In rund einem Monat, am 30. September, finden die Wahlen um den Vorsteher:innen-Posten des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels statt. Sebastian Guggolz, Verleger des Guggolz Verlags, und Stefan Könemann, Geschäftsführer des Barsortiments Könemann, treten an. Wir haben bei beiden nach ihren Beweggründen und Zielen gefragt.

BuchMarkt: Herr Guggolz, warum möchten Sie Vorsteher des Börsenvereins werden?
Sebastian Guggolz: Seit etwa 20 Jahren bin ich nun in dieser Branche, und ich sehe eine Phase großer und einschneidender Veränderungen auf uns zukommen, in der wichtige Weichen für die Zukunft gestellt werden müssen. Ich möchte Verantwortung übernehmen und an der Gestaltung dieser Zukunft – die auch meine eigene ist: Ich bin 43 Jahre alt – mitbeteiligt sein. Der Börsenverein ist die Schaltstelle der Branche, er ist ein Taktgeber und in ihm laufen sehr viele verschiedene Fäden zusammen. Die Vorsteherposition gibt ihm ein Gesicht. Dem möchte ich einen zukunftsgerichteten, lustvollen und selbstbewussten Anstrich geben. Dass ich selbst keine lange Vorgeschichte in verschiedenen Gremien des Vereins habe, das halte ich für einen Vorteil in dieser Situation. Dadurch kann ich neue Impulse einbringen, die direkt aus meiner Praxis stammen, aus einer unbefangenen Perspektive, die nicht bereits glattgebügelt oder abgeschliffen ist. In mir als Person vereine ich klein und groß, meinen eigenen Ein-Mann-Verlag, den Guggolz Verlag, und den Konzernverlag S. Fischer. Also unabhängig und abhängig, ebenso auch Frankfurt und Berlin. Das hat mir Einblicke in verschiedenste Bereiche und Sphären der Branche ermöglicht und es verleiht mir nun Voraussetzungen, die ich auf dem Vorsteherposten nutzen kann.
Warum sollten die Mitglieder Sie wählen?
Repräsentation kann zwar machtvoll sein, doch sie hat auch ihre Grenzen. Ich werde, wenn ich gewählt werden sollte, im Börsenverein moderieren, ich werde zuhören und vermitteln, ich möchte, dass allen Mitgliedern Gehör verschafft wird. Denn der Börsenverein darf kein Elitenprojekt sein, er besteht aus seinen Mitgliedern und muss auch genau für diese da sein. Und auch für neue, jüngere Mitglieder, die sich dann auch beteiligen können müssen. Ich stehe für eine Generation, die den Quereinstieg oder den nicht ganz reibungslosen Weg aus eigener Erfahrung kennt und die sich Sorgen um ihre Zukunft in dieser Branche macht. Eine Vielzahl an Herausforderungen und an Angriffspunkten liegen vor uns, und die althergebrachten Rezepte greifen nicht mehr: Es ist an der Zeit – eigentlich überfällig –, dass neue Ideen und Verfahrensweisen entwickelt und eingesetzt werden. Ich begreife die Vielfalt und die Kleinteiligkeit als großen Wert dieser Branche, ich möchte, dass sie gestärkt und unterstützt wird, im besten Fall auch durch staatliche Förderungen. Denn diese Vielgestaltigkeit ist auch ein Spiegel unserer Demokratie, und weder das eine (unsere Demokratie) noch das andere (unsere vielfältige Buchbranche als Nährboden dieser Demokratie) können wir uns als Gesellschaft leisten, zu verlieren
Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Themen, die Sie angehen möchten?
