
Am 16. September 2025 wird die Schriftstellerin Esther Vilar neunzig Jahre alt. Ihr Name stehe wie kaum ein anderer für literarische Provokation, intellektuelle Eigenständigkeit und die Bereitschaft, gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen, schreibt ihre Agentin Claudia von Hornstein. Zum Geburtstag gratuliert die Literaturagentur AVA International GmbH in München der Autorin:
Geboren 1935 in Buenos Aires, studierte Vilar Medizin, Psychologie und Soziologie. 1960 kam sie nach Deutschland, wo sie zunächst als Ärztin und Übersetzerin arbeitete, bevor sie sich der Literatur zuwandte. Bereits mit ihrem frühen Werk wurde sie zu einer der umstrittensten Stimmen der Nachkriegszeit.
Ihren Durchbruch erlebte Vilar 1971 mit dem Sachbuch „Der dressierte Mann“. In einer Zeit, in der die Frauenbewegung gesellschaftlich immer sichtbarer wurde, stellte sie die These auf, dass nicht Frauen, sondern Männer das benachteiligte Geschlecht seien: Männer arbeiteten schwerer, lebten gefährlicher, während Frauen sie durch emotionale Abhängigkeit und gesellschaftliche Erwartungen „dressierten“. Das Buch war ein Bestseller, löste aber zugleich eine Welle der Empörung aus. Der SPIEGEL sprach damals von einer „Provokation sondergleichen“, die ZEIT charakterisierte Vilar als „polemische Störerin“. Alice Schwarzer nannte das Buch „reaktionär“ und griff Vilar in zahlreichen Artikeln und Auftritten scharf an. In Großbritannien urteilte die Times, es sei „eines der umstrittensten Bücher der Dekade“, und die New York Times bezeichnete Vilar 1972 als „woman who dares to reverse the feminist narrative“. Die Debatte erreichte ihren Höhepunkt 1975 in einer Fernsehkonfrontation mit Alice Schwarzer im WDR, die heute als Zeitdokument gilt. Die Resonanz darauf: Auflagen in sechsstelliger Höhe und Übersetzungen in über zehn Sprachen auf der einen Seite, Morddrohungen und Polizeischutz auf der anderen.
Doch Esther Vilar ist weit mehr als die Autorin eines umstrittenen Buches. Ihr Werk umfasst Essays, Romane und Theaterstücke, die thematisch von Geschlechterrollen über gesellschaftliche Machtverhältnisse bis hin zu Fragen der Kreativität, des Alters und der Religion reichen. Zu ihren vielbeachteten Publikationen zählen „Das polygame Geschlecht“ von 1974, eine Weiterführung ihrer Geschlechterthesen, „Das Ende der Dressur“ von 1977, in dem sie ihre Argumentation schärfte, sowie „Der betörende Glanz der Dummheit“ von 1987, eine essayistische Analyse von Dummheit als gesellschaftlichem Strukturmerkmal, das die Neue Deutsche als „atemberaubendes Monument der Leistungsgesellschaft“ bezeichnete. Ebenfalls Beachtung fanden „Alt. Manifest gegen die Herrschaft der Jungen“ von 1980, „Die 25-Stunden-Woche“ von 1990, in der sie neue Arbeitszeitmodelle diskutierte, und Romane wie „Die Mathematik der Nina Gluckstein“ oder „Die Antrittsrede der amerikanischen Päpstin“. Ihre Bücher zeichnen sich durch analytische Präzision, sprachliche Zuspitzung und die konsequente Bereitschaft aus, Widerspruch zu provozieren.
