich.
4.Tove Ditlevsen: Gesichter Übersetzt aus dem Dänischen von Ursel Allenstein (Aufbau Verlag)
Nach dem überragenden Erfolg der Kopenhagen-Trilogie ist dieser 1968 erschienene Roman ein weiterer Beleg für Ditlevsens erzählerischen Mut. Eine Frau in der Schreibkrise, die sich in eine psychiatrische Klinik einliefern lässt. Selbstzweifel, Selbstbezichtigungen, Tablettenabhängigkeit. Geschont wird niemand.
5.Heike Geißler: Die Woche (Suhrkamp Verlag)
Weniger Roman als Manifest. Die Ich-Erzählerin, eine Frau um die vierzig, verheiratet, zwei Kinder, in der DDR geboren, im Arbeitermilieu sozialisiert. Plötzlich ist immer wieder Montag. „Die Woche“ erzählt quasi plotfrei von Zumutungen und transportiert den Begriff „literarisches Engagement“ in die Gegenwart.
6.Julia Schoch: Das Vorkommnis Roman (dtv Verlagsgesellschaft)
Eine Lesung in Norddeutschland. Eine Frau tritt an den Tisch der Autorin und behauptet, deren Halbschwester zu sein. »Das Vorkommnis« ist der Auftakt zu einer Trilogie, in der das Selbst- und Weltbild von Frauen erschüttert wird. Eine »Einladung zur Empathie«, wie die Autorin selbst es formuliert.
7. Michel Houellebecq: Vernichten Übersetzt aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek (DuMont Buchverlag)
Ein Ereignis: Ein neuer Houellebecq, mehr als 600 Seiten dick. Und vielleicht sein letzter, wie er im Nachwort andeutet. Zumindest einer seiner bislang menschenfreundlichsten Romane. In einer Welt der nahen Zukunft erscheint das Private als einzig möglicher Rückzugsraum. Dort gibt es tatsächlich so etwas wie Glück. Erstaunlich.
8.Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer Roman (S. Fischer Verlag)
Ein junger Bauer, der in einer Kulturlandschaft im Umbruch um den Anschluss an die Gegenwart kämpft. Ein Leben, das man sich nicht ausgesucht, sondern in das man alternativlos hineingeboren wurde. Und eine Aussicht auf ein Happy End, das nicht kommen wird. „Wilderer“ ist ein heilloser Heimatroman.
8.Yasmina Reza: Serge Roman. Übersetzt aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel (Hanser Verlag)
Mit komödiantischem Gestus stellt Yasmina Reza die gängigen Werte auf den Prüfstand. In ihrem neuen Roman geht es um eine Jüdin, die als Antisemitin bezeichnet wird, und um den Umgang mit dem Holocaust-Gedenken. Der Höhepunkt ist eine Familienreise nach Auschwitz. So respektlos wie Reza schreibt darüber niemand.
10. Kristine Bilkau: Nebenan Roman (Luchterhand Literaturverlag)
Kein klassischer Horrorroman, und doch wird der Schauer des Alltäglichen subtil inszeniert. Plötzlich verschwinden die Nachbarn spurlos. Ein mysteriöser Junge taucht auf. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung verschwimmen. Die Unheimlichkeit liegt in der Sehnsucht nach einer Welt ohne Brüche. Doch die gibt es nicht mehr.
10. Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt Roman. Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger (Zsolnay Verlag)
Der 1973 im Original erschienene Roman, in Italien ein Kultbuch, liegt nun erstmals auf Deutsch vor: Leo Gazzarra kommt Anfang der 1970er-Jahre nach Rom, arbeitet als Journalist, lernt eine Frau kennen. Die Boheme-Epoche wirkt noch nach. Ein atmosphärisch elegantes Stadt- und Epochenporträt.
Die Jury Gerrit Bartels (Berlin) │Helmut Böttiger (Berlin) │ Michael Braun (Heidelberg) │ Gregor Dotzauer (Berlin) │ Martin Ebel (Zürich) │ Eberhard Falcke (München) │ Cornelia Geißler (Berlin) │ Sandra Kegel (Frankfurt) │ Dirk Knipphals (Berlin) │Sigrid Löffler (Berlin) │ Ijoma Mangold (Berlin) │ Klaus Nüchtern (Wien) │ Jutta Person (Berlin) │ Wiebke Porombka (Berlin) │ Iris Radisch (Hamburg) │ Ulrich Rüdenauer (Bad Mergentheim) │ Denis Scheck (Köln) │ Marie Schmidt (München) │ Christoph Schröder (Frankfurt) │ Julia Schröder (Stuttgart) │ Gustav Seibt (Berlin) │ Shirin Sojitrawalla (Wiesbaden) │Hubert Spiegel (Frankfurt) │ Nicola Steiner (Zürich) │ Daniela Strigl (Wien) │ Beate Tröger (Frankfurt) | Kirsten Voigt (Baden-Baden) │ Jan Wiele (Frankfurt) │ Insa Wilke (Berlin) │ Hubert Winkels (Köln)