
Im August erscheint bei Hanser das Buch Sauhund von Lion Christ, der für sein Debüt das Münchner Literaturstipendium 2021 erhielt. Sein Buch soll ein Gesprächsangebot sein und das Interesse der Leserschaft wecken, „sich auch darüber hinaus mit dieser Zeit und ihren tollen schwulen und queeren literarischen Stimmen auseinanderzusetzen.“ Anlass für Fragen:
BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch?
Lion Christ: Mein Roman beginnt im Jahr 1983. Der ewige Glücksucher und Taugenichts Flori (21) bricht eines Morgens vom beschaulichen Sonnkirchen (Voralpendland, 500 Seelen) mit seiner windigen Reisetasche nach München auf, lässt seine heimliche Liebelei mit einem Schreinersohn und seine Familie innerlich zerrissen zurück. Obwohl Flori sich zunächst mehr schlecht als recht in der Großstadt durschlägt, ist er trotzdem hin- und weg von all den grandiosen Möglichkeiten, die ihm dort als junger Schwuler plötzlich offenstehen. Wenn man bloß erstmal die einschlägigen Adressen im Nachtleben des Glockenbachviertels kennt! Aber gleichzeitig ist es gar nicht so einfach, zu einer Zeit, in der die Berichterstattungsmaschinerie über AIDS auch in der Kohl-Bundesrepublik breitenwirksam anläuft, seine Homosexualität zu entdecken und emanzipiert auszuleben. Vor allem in Bayern wird sich die Lage bald politisch zuspitzen. (Vgl.: „Dieser Rand muss dünner gemacht werden, er muss ausgedünnt werden!, so etwa Bayerns Schulminister Hans Zehetmair (CSU) über die schwule Szene im Jahr 1987.) Ob Flori trotz allem sein Glück findet, daran arbeite ich mich in meinen Roman Sauhund ab.
Wie entstand die Idee, über dieses Thema überhaupt ein Buch zu schreiben?
Auch als in den 2010er-Jahren sozialisierter, männerliebender junger Mann bekam man noch Sätze hinterhergeworfen wie: „Stirbst doch eh an Aids“. Mich interessierte schon lange, woher die ständige Verknüpfung von Homosexualität mit einer mittlerweile zum Glück gut behandelbaren Krankheit eigentlich kommt, ebenso der Gedanke des gerechten Bestraftwerden eines als unmoralisch empfundenen Lebensstils dahinter, der damit oft verknüpft ist. Ich fand ganz einfach, diese Zeit und der bayerische Sonderweg in Sachen Aidspolitik in den 1980er-Jahren verdienten eine weitere literarische Auseinandersetzung, weil das Thema bisher kaum bearbeitet wurde. Natürlich kann mein Roman lediglich meine persönliche Sicht auf diese Zeit wiedergeben, ist eine turbulente kleine Geschichte unter ganz vielen anderen möglichen Geschichten. Was ich mir am Ende aber wünschen würde, ist, dass das Buch ein Gesprächsangebot darstellt und das Interesse der Leserschaft weckt, sich vielleicht ja auch darüber hinaus mit dieser Zeit und ihren tollen schwulen und queeren literarischen Stimmen auseinanderzusetzen, von Mario Wirz über Gustl Angstmann oder Napoleon Seyfarth bis hin zu Ronald M. Schernikau. Deren Schreiben war oft nur ein Geheimtipp der Subkultur und es fehlte gemeinhin der Mut, diese Geschichten auch Menschen „zuzumuten“, die eine solche Lebensrealitäten nicht teilten. Es ist schön, dass sich in dieser Hinsicht langsam etwas ändert.
Welche Wörter schreiben sich leichter: Die ersten oder die letzten?
Auf jeden Fall hadere ich eher mit den letzten Worten, als mit den ersten. Die purzeln noch fast unschuldig aufs blütenweiße Papier und man sagt sich, ist ja erstmal nur für mich selbst, wird wahrscheinlich eh nie gedruckt. In der letzten Arbeitsphase könnte ich hingegen noch ewig an allem weiterfeilen, Sätze umstellen, hier und da Kleinigkeiten ändern, die vielen wahrscheinlich nicht mal mehr groß auffallen dann, außer mir selbst natürlich. Daher ist es gut, dass es Deadlines gibt und einem Dinge irgendwann auch einfach mal aus der Hand genommen werden, bevor man an ihnen wahnsinnig wird.
An wen richtet sich das Buch?
Hm schwierig, da eine bestimmte Zielgruppe zu benennen. Generell finde ich es eine schöne Vorstellung, nicht nur Menschen zu erreichen, die eh schon im Thema sind, sondern auch solche, die mit ihrem Leben an komplett anderen Punkten stehen, und die sich trotzdem von mir in diese übermütige, schwule Adoleszenzgeschichte einer anderen Zeit verstricken lassen wollen, daran Spaß haben, mal mit Flori zusammen durchs München des Jahres 1983 zu flanieren und sich im Henderson, einem von Freddie Mercurys Lieblingsläden damals, für die nächsten Stunden unsterblich in den übelsten Aufreißertypen des ganzen Schuppens zu verlieben, ach mei, aber was hat der Brusthaare, gell? Für mich ist das Tolle an Literatur eben, dass wir uns für ein paar Stunden in anderen Köpfen verlieren können, die völlig unterschiedlich zu unseren eigenen sind, die uns herausfordern und unseren Blick weiten.
Welche drei Wörter beschreiben es aus Ihrer Sicht perfekt?
Ich würde sagen: Glanz, Schmarrn und Schmerz. Der Glanz etwa äußert sich für mich im unbedingten Willen meines Protagonisten Flori, Schönheit in den Dingen zu finden und der von ihm oft als hässlich empfundenen Welt ein bisschen Glitzer entgegenzusetzen. Das ist ja generell etwas sehr Queeres, diese Lust am glanzvollen Rollenspiel als subversive Haltung zu den herrschenden Verhältnissen, wie man das etwa auch in der New Yorker Ballroom-Szene der 1980er-Jahre beobachten konnte. Aber auch die Kategorie Schmarrn ist mir beim Schreiben von Sauhund wichtig gewesen. Das Leichte im Schweren zu finden ist eine Kunst für sich und ein Spielfeld der Literatur, das mich stets begeistert hat. Und zu guter Letzt wäre da natürlich noch der Schmerz. Ohne Schmerz oder den Willen, bei allem Schillern und Glänzen, bei aller Leichtfüßigkeit und Komik, am Ende auch immer dort hin zu blicken, wo es weh tut, entsteht schlicht keine Literatur für mich, die diesen Namen verdient.