
Im heute erschienenen Roman des Schweizer Schriftstellers Jürg Beeler spielt ein ehemaliger Buchhändler die Hauptrolle. Josef Lautenbacher hat seinen Laden an zwei Nachfolgerinnen abgegeben, hadert aber mit dem Ruhestand, seiner Ehefrau und der Zukunft. Auffällig oft begibt sich der sympathisch verschrobene Renter zum Bahnhof bis er losfährt. Wir haben ein paar Nachfragen an Jürg Beeler gestellt.
BuchMarkt: Warum haben Sie sich für einen Buchhändler als Protagonisten entschieden?

Jürg Beeler: Die Frage, warum ich mich für einen Buchhändler entschieden habe, ist gar nicht so einfach zu beantworten, da ich die Figuren nicht bewusst wähle. Im Grunde weiß ich nicht, warum sich mir ausgerechnet Josef Lautenbacher aufgedrängt hat. Ganz zufällig aber ist er wohl auch nicht in diesen Roman gerutscht. Ich selber bin inzwischen, wie Josef Lautenbacher, in ein Alter gerückt, in dem man von gesellschaftlicher Seite sozusagen ‚funktionslos‘ geworden ist.
Haben Sie zur Recherche für Ihren Roman mit Buchhändler:innen gesprochen?
In Buchhandlungen bin ich Dauergast, daraus ergeben sich wie von selbst Gespräche mit Buchhändlerinnen und Buchhändlern. Für meinen Roman musste ich also keine speziellen Gespräche führen. Natürlich habe ich mit Buchhändlerinnen und Buchhändlern oft über die Ursachen der Kommerzialisierung der Literatur, über die weder für Buchhändler:innen noch Leser:innen zu bewältigende Masse an Neuerscheinungen und das gleichzeitig schwindende Publikumsinteresse diskutiert. Ich bin noch in einer Zeit großgeworden, in der Bücher nicht mit der Coverseite auf einem Tisch auflagen, man musste sie aus dem Regal ziehen und zu lesen beginnen. Diese Gewohnheit ist mir geblieben. In meiner Lieblingsbuchhandlung in Marseille („L’odeur du temps“) nehme ich mir bei jedem Besuch einen Buchstaben in der alphabetischen Regalordnung vor, ziehe ein Buch heraus und beginne zu lesen. Es ist die Musik der Sätze, ihre Atmosphäre, ihr besonderer ‚Schnitt‘, der mir viel über ein Buch verrät und mein Interesse weckt. Dieses Vorgehen ist für mich immer noch der gewohnte und beste Zugang zur Literatur.
Was nehmen Sie aus dem Besuch einer Buchhandlung und der Begegnung mit Buchhändlerinnen und Buchhändlern mit – außer Büchern?
Buchhandlungen sind – im Idealfall – Orte der Begegnung und des geistigen Austausches. Der Buchhändler bzw. die Buchhändlerin sitzt also an einer wichtigen Schaltstelle. Einerseits ist die Literatur verschiedenen Moden unterworfen, andererseits erhebt ein guter Roman auch den Anspruch, einen anderen, nicht nur den Moden unterworfenen Blick auf die Zeit zu werfen. Vielleicht liegt es an der Natur der Bücher, die den Moden der Zeit widerstehen, dass gerade Buchhändler oft etwas schrullig sind. Man redet von „Büchermenschen“ und meint damit ihre Weltfremdheit. Gerade einer wie Josef Lautenbacher, seit kurzem im Ruhestand und dadurch schutzlos geworden (sozusagen der ‚Schale‘ seiner Buchhandlung beraubt), fühlt sich in eine Welt katapultiert, die er nur als fremd und bedrohlich erfahren kann. Eine Welt, die dem Einzelnen Unmenschliches und Absurdes abverlangt. Doch gerade dieses Unmenschliche und Absurde empfinden inzwischen viele als vollkommen normal. Ist es Josef Lautenbacher, der schrullig und weltfremd ist, oder ist es umgekehrt sein besonderer Blick auf die Umgebung, der eigentlich der ‚normale‘ wäre? Ist nicht gerade er es, der auf einem dem Menschen angemessenen Leben beharrt? Solche und andere Fragen sind es, die während des Schreibens an diesem Roman auftauchten und mich beschäftigten.
Die Fragen stellte Hanna Schönberg
Jürg Beeler: Josef Lautenbachers Reise nach Flätz. Roman. Gebunden, 103 Seiten, 24,50 Euro Knapp Verlag, CH-Olten