Lange war unklar, wann und wo der Deutsche Buchhandlungspreis für das Jahr 2025 vergeben werden sollte, schließlich wurde die Leipziger Buchmesse dazu auserkoren. Doch die wird es nun auch nicht und der Preis steht inzwischen im Zentrum eines ganzen kulturpolitischen Konflikts. Wir fassen zusammen.
Ausgangslage des aktuellen Konflikts: Die Juryentscheidung wird nachträglich verändert
Der Deutsche Buchhandlungspreis wird seit 2015 von der Bundesregierung vergeben und würdigt unabhängige Buchhandlungen für ihr kulturelles Engagement. Jährlich werden über 100 Buchhandlungen ausgezeichnet, die durch literarische Programme, Veranstaltungen und innovative Konzepte überzeugen.
Für den Preisjahrgang 2025 hatte eine unabhängige Fachjury insgesamt 118 Buchhandlungen ausgewählt. Kurz vor der Verkündung griff jedoch der parteilose Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, ein und ließ drei Buchhandlungen von der Liste streichen: Golden Shop aus Bremen, Buchhandlung Rote Straße Göttingen und Buchhandlung zur schwankenden Weltkugel Berlin. Zur Begründung verwies er auf „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“, ohne diese öffentlich zu konkretisieren, die Buchhandlungen sind politisch links verortet.
Die Entscheidung sorgte nach Bekanntwerden durch einen Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“, in dem auch das Haber-Verfahren erläutert wurde, nachdem der Verfassungsschutz Teilnehmer:innen von staatlichen Preisen ausschließen darf, sofort für Kritik innerhalb der Branche. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sprach von einem intransparenten Verfahren, zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus der Buchbranche folgten. Die Schriftstellervereinigung PEN Deutschland warnte etwa vor einer politischen Einflussnahme auf Kulturförderung und sprach von einer Entwicklung, die das Ansehen der gesamten Branche beschädigen könne. Auch internationale Branchenorganisationen wie EIBF und IPA äußerten Kritik und verwiesen auf mangelnde Transparenz sowie mögliche Folgen für Meinungsfreiheit und kulturelle Vielfalt, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Auch medial wurde der Vorfall in unzähligen Beiträgen verhandelt.
Betroffene Buchhandlungen gehen vor Gericht
Die drei betroffenen Buchhandlungen kündigten kurz darauf rechtliche Schritte gegen den Kulturstaatsminister an. Sie argumentieren, dass mit der Streichung in eine bereits getroffene Juryentscheidung eingegriffen worden sei, ohne dass ihnen die zugrunde liegenden Vorwürfe mitgeteilt wurden.
Die Jurymitglieder betonten in einem Statement, dass der nachträgliche Ausschluss außerhalb ihres Einflussbereichs erfolgt sei.
Preisverleihung kurzfristig abgesagt
Kurz nachdem eine Vielzahl der Gewinner:innen dieses Jahr den Preis ablehnten entschied BKM angesichts der eskalierenden Debatte schließlich, die geplante Preisverleihung komplett abzusagen. Die Auszeichnung sollte ursprünglich am 19. März im Rahmen der Leipziger Buchmesse stattfinden.
In einer Mitteilung erklärte BKM, die Debatte um den Ausschluss der drei Buchhandlungen überlagere inzwischen den eigentlichen Zweck der Veranstaltung – nämlich die Würdigung der ausgezeichneten Buchhandlungen. Unter diesen Umständen erscheine eine „angemessene Würdigung“ nicht mehr möglich. Die Preisgelder werden trotzdem ausgeschüttet, jedoch ohne Preisverleihung, BKM kündigte zudem eine Diskussionsrunde zu einem späteren Zeitpunkt an.
Öffentlich wurde anschließend nach Angaben der Anwälte der Buchhändler:innen zudem, dass ihnen zunächst mitgeteilt worden sei, sie seien schlicht nicht von der Jury ausgewählt worden. Tatsächlich hatte das Ministerium sie jedoch nachträglich von der Liste entfernt – ein Vorgang, der die Kontroverse zusätzlich verschärfte. Außerdem zirkulieren Gerüchte, dass zwei der Buchhandlungen sogar für die zweithöchste Preiskategorie vorgesehen sein sollen (bis zu 100 hervorragende Buchhandlungen erhalten 7.000 Euro, bis zu 5 besonders herausragende Buchhandlungen erhaltenen 15.000 Euro, die 3 besten Buchhandlungen erhalten je 25.000 Euro, bis zu 10 Buchhandlungen, deren Jahresumsatz in den vergangenen drei Jahren über 1 Million Euro lag, erhalten ein undotiertes Gütesiegel).
Alternativveranstaltungen
Seitdem wurden mehrere Solidaritätsaktionen angekündigt. So lädt etwa der Hanser Verlag alle ursprünglich nominierten Buchhandlungen zu einer alternativen Feier in Leipzig ein, die Verlage Bahoe Books, Ventil Verlag, VQ Voland & Quist Verlag und Verbrecher Verlag laden alle 118 ausgezeichneten Buchhandlungen zu ihrem Messeempfang am Donnerstag an ihre Stände in Halle 5 zum „Vorglühen“ ein.
In der Branche wurde zudem diskutiert, ob private Initiativen die entgangenen Preisgelder ausgleichen könnten. Ziel dieser Aktionen ist es, den Fokus wieder auf die Leistungen der ausgezeichneten Buchhandlungen zu lenken – trotz des politischen Streits um die Preisvergabe.
Ein beschädigter Preis
Mit der Absage der Preisverleihung hat der Konflikt um den Deutschen Buchhandlungspreis einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Während juristische Verfahren nun klären sollen, ob der Eingriff in die Juryentscheidung rechtmäßig war, bleibt die Branche gespalten.
Für viele Beobachter:innen steht inzwischen weniger die Auszeichnung selbst im Mittelpunkt als die grundsätzliche Frage, wie unabhängig staatliche Kulturpreise von politischen Entscheidungen sein sollten – und wie transparent solche Verfahren künftig gestaltet werden müssen. Außerdem wird Wolfram Weimer als Kulturstaatsminister in Frage gestellt.