Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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„Buchnabelschau“: Geteilte Leseeindücke: Im Kontrast zur klassischen Lektüre ist Bookstagram-Schmökern ein öffentlich opulentes Happening. „Ein erster Impuls mag es tatsächlich sein, die Einträge mit den hübsch ummantelten, fein fotografierten Buchdeckeln nicht für voll zu nehmen. (…) Und doch ist es falsch, diese Szene als oberflächlich abzutun, die Trivialisierung von Literatur zu fürchten. Im besten Fall bietet sich hier eher ein Versuch von Hochkultur für die Massen. Die Guten unter den Gutwilligen schaffen es, die Sinnlichkeit eines Buchladens ins Internet zu überführen. Sie bewerben das Buch, also das sperrige Ding, nicht eine digitalisierte Bildschirmversion. Sie tragen Lesestoff, ob simple Romanze oder Literatur, vom heimischen Bücherschemel in die Welt hinaus, begeben sich mit ihnen wortwörtlich auf Wanderung.“
„Jeder muss ein Skateboard haben“: Der Schauspieler Johann von Bülow hat seinen Debütroman veröffentlicht: Roxy erzählt von einer alten Freundschaft, die zerbricht. Und einer der beiden Freunde ist Schauspieler. „Retrospektiv nimmt Johann von Bülow den Leser mit in Marcs junges Erwachsenenleben, ins München der Achtzigerjahre. Wir begleiten ihn und Roy ins ‚Wohnzimmer ihrer Jugend‘, das Roxy. Als Schauplatz mancher durchzechter Nächte spielt der titelgebende Club allerdings nicht eine so zentrale Rolle wie erwartet. Anders als eine Europareise auf der Luxusyacht von Roys Vater. (…) Obwohl regelmäßig Namen von Schauspielern, Filmen und Songs aus den Achtzigern eingestreut werden, mag das Gefühl, das der Autor zu vermitteln versucht, nicht richtig ankommen (…)“
- Johann von Bülow, Roxy. Roman. (Rowohlt Berlin Verlag)
„Im wüsten Land“: Iwan Schmeljows Roman Der Toten Sonne erzählt von den Opfern des Bürgerkriegs auf der Krim vor hundert Jahren. „Schmeljow verfasst es 1923 im französischen Exil, in Iwan Bunins Haus in Grasse. Mit seiner Frau hat er die Krim verlassen können. Thomas Mann liest die 1925 erscheinende Übersetzung bei S. Fischer und empfiehlt Schmeljow für den Literaturnobelpreis; Jahre später wird ihn statt seiner der Emigrant Bunin erhalten. Die Lakonie und die Faktizität, zu denen später jene greifen werden, die wie Tadeusz Borowski oder Warlam Schalamow die Menschheitsgräuel des 20. Jahrhunderts überlebt haben, gilt zu Schmeljows Zeiten noch als journalistisch, als Kapitulation der Literatur – nicht als ein dem massenhaften Morden angemessener und mühsam erarbeiteter Stil.“
- Iwan Schmeljow, Der Toten Sonne. Roman. (aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Christiane Pöhlmann; Die Andere Bibliothek)
„Zurück aus dem Permafrost“: Schwer verdaulich: Gerd-Peter Eigners autobiographischer Entwicklungsroman Der blaue Koffer wanderte von Verlag zu Verlag und blieb unpubliziert. Aus dem Nachlass des sperrigen Autors wurde er nun doch veröffentlicht und kommentiert. „Der blaue Koffer ist ein 600-Seiten-Trumm von einem Buch, ein autobiographischer Entwicklungsroman, der leicht zu lesen, aber schwer verdaulich ist. Der Text ist episch ausufernd und manchmal überorchestriert: Wann immer der Autor die Wahl hat zwischen verschiedenen Sprachebenen, verschmilzt er diese zu einer barocken Metapher. Hinzu kommt ein ausführliches Nachwort des Herausgebers Alban Nikolai Herbst, das Zeugnis ablegt von dessen schwieriger Freundschaft mit Gerd-Peter Eigner, sowie ein Editionsbericht des Verlegers, der den Felsbrocken schulterte und sich der Sisyphusarbeit unterzog.“
