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Wenn Bücher antworten: Wie Unwritten Literatur begehbar machen will

Screenshot Unwritten.Studio

Was wäre, wenn man mit Romanfiguren sprechen könnte? Nicht in Form eines Quiz oder vorgefertigter Dialogoptionen, sondern frei, neugierig, in natürlicher Sprache – so, als würde das Buch selbst zurücksprechen. Aus genau dieser Idee ist die Unwritten GmbH als Start-up entstanden. Sie ging hervor aus einem KI-Meet-up, zunächst ohne Businessplan und Gewinnerzielungsabsicht, getragen von rund 20 Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen – Informatik, Literatur, Design, Wissenschaft – die für das Experiment bislang pro bono und intrinsisch motiviert arbeiten.

Im Gespräch beschreibt Stefan Probst, Informatiker und Co-Geschäftsführer von Unwritten, die Anfänge als offenes Experiment: Was könnte mit KI im literarischen Raum möglich sein?

Der Kern der Idee: Bücher „begehbar“ machen. Leser:innen sollen über einen Chatbot mit den Protagonist:innen einzelner Geschichten sprechen können, Fragen stellen, Perspektiven wechseln, tiefer eintauchen. Durchexerziert wurde das Konzept unter anderem bereits am Roman Pantopia von Theresa Hannig (S. Fischer). Der Bot erhielt dabei nicht nur den Text in natürlicher Sprache, sondern wurde um Tonalität, Charakter und die innere Logik der Figur angereichert.

„Das könnte man selbst gar nicht in dieser Tiefe nachbauen“, sagt Probst. Entscheidend sei das, was zurückkomme: Antworten, die sich anfühlen, als stammten sie vom Autor oder der Autorin selbst. Momente, die Gänsehaut erzeugen. Nähe statt Distanz. Nicht das Buch als abgeschlossenes Objekt, sondern als lebendiger Resonanzraum.

Bei Verlagen stößt Unwritten bislang auf Zurückhaltung. Vor allem juristische Fragen bremsen: Rechte, Haftung, Kontrolle. Probst kontert mit einem strategischen Argument: Leser:innenbindung und Nutzer:innenerfahrung würden künftig entscheidend sein. „Wollen wir dieses Spielfeld wirklich den großen Konzernen überlassen?“, fragt er. Die Technologie existiere ohnehin, die Daten würden anderswo längst ausgewertet. Warum sie nicht bewusst, transparent und literarisch sinnvoll nutzen?

Denn die Möglichkeiten gehen über den einzelnen Titel hinaus. Fragen der Nutzer:innen lassen sich über einen Bot aggregiert auswerten: Was interessiert die Leser:innenschaft wirklich? Wo gibt es Verständnisprobleme, wo emotionale Andockpunkte? Solche Erkenntnisse könnten ins Marketing einfließen, in die Entwicklung von Serien oder Fortsetzungen. Überschreitet das nicht die Privatsphäre? Fragen von Nutzer:innen würden längst von allen gängigen Anbieter:innen systematisch ausgewertet, erinnert Probst. Gleichzeitig denkt Unwritten auch an Anwendungen in Forschung und Lehre.

Ein besonders großes Potenzial sieht er im New-Adult-Bereich. Dort existierten aktive Fanbases, die schon vor Erscheinen eines Buches eingebunden werden könnten. Ein Chat mit den Figuren könnte Teil des Vorab-Hypes sein, eine Erweiterung der Welt, noch bevor der Roman erscheint.

Hinzu komme die internationale Dimension: Die Bots lassen sich in beliebigen Muttersprachen nutzen. Das eröffnet neue Märkte, ohne dass sofort Übersetzungen des gesamten Textes vorliegen müssen, möglicherweise ein interessanter Ansatz auch mit Blick auf Rechte und Lizenzen.

Noch ist Unwritten auf der Suche nach Reichweite. „Wie bringen wir die Menschen zu uns?“ nennt Probst offen die aktuelle Schwachstelle. Es bleibt zu beobachten, doch in jedem Fall zeigt Unwritten, welche weiteren Möglichkeiten von interaktiver Literatur es potenziell geben könnte.

Hanna Schönberg

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