Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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„Clara W. mit dem Rilkchen unter dem Arm“: Im Roman Alles behalten, für immer. Ruth Rilke erzählt Erika Schellenberger von der Tochter Rainer Maria Rilkes, die von ihren Eltern abgeschoben wurde und sich später um den Nachlass ihres Vaters kümmern sollte. „Entstanden ist ein lesenswertes, wie leicht hingetupft wirkendes Buch, einfühlsam und voller Witz, das zugleich vor Fakten und Details nur so strotzt.“
- Erika Schellenberger, Alles behalten für immer. Ruth Rilke. Roman. (Verlag ebersbach und simon)
„Propagandistische Großaktion vor alten Parteigenossen“: Einschwörung auf den totalen Krieg: Peter Longerich über Goebbels’ Rede im Berliner Sportpalast im Februar 1943. „Longerich ist ein produktiver und anerkannter Sachbuchautor, der seine Gegenstände mit Sinn für Sprache und Stil zu präsentieren weiß. (…) Das neue Buch scheint aber etwas mit der heißen Nadel gestrickt. Aus verlagspolitisch nachvollziehbaren Gründen sollte es wohl unbedingt zum Jahrestag der Sportpalastrede vorliegen, was knapp gelang. Allerdings um den Preis mancher Oberflächlichkeit.“
- Peter Longerich, Die Sportpalast-Rede 1943. Goebbels und der ‚totale Krieg’. (Siedler Verlag)
„Jung zu sein war himmlisch“: Friedrich Kröhnkes Roman Spinnentempel erzählt vom Charme der Achtundsechziger-Bewegung, ohne sie zu verklären. „Kröhnkes Text ist weder Abrechnung mit noch Lobpreisung von 1968, sondern ein persönlich-intimer Erfahrungsbericht nach dem Motto des Türmers Lynkeus in Goethes Faust II: ‚Es sei, wie es wolle, / es war doch so schön.‘ Kein Sachbuch, das apodiktische Urteile fällt, sondern Literatur – ein Unterschied, der zunehmend in Vergessenheit zu geraten droht.“
- Friedrich Kröhnke, Spinnentempel. Roman. (Rimbaud Verlag)
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„Diskussion beendet“: Der amerikanische Philosoph Raymond Geuss erzählt, wie er es schaffte, kein Liberaler zu werden. War das eigentlich nötig? „Nun, Gegenrede gilt in Geuss’ Deskription eigentlich nicht, aber man darf doch fragen, ob sein Begriff des Liberalismus nicht ein erstaunlicher Pappkamerad ist.“
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Raymond Geuss, Nicht wie ein Liberaler denken. (aus dem Englischen von Karin Wördemann; Suhrkamp Verlag)
„Grausige Grillteller und arme Armleuchter“: Heinz Strunks neue Erzählungen werfen eine große Frage auf: Kann man die Menschen hassen, aber die Menschheit lieben? „Den Figuren aus Der gelbe Elefant ist man allen selbst schon irgendwo begegnet, sie sind wunderbar genau der Wirklichkeit entrissen, aber einige von ihnen erwartet ein surreales Ende.“
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Heinz Strunk, Der gelbe Elefant (Rowohlt Verlag)
„Der Sound des Moralismus“: Es gibt ein Problem mit Paul Brodowskys neuem Roman Väter. „Es kann nicht die Aufgabe von Literaturkritik sein, Lebenshaltungen und Meinungen zu rezensieren. Im Fall von Väter allerdings, weniger ein Roman als eine Mischung aus Familiengeschichte, Selbsterkundung und Erziehungsratgeber, stehen Weltbild und Lifestyle des Ich-Erzählers und entgleiste Sprache in einem untrennbaren Zusammenhang.“
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Paul Brodowsky, Väter. Roman. (Suhrkamp Verlag)
„Er sah, was kam, und zog die Konsequenzen“: Wolfgang Benz schreibt über Georg Elser – dessen perfekt vorbereiteter Versuch, Hitler noch vor Kriegsbeginn umzubringen, zwar scheiterte, seine Landsleute nach dem Krieg aber lange in Verlegenheit brachte. „Wolfgang Benz, Antisemitismusforscher und vielfach publizierender Zeithistoriker, bilanziert in seinem genau recherchierten, klug in die Zeitumstände eingebauten Lebenslauf des Königsbronner Handwerkers diese Debatte also zutreffend: ‚Georg Elser existierte als Schemen weiter. Sein zweites Leben nach dem Tod in Dachau dauerte ein Vierteljahrhundert. Es war von Gerüchten, Verschwörungstheorien und Legenden bestimmt.'“
- Wolfgang Benz, Allein gegen Hitler. Leben und Tat des Johann Georg Elser. (C. H. Beck)