Ich will, dass die Branche stabil bleibt, und dafür schließe ich auch staatliche Förderungsprogramme explizit nicht aus. Unabhängige Buchhandlungen und unabhängige Verlage dürfen nicht nur von der freien Wirtschaft bestimmt werden. Denn sie sind einzigartige Hybridwesen: Wirtschaftsteilnehmer, die aber auch kulturellen Ansprüchen genügen müssen. Das ist eine spannungsreiche Situation, für jeden Einzelnen. Diese für Kultur wie auch Bildung so wichtige Branche sollte uns als Gesellschaft und der politischen Sphäre etwas mehr wert sein als die fundamental wichtigen indirekten Förderungen durch reduzierten Steuersatz und die überlebensnotwendige Buchpreisbindung.
Die zunehmende Monopolisierung und Überbürokratisierung unseres Alltags sind Belastungen, die sich (vor allem die Monopolisierung) sicherlich nicht immer verhindern oder bekämpfen lassen, die aber kritisch begleitet und möglichst gering gehalten werden sollten. Dafür muss man wirklich alle Möglichkeiten der Eindämmung und des Schutzes prüfen.
Außerdem ist die Verjüngung unseres Branchenvereins eine vordringliche Aufgabe: Nachfolgende Generationen müssen unbedingt beteiligt und eingebunden werden, sonst verlieren wir sie gänzlich. Und natürlich müssen die Bekenntnisse zur Meinungsfreiheit auch ebenso ernst genommen werden, wie es die schwerwiegenden Attacken darauf sind: Meinungsfreiheit hat vor allen Dingen mit Schutz zu tun, Schutz der Schwächeren, Schutz der Angegriffenen. Und ja, es hat oft auch mit Zumutung und Ertragen-Können zu tun, auch wenn das nicht immer so einfach ist. Und es hat mit Verständigung zu tun, mit Kommunikationsmöglichkeiten, die wir auf keinen Fall aufgeben dürfen.
Diese Antwort wird zu lang, das merke ich schon, aber ich will auf keinen Fall die Leseförderung vergessen. Die schon bestehenden, hervorragenden Programme des Börsenvereins zur Leseförderung müssen wir stärken und ausbauen. Aber die Versäumnisse der Bildungspolitik müssen auch dort selbst: nämlich in der Bildungspolitik nachgeholt und ausgeglichen werden, und darauf müssen wir als Börsenverein vehement drängen.
Wie gedenken Sie die Mehrfachbelastung mit eigenem Verlag, Mitarbeit bei S. Fischer und Vorsteherposten zu stemmen?
Die Mehrfachbelastung, oder, ich möchte es lieber so ausdrücken: das Privileg, an verschiedenen Orten wirksam zu sein, ist für mich keine neue Situation. Sie bereichert mein Leben schon immer und hilft auch dabei, dass ich mich nicht bei einer der Arbeiten langweile … Außerdem ergänzen sich die verschiedenen Aufgaben häufig sehr gut und setzen Synergien sowie zusätzliche Kräfte frei. Früher habe ich, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Nebenjobs außerhalb der Branche gehabt, und mich auch ehrenamtlich etwa als Lesepate engagiert. Dass ich nun seit einigen Jahren verschiedene Tätigkeiten ausschließlich innerhalb der Branche ausführe, halte ich für einen großen Gewinn. Ich hoffe, meine vielfältigen Erfahrungen bei den unterschiedlichen Aufgaben meines Lebens auch für den Vorsteherposten einsetzen zu können.
Was möchten Sie noch ergänzen?
Mein großes Ziel ist es, dass diese Branche ihr freundliches, willkommen heißendes Gesicht zeigt. In die eigene Branche hinein, aber auch hinaus, in Richtung Politik und Gesellschaft. Wir müssen natürlich mit Entschiedenheit für die eigenen Interessen einstehen, aber eben immer auch freundlich, offen, zukunftsgerichtet, informiert und interessiert – und mit Lust auf das, was da kommt. Wenn ich dazu meinen Teil beitragen kann, wenn ich einen Schritt in die Zukunft begleiten und ermöglichen kann, dann hat es sich gelohnt!
Die Fragen stellte Hanna Schönberg