Parallel zu ihrem Prosawerk entwickelte Vilar ein beachtliches und erfolgreiches Theaterschaffen, das in Umfang und Resonanz vielfach unterschätzt wird. Schon früh wandte sie sich der Bühne zu, um Themen wie Macht, Beziehungen und gesellschaftliche Rollenbilder nicht nur essayistisch, sondern auch in dramatischer Form zu verhandeln. Ihre Stücke wurden in Deutschland, aber auch international aufgeführt. Besondere Aufmerksamkeit erhielt 2015 die Uraufführung von „Das Lächeln des Barrakuda“ am Schlosspark Theater Berlin unter der Regie von Thomas Schendel, mit Eleonore Weisgerber und Ulrich Gebauer in den Hauptrollen. Das Stück zeichnet das Bild einer Beziehung, in der private Abhängigkeiten und politische Machtspiele unauflösbar miteinander verwoben sind. Die Berliner Presse sprach von einem „temperamentvoll gespielten Kammerspiel um Macht, Liebe und Sex“ und lobte Vilars Fähigkeit, persönliche Konflikte mit zeitpolitischen Fragestellungen zu verschränken. Mit „Speer“ brachte Vilar 2009 am Staatstheater Nürnberg ein Drama auf die Bühne, das sich nicht mit dem historischen Nationalsozialismus im engeren Sinn, sondern mit dem modernen Manager-Mythos auseinandersetzt. Indem sie die Figur Albert Speer als Folie nutzte, seziert Vilar die Rhetorik, die Selbstdarstellung und die moralischen Leerstellen einer Führungsschicht, die von Selbstrechtfertigung lebt. Die Kritiken beschrieben die Inszenierung als „Spiel unter Freunden“, das in seiner Leichtigkeit die Fallhöhe umso deutlicher macht und den Mechanismen von Macht und Selbsttäuschung auf den Grund geht.
Noch populärer, weil leichter zugänglich und zugleich psychologisch raffiniert gebaut, ist die Komödie „Eifersucht“ von 1999. Das Dreipersonenstück um ein Beziehungsdreieck verbindet subtile Ironie mit existenzieller Schärfe und wurde in zahlreichen Theatern im deutschsprachigen Raum inszeniert. Bis heute erlebt es Neuaufführungen, zuletzt 2024 in der Schweiz, wo die Presse die „geschliffene Sprache“ und die „abgründige Komik“ hervorhob. Dass ein Stück dieser Art über Jahrzehnte hinweg immer wieder neues Publikum findet, verweist auf Vilars Gespür für universelle Themen, die nicht an Aktualität verlieren. Auch international fand ihr Theaterschaffen Anerkennung. „Isolde & Tristan“ wurde in Australien von der renommierten Gruppe Sport For Jove aufgeführt und dort als moderne Variation eines klassischen Stoffes rezipiert, die bekannte Muster bricht und Geschlechterrollen neu beleuchtet. 2021 schließlich wurde „Speer“ in Spanien erneut auf die Bühne gebracht, was zeigt, dass Vilars Dramen nicht an nationale Kontexte gebunden bleiben, sondern auch jenseits des deutschen Diskurses verstanden und diskutiert werden. Kritiker heben dabei immer wieder die dialogische Präzision, die psychologische Tiefenschärfe und den Mut zur Zuspitzung hervor. Ihre Figuren sind selten psychologisch diffus, vielmehr agieren sie mit einer Klarheit, die den Konflikt unvermeidlich macht. Esther Vilars Theatererfolge zeigen, dass sie nicht nur im Essay, sondern auch in der dramatischen Form die Kunst beherrscht, gesellschaftliche Verhältnisse in persönlichen Beziehungen sichtbar zu machen.
In der literarischen Landschaft verkörpert Esther Vilar die Haltung der kritischen Beobachterin. Ihr Werk fordert heraus, polarisiert und zwingt zur Auseinandersetzung. Auf Buchmessen oder in der Öffentlichkeit des Literaturbetriebs ist die Autorin inzwischen nicht mehr allzu oft anzutreffen. Auf unseren Agentursommerfesten, zuletzt 2023, durften wir uns über eine sehr charmante Lady freuen, deren Präsenz nicht zu übersehen ist. Das Team der Münchner Literaturagentur AVA international GmbH gratuliert Esther Vilar zum 90. Geburtstag und würdigt eine Autorin, deren Bedeutung nicht nur im Inhalt einzelner Werke liegt, sondern in der intellektuellen Konsequenz, mit der sie über Jahrzehnte hinweg den Mut zur Kontroverse verkörpert hat.
Claudia von Hornstein