- Gerd-Peter Eigner, Der blaue Koffer. Ein Werdegang. (herausgegeben von Christoph Haacker und Alban Nikolai Herbst; Arco Verlag)
„Mutter auf dem Thron“: Elisabeth Badinter beschreibt mit einem reichen Schatz von Quellen die Beziehungen zwischen Kaiserin Maria Theresia und ihren Kindern. „Sechzehn Geburten, dreizehn überlebende Kinder – und die Verantwortung für ein multinationales Großreich. Das war der Alltag von Kaiserin Maria Theresia, die von 1740 an von Wien aus das Heilige Römische Reich in der Mitte Europas regierte. Wie konnte sie diese Herkulesaufgaben bewältigen und Familie und Politik vereinbaren? Diesen Fragen geht die französische Philosophin, Historikerin und populäre Autorin Elisabeth Badinter in einem schmalen Buch nach.“
- Elisabeth Badinter, Macht und Ohnmacht einer Mutter. Kaiserin Maria Theresia und ihre Kinder. (a. d. Französischen von Stephanie Singh; Zsolnay Verlag)
„Der kluge Daniel im West-Internat“: Christoph Hein erzählt Anekdotisches aus den merkwürdigen Berliner Jahren vor dem Mauerbau. „Christoph Hein befleißigt sich einer Prosa (ja, befleißigen ist das richtige Verb!), die von Pflichtbewusstsein und Penibilität, aber wenig von Leben durchpulst ist. (…) Zugleich weisen seine Sätze eine überkorrekte Gestelztheit und Bescheidwisserei auf, wie sie bei selbstverliebten Pennälern nicht selten vorkommt. Es wäre für einen Blick in die Erinnerung bei allem gern detailreich auszubreitenden Lokalkolorit eigentlich nicht nötig gewesen, auch diesen 1950er-Jahre-Ton anzunehmen. Nichts für Stauballergiker.“
- Christoph Hein, Unterm Staub der Zeit. Roman. (Suhrkamp)
„Ran an die Oper“: Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken seziert in ihrem neuen Buch Diva berühmte Werke von Giuseppe Verdi bis Alban Berg – und fördert Überraschendes zutage. „Wer die hagiographisch harmlose Stillhalteprosa in Opernführern und Programmheften kennt und darunter leidet, wird bei diesem intellektuell brillanten, wohltuend mit Bildung gespickten und furios inspirierenden Buch vor Begeisterung jubeln. Endlich nimmt mal wieder auch eine Nicht-Musik-Fachfrau die Oper als das zentrale gesellschaftliche und künstlerische Großereignis wahr, das sie nicht nur war, sondern noch immer ist.“
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Barbara Vinken, Diva – Eine etwas andere Opernverführerin (Klett-Cotta)
„Heben, blubbern, lauschen, deuten“: Was bedeutet es, Vater zu sein? Und was, den Vater zu verlieren? Nico Bleutges Gedichtband schlafbaum-variationen. „Sein mittlerweile fünfter Gedichtband macht ein weiteres Mal deutlich, dass er von Ovid über Hölderlin, bis Friederike Mayröcker, Inger Christensen und Elke Erb im ständigen Dialog mit anderen Gedichten arbeitet. Manchmal ist es nur ein Rhythmus, eine Lautreihe oder eine typische Zusammenfügung von Eigenheiten, etwa wenn die Formulierung ‚denkt nämlich einer‘ sofort an Hölderlins Elegien denken lässt.“
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Nico Bleutge, schlafbaum-variationen. Gedichte. (C.H. Beck)
„Comedy noir“: Kenneth Fearings Krimiklassiker Die große Uhr von 1946. „The Big Clock von Kenneth Fearing erschien 1946, es war sein größter Erfolg als Autor, der Roman ist seit seinem Erscheinen präsent im angelsächsischen Raum, auf Deutsch ist er dieses Jahr erstmals erschienen. (…) Ein radikales Krimikonstrukt, es vereint denjenigen, der seine Spuren verwischen muss, mit dem, der diese Spuren lesen muss, in einer Person.“
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Kenneth Fearing, Die große Uhr. (aus dem Englischen von Jakob Vandenberg; Elsinor)
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