Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
„Doppelspiegelspiel über dem Abgrund“: Was hat die Glatzenbildung mit der Literatur zu tun? Blake Baileys tausendseitige Biographie über Philip Roth setzt vor allem auf Klatsch und Sex, während sie das Werk vernachlässigt. Der Biograph begibt sich darin bisweilen in eine gespenstische Rolle. „Über das literarische Werk erfährt man in diesem dicken Buch ohnehin erstaunlich wenig. Romane werden nur, wie es ausdrücklich heißt, ‚aus biographischem, nicht aus literaturwissenschaftlichem Interesse‘ zitiert. Das muss man bedauern. Zumindest ein Werkverzeichnis wäre angebracht gewesen. Die deutsche Ausgabe verzichtet weise auf den definitiven Artikel der amerikanischen (Philip Roth: The Biography) und ist von Dirk van Gunsteren und Thomas Gunkel mit bewundernswertem Atem übersetzt worden (…). Doch ein ganzes Leben für die Literatur nachzuzeichnen, ohne sich auf diese Literatur ernsthaft einzulassen, zeigt letztlich nicht einmal ein halbes.“
- Blake Bailey, Philip Roth. Biographie. (aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren und Thomas Gunkel; Hanser Verlag)
„Im Salon der deutsch-russischen Bohème“: Zwischen Affären und Weltrevolution: Steffen Kopetzkys Damenopfer ist ein kühn erzählter Historienroman über die Bolschewistin Larissa Reissner, in dem einiges anachronistisch wirkt. „Nur zwei Jahre nach seinem letzten Roman Monschau über eine Pockenepidemie in der jungen Bundesrepublik, den der Autor in der Hochphase der Corona-Pandemie veröffentlichte, knüpft Steffen Kopetzky mit seinem neuen und umfassend recherchierten Historienroman Damenopfer wieder an den Zeitgeist an. Damit ist nicht nur der von Tamara de Lempicka gemalte Art-déco-Bubikopf auf dem Buchdeckel gemeint, der sich im nicht enden wollenden Golden-Twenties-Kult in den Buchhandlungen neben die anderen stellen kann, sondern auch: Russland. Kopetzky erzählt aus dem Leben der russischen Bolschewistin, Weltrevolutionärin, Diplomatin, Autorin und Alleskönnerin Larissa Reissner (1895 bis 1926) und gibt wie in einem Museumsrundgang ein Panorama in die literarischen Salons, Fabriken und Schaltzentralen der Weltpolitik in der Zwischenkriegszeit.“
- Steffen Kopetzky, Damenopfer. Roman. (Rowohlt Berlin Verlag)
„Diktatur und Taschentuch“: Ein dünner Stoff zwischen uns und der Repression: Die rumäniendeutsche Autorin Herta Müller wird 70. „Herta Müller studierte bis 1976 Germanistik und Rumänistik und konnte erst 1987, acht Jahre nach ihrer Entlassung aus der Fabrik, nach Deutschland ausreisen. Bereits in Rumänien hatte sie publiziert, im Westen wurde sie für ihr literarisches Werk vielfach ausgezeichnet; besonders ihr Roman Atemschaukel, der auf den Erfahrungen des mit ihr befreundeten Autors Oskar Pastior während seiner Lagerhaft fußt, erhielt große Resonanz.“
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„Halbe Wahrheiten, feine Lügen“: Maxim Biller widmet sich in seinem Roman seiner Mutter. Ihm gelingt ein leichtes, schweres Meisterwerk – und das gegenwärtig beste erste Kapitel. „Manche Romane verdienen völlig unnachprüfbare Superlativ-Urteile, und das hier ist unbedingt einer davon: Mama Odessa beginnt mit dem gegenwärtig besten ersten Kapitel der deutschen Literatur. Biller zaubert mit scheinbar locker hingeworfenen Sätzen eine Familiengeschichte, die einen sofort in den Bann zieht.“
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Maxim Biller, Mama Odessa. Roman. (Verlag Kiepenheuer und Witsch)
„Das Wort ist nicht verhandelbar“: Immer wieder bezeugt Herta Müller ihre Erfahrung mit Diktatur und Exil. Nun wird die Trägerin des Literaturnobelpreises 70 Jahre alt. „Die Erfahrung der Diktatur ist Ausgangspunkt und Erfahrungskern in Herta Müllers literarischem Werk. Er ist eng verknüpft mit ihrem zweiten Lebensthema, dem Exil. Sie ist Initiatorin und Schirmherrin des Exilmuseums Berlin, das auf der Freifläche neben der Portalruine des Anhalter Bahnhofs entstehen soll. Von dieser Verknüpfung handelt ihr Buch Eine Fliege kommt durch einen halben Wald, das kurz vor ihrem 70. Geburtstag erschienen ist. Es versammelt Gelegenheitsarbeiten, die im vergangenen Jahrzehnt entstanden sind, Dankesreden, Buchvorstellungen, Ausstellungseröffnungen und manches mehr.“
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Herta Müller, Eine Fliege kommt durch einen halben Wald (Hanser)
„Die gestohlene Lebenszeit zurückstehlen“: Zum 70. Geburtstag der Dichterin und Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. „Wer ihre kurze Prosa oder ihre frühen Romane wie Reisende auf einem Bein oder Der Fuchs war damals schon der Jäger gelesen hat, wird schon diese zusätzliche Dimension zu schätzen gewusst haben, die Herta Müller durch ihre Art des Schreibens erschafft. Nochmal deutlicher zu erleben ist das mit dem grandiosen Roman Atemschaukel, der aus dem Inneren eines Arbeitslagers in der Sowjetunion erzählt. Die Erfahrung von Hunger, Angst, Heimweh, Verwahrlosung drückt sich in einer Sprache aus, die über das Formulierte hinaus eine immense Wirkung auf den Leser, die Leserin hat.“
- Herta Müller, Eine Fliege kommt durch einen halben Wald (Hanser Berlin)
- Herta Müller, Der Beamte sagte (Hanser Verlag)
„Danach sind sie keine Freunde“: Jan Costin Wagner erzählt erneut aus dem Leben eines pädophilen Ermittlers. „Es ist der typische, etwas abgehackte Jan-Costin-Wagner-Ton aus kurzen Sätzen, es ist ein Erzählen, das Dinge oft nur andeutet oder ganz offen lässt. Auch die Dialoge sind knapp, die Figuren gern maulfaul, aber gerade darum realitätsnah. (…) Einer von den Guten ist zu großen Teilen ein psychologischer Roman, Krimileserinnen werden diesmal eher nicht auf ihre Kosten kommen. Doch entsteht ein Sog, zieht es einen mit, wie man hier in den Kopf Ben Nevens sehen kann. Man erfährt, wie sehr er an seiner Familie hängt und sie auf keinen Fall verlieren will, erfährt, wie sehr er sich gerade darum vor der Enttarnung fürchtet.“
- Jan Costin Wagner, Einer von den Guten (Galiani Berlin)