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Andreas J. Meyer ist gestorben

Andreas J. Meyer © Jasper Kettner

Am 20. September ist Andreas J. Meyer, Gründer des Merlin Verlags und des Little Tiger Verlags, in Hamburg gestorben. Der Verlag erinnert sich:

Andreas J. Meyer, Gründer des Merlin Verlags und des Little Tiger Verlags, ist tot. Er starb am 20.09.2025 in Hamburg.

Ein langes, aufregendes und erfülltes Verlegerleben ist zu Ende gegangen. Mit seinem Engagement für unangepasste und streitbare Autoren und Autorinnen setzte er schon früh Maßstäbe in der Verlagslandschaft der deutschen Nachkriegszeit. Er etablierte Jean Genet als Theaterautor in Deutschland und erstritt 1962 mit dem Freispruch von Genets Roman „Notre-Dame-des-Fleurs“ einen bis heute grundlegenden Sieg für die Freiheit der Kunst.

Geboren am 18.12.1927 als Sohn des liberalen Hamburger Landgerichtspräsidenten Dr. R. Johannes Meyer und der Pianistin Lilly Meyer erlebte er als Heranwachsender den 2. Weltkrieg in Hamburg. Sein Vater war 1933 zwangspensioniert und als Vorsitzender des Hamburger Kunstvereins entfernt worden, nachdem er sich geweigert hatte, die Berufsverbote gegen jüdische Juristen in Hamburg umzusetzen. Ein Jahr später nahm sich seine Mutter das Leben, weshalb er mit seinem Bruder vorübergehend zu den Verwandten nach Tangermünde kam.

Kurz vor Kriegsende wurde Andreas J. Meyer mit seiner Schulklasse als Flakhelfer eingesetzt, und in den letzten Kriegsmonaten zur Marine eingezogen. Das Kriegsende erlebte er in Dänemark.

Eigentlich hatte Andreas J. Meyer vor, Architekt zu werden, folgte dann aber dem Drängen seines Vaters und absolvierte eine verlagsbuchhändlerische Ausbildung bei Lambert Schneider in Heidelberg. Hier hörte er u.a. Vorlesungen von Gustav Hartlaub und Helmut Schelsky. Nach dem Ende der Ausbildung betreute Andreas J. Meyer eine von der Goethe-Gesellschaft Sao Paulo und dem Börsenverein des dt. Buchhandels organisierte deutsche Buchausstellung in Brasilien, Argentinien und Chile. Zurück in Hamburg studierte er Kunstgeschichte, Soziologie und Politische Wissenschaften, was er sich durch Arbeit in Helmut Gmelins Theater im Zimmer und im Chronos Bühnenverlag finanzierte. Als die neuen avantgardistischen Autoren aus Frankreich bei Chronos abgelehnt wurden, entschied er, seinen eigenen Theaterverlag zu gründen. Am 30.11.1957 wurde der Merlin Verlag als Bühnenvertrieb ins Hamburger Handelsregister eingetragen.

Der Theaterverlag entwickelte sich schon bald als Anlaufstelle für junge unangepasste Literaten und bildende Künstler. Andreas J. Meyer verstand es, die diversen kreativen Ausdrucksformen zusammenzuführen. So entstanden zahlreiche, oft bibliophile Buchausgaben, an denen Künstler wie H.H. Steffens, Horst Janssen, Johannes Grütze und Literaten wie Jan Skacel, Vladimir Holan, Jens Bjørneboe und Gerard Reve, Unica Zürn, Louis-Ferdinand Céline, Georges Bataille, Fred Viebahn, Balduin Baas, Heinz Risse, Walter Bauer, Wolf Klaußner, Karl-Heinz Deschner, Uve Schmidt, Miguel de Unamuno, Uwe Saeger u.v.a. beteiligt waren. Vor allem die Künstler der Werkstatt Rixdorfer Drucke, die mit ihren spektakulären PR-Aktionen für die nötige Sichtbarkeit des Verlagsprogramms gesorgt haben. Bereits 1971 erschien Heinz Hegers Die Männer mit dem rosa Winkel, auf Empfehlung einer damals freien Mitarbeiterin des Rowohlt-Verlags: Elfriede Jelinek.

