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Dr. Hans Altenhein über den Buchmarkt heute

Der langjährige Verleger des Luchterhand Verlages, Buchwissenschaftler und Hochschullehrer Dr. Hans Altenhein zählt heute stolze 98 Jahre. Seine Beobachtungen zur Entwicklung des heutigen Buchmarkts hat er für uns im Folgenden zusammengetragen:

Dr. Hans Altenhein (Foto: K. Altenhein)
Dr. Hans Altenhein (Foto: K. Altenhein)

Der Buchmarkt, immer schon nach Produktgruppen gegliedert – Belletristik, Sachbuch und Kinderbuch einerseits, Wissenschaft andererseits – verliert seine Geschlossenheit und trennt sich auf. Es entstehen Einzelmärkte mit unterschiedlichen Produktions- und Vertriebsweisen. Das verändert auch die Betriebsformen. Belletristische Verlage, Presseunternehmen und gewerbliche Internet-Plattformen kooperieren, wissenschaftliche Verlage arbeiten mit Druckkostenzuschüssen unterschiedlichster Herkunft, ihr Content-Management kennt keine Handelsformen.

Der Bücherhandel hat sich in Wissenschafts-Ketten, Jugendbuch-Läden und allgemeines Sortiment (inklusive non-books) gespalten, das Antiquariat sieht sich auf den Online-Handel reduziert. Kleinbetriebliche Buchhandelsfirmen, existenzgefährdeter denn je, fordern öffentliche Förderung, während die Selbstvermarkter, Online-Händler, Mischkonzerne und Nebenmärkte mit bestimmen Büchern florieren. In den Wissenschaften tritt eine Flut von Artikeln an die Stelle des alten Lehrbuchs oder der abschließenden Monographie. Dies alles hat Folgen. Eine ganze Branchenbibliothek zur Betriebslehre des Buchhandels, zur Rechts- und Steuerpolitik und zur Kulturbedeutung des Buches kann auf die neuen Probleme nicht antworten. Der Buchwissenschaft kommt ihr Gegenstand abhanden, ist sie Geschichts- oder Kommunikationswissenschaft, Kulturwissenschaft oder Technikgeschichte? Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat Mühe, seine Sparten als Ganzes zu vertreten.

Wer fragt nach den Gründen der Markt-Transformation? Märkte sind nicht für sich selber da. Sie beruhen auf Bedürfnissen, gleich, ob existentiellen oder empfundenen. In Zeiten globaler Veränderungen ändern sich auch die Lebensformen. So weiten sich die einsamen Lesestunden Einzelner zur permanenten kommunikativen Verbundenheit Aller. Community-Reading ist ein Teil davon. Die impulsive Lektüre junger Frauen belebt den Bücherverkauf, jedenfalls konjunkturell. Literaturwissenschaftliche Buchkritik trifft auf Leser-Urteil. Bücher-Schreiben ist eine Tätigkeit, die sich mehr und mehr im virtuellen Raum vollzieht. Mit der Veränderung von Lesen und Schreiben verändert sich zwangsläufig auch der Bücherverkehr.

Hans Altenhein (2025)

Hans Altenhein ist zudem Autor zahlreicher Veröffentlichungen, Träger der Börsenvereins-Plakette „Förderer des Buches“, Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins bis 2023 und war bis 2024 Juror für die hr2-Hörbuchbestenliste.

2 Antworten

  1. Dr. Altenhein spricht sehr vorsichtig Veränderungen und Probleme an, er urteilt nicht, vor allem verurteilt er nicht. Und doch ist die Lage des Buches, des Buchhandels, ja überhaupt der Lesekultur dramatisch schlecht. Wie sich die Welt unter Trump, Putin, Orban, Netanjahu und und dramatisch schnell verändert, wandelt, von einer Zeitenwende in die nächste schliddert (die ‚Halbwertzeiten‘ werden immer kürzer), ändern sich auch Lesekultur und Kultur überhaupt.
    Wie sollen wir Alten (ich z.B. 73) darauf reagieren? Ich möchte in meinem Lesekreis, den ich seit fast 20 Jahren leite, so bald als möglich den Dystopie-Klassiker von Ray Bradbury „Fahrenheit 451“ lesen und besprechen. Wir werden damit zwar nicht das Ruder herumreißen – aber wir sollten damit ein Zeichen setzen.
    Alles Gute und vielen Dank an Hans Altenhein

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