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Wie der Arbeitskreis „Bücherverbrennung – nie wieder!“ sich für die Freiheit des Wortes einsetzt

Helga Obens bei einer Lesung am Mahnmal: Bis zur Geburt ihres ersten Kindes im Herbst 1976 war sie Leiterin der Buchimport-Abteilung in der Buchhandlung Weitbrecht & Marissal (damals 5-7 Filialen in Hamburg). Die Buchhandlungskette wurde kurz vor ihrem Ausscheiden verkauft an Dr. Gunther Berg und einige Zeit später aufgelöst. Nach ihrem Studium der Betriebswirtschaft arbeite sie von 1990 bis 2006 beim Hamburger Abendblatt als Leiterin des Bereichs „Bücher & mehr“, mit Leser:innen-Blatt-Bindungs-Aufgaben, eigener Buchverlagstätigkeit, Werbe- und Vertriebskooperationen mit verschiedenen Verlagen und vielen, vielen Ausstellungen und Veranstaltungen rund ums Buch. (Foto: lesezeichen-setzen.de)

Der Hamburger Arbeitskreis „Bücherverbrennung – nie wieder!“ wurde 1981 von der früheren Buchhändlerin und Betriebswirtin Helga Obens gegründet und erinnert seitdem an einem der damaligen Tatorte, dem Kaiser-Friedrich-Ufer, mit verschiedensten Aktionen an die NS-Verbrechen. Teil des Mahnmals waren bisher sechs rotblättrige Bäume der Sorte Kirschpflaume, die im Abstand von ca. sieben Metern im Bogen vor der Denkmalsmauer mit den Gedenksteinen standen. Diese wurden zuletzt ohne Ankündigung des Bezirksamts aufgrund eines Pilzbefalls gefällt, eine Neubepflanzung mit einer anderen rotblättrigen Baumart soll folgen. Arbeitskreis-Initiatorin Helga Obens erläutert die Hintergründe des Gedenkortes und warum dieser gerade in heutigen Zeiten wichtiger denn je ist.

Zur Historie des Ortes

Eine Gruppe von Menschen aus Buchhandel, Bibliotheken, Verlagen, Gewerkschaften, Universitäten und einige Lehrer:innen hatten sich in den frühen 1980ern in einem Arbeitskreis zusammengefunden, um den Ort der ersten Hamburger Bücherverbrennung am 15. Mai 1933 zu lokalisieren und dort einen Gedenkort einzurichten, einen Ort, an dem aus Büchern gelesen werden kann – gelesen im Sinne des „NIE WIEDER“ mit der Forderung „Bücherverbrennung – nie wieder!“. „Die Wahrnehmung der Bücherverbrenn-ungen 1933 rückte ins Bewusstsein und damit auch der kritische Blick auf das Verhalten, das Schweigen und Mitläufertum in Buchhandlungen und Verlagen“, erinnert sich Obens. 1985 dann war der Platz mit Unterstützung durch die Bezirksversammlung Hamburg-Eimsbüttel endlich fertig. Esther Bejarano, Auschwitz-Überlebende, und Peggy Parnass, die gemeinsam mit ihrem Bruder den Holocaust nur durch einen Kindertransport von Hamburg nach Schweden überlebte und Abi Wallenstein, Bluessänger und Gitarrist, waren bei der Eröffnung 1985 dabei – und immer auch bei unseren späteren Leseaktionen. Jahrelang war die Lesung Treffpunkt für Überlebende des Holocaust. Seit 2001 lädt der Kreis wir jeweils im Mai die Hamburger:innen ein zu Marathonlesungen aus den verbrannten Büchern, genau dort, wo am 15. Mai 1933 NS-Studentenorganisationen und Burschenschaftler Bücher verbrannten. Ein Jahrzehnt wurde dort zwölf Stunden unter freiem Himmel gelesen, von 11 bis 23 Uhr, seit einigen Jahren dann nur noch sieben Stunden von 11 bis 18 Uhr. Inzwischen organisiert das Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer die Lesung im Zeitraum von 11 bis 15 Uhr, von 15 bis 18 Uhr übernimmt der Arbeitskreis die „Spätlese“.

