
An dieser Stelle schreibt Literaturagent und Autor Thomas Montasser regelmäßig über Absonderlichkeiten des Literaturbetriebs – heute geht es um die Frage: Kann das Literatur sein? Oder ist das vielleicht doch bloß Unterhaltung?
Haben Sie mal Charles Dickens gelesen? Der kann durchaus anspruchsvoll sein. Unglaublich kunstvoll in der Formulierung, subtil in der Figurenzeichnung, raffiniert im Plotting, kurz: ein begnadeter Literat. Also für unsereins. Zu seiner Zeit war er mehr sowas wie ein Schundautor. Hat seine Romane in zweifelhaften Zeitungen als Serie abgedruckt, ja sogar ganz gezielt für diese Art von Verwertung geschrieben. Weil er wusste, wie man aus Worten Kohle macht.
Ich frage mich, ob manche Trivialfeder unserer Zeit dereinst ebenfalls als Weltliteratur gehandelt werden wird. Heute noch Influencer und Selfpublisher mit sprachlichen Defiziten, in fünfzig Jahren Kulturerbe der Menschheit? Der Blick in die ferne Zukunft ist sehr spekulativ. Der in die Gegenwart zeigt aber, dass sich Bewertungen ändern. Jenen, die die Nase über Autoren wie Dickens oder Austen, Balzac oder Shelley rümpften, können wir heute sagen: Nicht die Bücher waren schlecht, sondern die Nasen.
Unsere sind das meines Erachtens übrigens oft auch. Immer noch ist es ja ein weitverbreitetes Phänomen, dass wir dem Unterhaltsamen, Mitreißenden, Packenden misstrauen. Kann das Literatur sein? Oder ist das vielleicht doch bloß Unterhaltung?
Neidvoll blicken wir gelegentlich in den englischsprachigen Raum, wo man sich diese Unterscheidung gar nicht erst angewöhnt hat. Ein gutes Buch ist ein gutes Buch! Wenn es dabei unterhält: umso besser!
Gut, in der Leserschaft kommt diese Erkenntnis meiner Beobachtung nach auch zunehmend an. Immer öfter wird „gehobene Unterhaltung“ oder, wie man heutzutage sagt, „Upmarket Entertainment“ angefragt. Ich möchte es lieber „literarische Unterhaltung“ nennen, weil es klar signalisiert: Wir bewegen uns in der Welt der Literatur, auch wenn sie uns unterhält.
In den Medien, namentlich in den Feuilletons dagegen hält man noch große Stücke auf seine Nase. Da wird über Unterhaltendes nur berichtet, wenn es so überragend erfolgreich ist, dass man sich einen grandiosen Verriss nicht verkneifen kann. Dabei macht sich das Feuilleton auch sonst kaum noch die Mühe einer echten Rezension. Man berichtet lieber nur noch phänomenologisch. Ist für die Leserschaft auch interessanter. Wer will schon was über Figurenzeichnung und semantische Experimente lesen. Interessanter ist doch, was es drumherum zu berichten gibt: wie oft der Autor inzwischen geschieden ist oder wie viele Kinder von wie vielen verschiedenen Männern die Autorin hat, wie sensationell die Bezahlten Honorarvorschüsse waren oder dass originale Kochrezepte von Trotzki in dem Manuskript verarbeitet wurden (geheime natürlich).
Ich bin sicher, demnächst werden wir in allen Feuilletons ausführliche Berichte über den ersten Roman aus der Feder einer KI lesen. Mehr als ein paar Belanglosigkeiten zum Inhalt dürften kaum erwähnt werden – aber umso mehr zur KI und ihren Fähigkeiten. Übrigens mit der Folge, dass das Buch durch die Decke gehen wird! So macht man heute PR.
Was in dem Roman drinsteht? Meine Güte, wenn Sie es wissen wollen, lesen Sie ihn selbst. Wie er zustande gekommen ist, das ist die Story! So wie der erste Roman, der von einem Inuit vollständig in den Schnee gepinkelt wurde. Der Mann mit dem Goldenen Cold sozusagen. Nature writing mal ganz anders. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist eine Meldung! Was er geschrieben bzw. gepinkelt hat? Wen interessiert’s. Aber gut möglich, dass es in drei Generationen als Weltliteratur gilt!