Das antifaschistische Exil von 1933-1950 ist längst aufgearbeitet? Von wegen! Immer wieder tauchen neue Werke auf, die der Geschichte neue Facetten hinzufügen. Wie zum Beispiel die Kurzprosa von oftmals vergessenen Autoren, die in heute kaum noch bekannten Exilzeitschriften erschienen ist. Hans-Albert Walter hat sie über Jahrzehnte gesammelt – veröffentlich wird sie nun postum, sechs Jahre nach seinem Tod, von Ulrich Faure und Peter Graf.

BuchMarkt: Das ist immer unsere erste Frage: Worum geht es in Exil!?
Ulrich Faure: Es ist eine bisher so noch nicht gehabte Kurzprosa-Anthologie von 91 Exilautoren aus den Jahren 1933-1950. Diese Anthologie war in der 1990er Jahren für die legendäre Exilreihe der Büchergilde Gutenberg vorgesehen, die der Exilforscher Hans-Albert Walter dort herausgegeben hat, ist aber aus verschiedenen Gründen nie erschienen. Das komplette Manuskript fand sich im Nachlass auf dem Dachboden von Hans-Albert Walter.
Wem könnte ein Buchhändler Exil! mit welchem Argument am besten verkaufen?
Peter Graf: Allen Literaturinteressierten, die auf Entdeckungen aus sind. Unsere drei Bände zeigen – thematisch unterteilt – die ganze Vielstimmigkeit des Exils, Walter hat ein halbes Jahr allein in die Quellenrecherche investiert und noch die entlegenste Zeitung nach Texten durchforstet. Neben bekannten Namen stehen viele, die inzwischen der Vergessenheit anheimgefallen sind, ob zu recht oder unrecht – muss der Leser selbst entscheiden.
Naja, Prosa aus dem Exil ist doch nun wirklich kein unbekanntes Gebiet…
Ulrich Faure: Walter hat Exilzeitungen und Zeitschriften gesichtet, die vor ihm (und nach ihm) keiner mehr so intensiv nach literarischen Texten durchforstet hat, wie z.B. das Pariser Tageblatt und die Pariser Tageszeitung. Und so enthält die Auswahl zahlreiche, seit der Erstveröffentlichung nie mehr verlegte Erzählungen. Zu entdecken gibt es unbekannte Autorinnen und Autoren, aber auch Kurzprosa von sehr etablierten Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die den allermeisten Lesern unbekannt sein dürften.
Haben Sie ein paar Beispiele?
Ulrich Faure: Die Sujets und Schreibweisen sind vielgestaltig, Anekdoten auf wenigen Zeilen von Roda Roda gehören ebenso dazu wie das Genre der Kurzprosa fast schon sprengende Texte wie die von Thomas Mann oder Stefan Zweig. Der nach seiner Abkehr vom Kommunismus als Verräter gebrandmarkte Gustav Regler steht neben dem linientreue Karl Schmückle, der 1937 als bei der Deutschen Operation des NKWD als Trotzkist verhaftet und ein Jahr später liquidiert wurde. Gelungen ist in dieser Textzusammenstellung also so etwas wie der literarische „Sound“ des Exils, der von gelegentlichen Mißtönen nicht verschont geblieben ist.
Herangezogen wurde bei der Aufnahme in diese Edition übrigens stets der Erstdruck, der oft genug bis heute auch der einzige Abdruck geblieben ist. Die – wie die Beispiele Kisch und Seghers zeigen – für spätere Ausgaben (stilistisch) noch einmal bearbeitet wurden.
Sie weisen im Vorwort darauf hin, dass das Thema Exil leider wieder brandaktuell ist…
Peter Graf: Tja, mit historischen Parallelen ist es immer so eine Sache, eines aber ist gewiß: Krieg, Vertreibung und Exil sind keineswegs Begriffe, die wir nur aus einer weit zurückliegenden und weitestgehend überwunden geglaubten Zeit kennen, ganz im Gegenteil: Sie sind, wie wir spätestens seit dem Beginn des Ukraine-Krieges wieder wissen, von trauriger (und gleichbleibender) Tagesaktualität. Wir haben es nur nicht wahrhaben wollen, dass das Thema Exil sich auch für uns nicht mit dem Jahr 1945 erledigt hat. Die „ewigwährenden Exilthemen“ wie Vertreibung, Rettung des eigenen Lebens, Sorge um Daheimgebliebene, die Frage, womit jetzt die Existenz zu bestreiten sei, sind und bleiben auf der Tagesordnung.
Franziska Altepost