Die gefällten Baumstümpfe des Denkmals in Hamburg-Eimsbüttel. (Foto: lesezeichen-setzen.de)

Zu den Lesungen kommen durchschnittlich 600 bis 800 Personen, manchmal aber auch plötzlich 2000 (über den Tag verteilt), berichtet Obens. Gelesen werden kann aber nur 420 Minuten insgesamt, Lesezeit jeweils fünf Minuten, seitdem der Arbeitskreis keine Nachtlesungen mehr durchführt.

Immer dabei sind das Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e. V., die Bücherhallen Hamburg, ver.di Hamburg, Studierende der Universitäten, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregime – VVN-BDA, der Eimsbütteler Turnverband ETV Hamburg und oft PEN Deutschland, GEDOK Hamburg, das Heinrich Haus Hamburg, der Ida Ehre Kulturverein und weitere Organisationen.

Freundschaftlich verbunden sei man darüber hinaus mit Wolfram Kastner in München (München liest). Auch mit dem „Lese-Zeichen“ in Leipzig. Im Hamburger Raum finden inzwischen Lesungen an den anderen vier (!) Orten statt, die auch als Orte von Bücherverbrennungen identifiziert wurden. Mit der Staatsbibliothek Carl von Ossietzky besteht regelmäßig Kontakt, auch mit dem Kreis um „Verbrannte Orte“ aus dem Wendland. Mit Berliner Gruppen und ebenfalls mit einer Gruppe von Schauspieler:innen, die als „Bücherlesung“ in Bayern und in den südlichen Bundesländern aktiv sind/waren, fasst Obens zusammen.

Bei einer der Marathonlesungen (Foto: lesezeichen-setzen.de)

Um die Arbeit zu verstetigen, haben die Initiator:innen vor 14 Jahren zusätzlich die Arbeitsgemeinschaft „Monat des Gedenkens Eimsbüttel“ gegründet, der jetzt im 13. Jahr im Hamburger Bezirk Eimsbüttel etwa 50 Veranstaltungen zur Erinnerung an Opfer und Widerstand während des NS-Regimes organisiert und koordiniert. Weitere Informationen unter www.gedenken-eimsbuettel.de

Die nächste und 26. Marathonlesung findet am 21. Mai 2026 statt. „Besonders bei den Aktionen selbst und auch bei den Vorbereitungen können wir jede Hand gebrauchen“, sagt Obens. Erreichbar ist der Arbeitskreis über www.lesezeichen-setzen.de und unsere info@lesezeichen-setzen.de.

Obens: „Unsere Erfahrung lehrt uns: Viel Aufmerksamkeit ist sicher für Aktionen in den „runden“ Jahren. Für 2028, 95 Jahre danach, erwarten wir wieder großen Zulauf. Für 2028 und 2033 wollen wir eine ganz außergewöhnliche Leseaktion anstoßen, die in Zeiten knapper Mittel für Kultur zu stemmen ist – wenn viele sich beteiligen. Und die Buchhandlungen und Verlage mitmachen, dazu noch die Bibliotheken, Schulen und Universitäten usw., alle, die mit Büchern arbeiten dabei sind – dann könnte daraus ein großartiges Lesefest werden. Und zum Nachdenken und zur Resilienz-Förderung gegen rechts beitragen.“

Warum ist das Gedenken gerade heute wahrscheinlich wichtiger denn je?

„‚Wir erinnern, um zu verändern, um unsere Demokratie zu bewahren‘, sagte Esther Bejarano in einer ihrer letzten Reden zum 27. Januar 2021. Sie sprach über die Hoffnungen der wenigen Überlebenden, die aus den Konzentrationslagern zurückkamen. Und von ihrem Vertrauen in die Generationen der Nachgeborenen, die mit ihrem Wissen um unsere historische Verantwortung zu einer offenen Gesellschaft beitragen. Wir sind gemeint! Aber da müssen auch alle mitziehen. Scheitern wäre katastrophal“, sagt Obens. „Was sind das nun aber für Zeiten, in denen ein Kulturstaatsminister hineingrätscht in Abläufe von Auszeichnungs-Vergabeverfahren eines Berufsstands, die nach erprobten kulturellen und künstlerischen Kriterien vergeben werden? Wenn durch Gesinnungsschnüffelei und Abfrage bei Inlandsgeheimdiensten drei für Buchhandelspreise ausgewählte Buchhandlungen nachträglich herausgekickt werden? (…) Also klar: So geht das nicht! Kein neues 1984! Alles auf ANFANG bitte. Und miteinander reden!“

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