
Nicole Schindler, Leiterin Vertrieb, Marketing & Presse der Ratgeber des Verlags Eugen Ulmer berichtet im BuchMarkt-Gespräch wie die Ratgeberverlage den aktuellen Marktherausforderungen mit neuen Messeplänen und Ideen für die Warengruppe Ratgeber begegnen wollen.
Die Warengruppe Ratgeber steht im Buchhandel unter Druck: Die Sichtbarkeit am POS schwindet, Regalflächen werden weniger, und die digitale Konkurrenz durch Internet, KI und Fake Ratgeber stellt die Verlage vor Herausforderungen. Im Interview gibt Nicole Schindler, Sprecherin der IG Ratgeber, Einblicke in die aktuelle Marktlage, in neue Initiativen für die Frankfurter Buchmesse 2026 und in das Ziel, Ratgeber in der Wahrnehmung wieder zu stärken.
BuchMarkt: Frau Schindler, wie ist die aktuelle Lage im Ratgebermarkt – und wie war die Stimmung auf der letzten IG-Tagung?
Nicole Schindler: Die Stimmung unter den Verlagen war überraschend gut – trotz schlechter Zahlen. Es gibt ein Gefühl von Zusammenhalt, weil viele mit denselben Herausforderungen kämpfen. Die IG Ratgeber Verlage haben auf der Tagung abgestimmt, die Warengruppe Reise mit aufzunehmen, da diese bisher nicht in einer Arbeitsgruppe vertreten war. Reise und Ratgeber teilen viele gemeinsame Themen und leiden beide u.a. an Sichtbarkeitsproblemen im Handel. Am Point of Sale schrumpft der Platz, englischsprachige Literatur und Young Adult drängen ins Sortiment – obwohl die Ratgeber die drittgrößte Warengruppe ist, gerät sie zunehmend aus dem Sichtfeld im Handel. Wir möchten dafür werben, die umfangreiche Themenvielfalt von Ratgeber und Reise wieder attraktiv im Handel zu platzieren. Beispielsweise können thematische Veranstaltungen mit Ratgeber-Autor:innen für deutlich mehr Frequenz am POS sorgen.
Warum tut sich der Buchhandel mit der Warengruppe so schwer?
Oft fehlt das persönliche Verhältnis zur Kategorie. Dabei sind Buchhändler:innen selbst Ratgeber, sie beraten ihre Kund:innen täglich. Statt möglichst viele Bereiche nur oberflächlich abzudecken und nur Spitzentitel zu platzieren, wäre es besser, sich auf einzelne Themenwelten zu konzentrieren und diese dann mit Tiefe und Leidenschaft zu betreuen. Zufriedene Ratgeber-Käufer:innen, die ihre Hobbys und Leidenschaften ausbauen, kommen wieder regelmäßig in die Buchhandlung zum Ratgeberregal und freuen sich über eine breite Auswahl.
Eine Vorbildfunktion kann die Präsentation auf den Buchmessen sein. Hier haben Sie als IG Ratgeber für die Frankfurter Buchmesse 2026 große Pläne. Wie sehen diese konkret aus?
Für die Frankfurter Buchmesse 2026 planen wir eine gemeinsame Ratgeber-Themenwelt auf 180 Quadratmetern in Halle 3.0, bunt, auffällig, mit Event-Bühne und starker inhaltlicher Inszenierung. Verlage wie Trias, Kosmos, Dorling Kindersley, Hädecke, Ulmer und Tietge haben bereits zugesagt. Ziel ist es, den Handel und Endkund:innen die ganze Themenvielfalt der Ratgeberwelt zu präsentieren. Wir glauben, dass die Kund:innen Ratgeber über ihre Themen, Optik und Haptik auswählen und die Markennamen eine untergeordnete Rolle spielen. Wir stellen uns das folgendermaßen vor: In der grünen Themenwelt stehen beispielsweise alle Ratgeber zu Garten und Natur aus sämtlichen Verlagen zusammen. Essen und Trinken erhält eine komplett andere Visualisierung. Das gilt auch für weitere Themenfelder.
Ob Verlage eine „Zweitplatzierung“ planen oder ihre Marke vollständig in der gemeinsamen Ratgeber-Themenwelt abbilden, bleibt selbstverständlich ihnen überlassen. Ich freue mich, dass wir Christoph Ostermann für Koordination zwischen den Verlagen, Messen und Dienstleistern gewinnen konnten. Wer noch mitmachen möchte, kann sich gerne bis zum 30.06. an Herrn Ostermann wenden: ostermann@ostermann-beratung.de. Wir erarbeiten derzeit zusammen mit Messebauern und einer Agentur ein Konzept, das auch optisch auffällt. Das möchten wir spätestens zur Messe 2025 den Ratgeberverlagen präsentieren.
Wir möchten mit dem neuen Konzept auch jüngere Menschen ansprechen und begeistern, die Ratgeberwelt zu entdecken. Wir haben überlegt, auch den jungen Menschen aus den Verlagen eine weitere Plattform zu geben, verlagsübergreifend zu netzwerken und selbst ins Gespräch mit Ratgeber-Zielgruppen zu kommen. Eine gute Möglichkeit dafür wäre, dass sie z.B. am Messewochenende unsere gemeinsame „Buchhandlung“ eigenverantwortlich betreuen.
Wie reagieren Sie in ihrem eigenen Programm auf das veränderte Nutzer:innenverhalten?
Im Juni starten die Ulmer Guides, eine Mischung aus Journal und Ratgeber, die einen niedrigschwelligen Einstieg für jüngere Zielgruppen oder für Menschen, die sich erstmalig mit einem Thema beschäftigen, bieten sollen. Sie verbinden Wissen mit Raum für eigene Erfahrungen: Man kann schreiben, dokumentieren, ausprobieren – etwa beim Brotbacken, einer veganen Ernährungsweise oder beim Entdecken von Heilpflanzen. Gerade in einer schnelllebigen Welt, in der klassische Leseformate nicht immer greifen, wollen wir so neue Wege in die Themenwelt öffnen. Außerdem sind viele Seiten via QR-Code zusätzlich digital erhältlich.
Gibt es weitere Zukunftspläne der IG Ratgeber?
Das Thema KI und der Praxis-Bezug und Austausch bleibt weiterhin ein wichtiger Punkt auf unserer Agenda. Es gibt Überlegungen, die frühere Roadshow mit dem Thema „Ratgeber, eine attraktive Warengruppe“ durch Deutschland wiederzubeleben mit dem Ziel, Buchhändler:innen die den Zugang zur Warengruppe erleichtern und Know-how zu vermitteln. Die Ratgeber haben Potenzial, wenn man sie mit Überzeugung inszeniert – sei es im Laden oder auf der Messe. Dafür setzen wir uns ein.
Die Fragen stellte Hanna Schönberg