Andreas J. Meyer verstand Literatur und Kunst als eine Hilfe zur „spirituellen Bewältigung der Not der Existenz“. In diesem Verständnis öffnete er das Verlagsprogramm auch für ethnologische Sachtexte, zeitgeschichtliche Essays und Philosophie mit einem besonderen Schwerpunkt auf französischsprachigen Autoren und Autorinnen.

Ende der 1970er Jahre mündete Meyers Blick auf die Wechselwirkungen von Kunst und Literatur in mehrere Grafikeditionen, an denen neben namhaften jungen Künstlern wie Otmar Alt, Horst Antes, Wilfried Blecher, Johannes Grützke, Jan Peter Tripp, Pit Morell, Peter Nagel, Mathias Prechtl, Wolfgang Zeiszner, Dieter Roth, Osterhold Heiseke, Arwed Gorella, den Rixdorfer Künstlern auch Janosch mitwirkte.

Es war der Beginn einer intensiven partnerschaftlichen Zusammenarbeit und Freundschaft mit Janosch, die 1987 zur Gründung des Little Tiger Verlags führte, der zunächst ausschließlich der Veröffentlichung von Janosch gewidmet war. „Das Leben ist schön“ ist das Motto, das beide bis zuletzt miteinander verband.

Seine beiden Verlage führte Andreas J. Meyer als Familienunternehmen gemeinsam mit seiner Ehefrau Ilse Katarina, die als Übersetzerin und Vertriebsfrau mitwirkte und das Ganze zusammenhielt, sowie einzelnen Angestellten. Seit 1980 vom Standort Gifkendorf aus, wo Meyer Räumlichkeiten eines Resthofs für seinen Verlag hergerichtet hatte.

Ende der 1990er Jahre leitete Andreas J. Meyer die Nachfolge ein. Gemeinsam mit Tochter Katharina E. Meyer wurde ein kleines Team aufgebaut, das den Verlag bis heute in die Zukunft führt. Unter den vielen neuen Autoren der 2. Generation sind französischsprachige Autoren wie Boualem Sansal (Friedenspreis 2011), Marie NDiaye, Olivier Py, Joël Pommerat, aber auch deutschsprachige Autoren und Künstler wie Martin Schlobies, Martin Bronsema, Antje Babendererde, Henning Boëtius, John von Düffel, Andreas Laudert, Thilo Reffert, Eugen Ruge, Thomas Fritz und Ulrich Zieger.

Der Verleger liebte den lebendigen, geist- und auch witzreichen Austausch mit den Autoren und Künstlern seines Verlags. Er stand ihnen freundschaftlich dienend zur Seite.

Andreas J. Meyer setzte bei seinem selbstbewussten und selbstlosen Engagement für Literatur und Kunst konsequent auf den Sieg der kleinen Zahl und auf ein nicht allein am materiellen Erfolg orientiertes Verständnis von Qualität. In Würdigung seines Lebenswerkes als unabhängiger Verleger erhielt Andreas J. Meyer auf der Leipziger Buchmesse 2019 den Kurt Wolff Preis.

Ein Verlag, ob groß oder klein, ist ein Unternehmen, das sich mit der Verbreitung und dem Austausch von Gedanken, Erkenntnissen, Dichtungen oder sonstigen Äußerungen denkender Menschen beschäftigt, das heißt: Gegenstand der Tätigkeit ist etwas Geistig-Bewusst-Lebendiges, etwas Vegetativ-Organisches, nichts Technisch-Mechanisches.

Kommunikation möglich zu machen ist das Wesentliche eines Verlages. Seit Gutenberg sind Verlage die Transporteure des Wissens der Welt; in ihrer Gesamtheit hatten sie eine Art Monopol der Verbreitung menschlicher Kenntnisse und menschlichen Wissens, bis vor wenigen Jahrzehnten die Elektronik mit diesem Monopol Schluss machte. 

(Aus der Dankesrede von AJM zum Kurt Wolff Preis.)

 

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