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Literaturagent Thomas Montasser über die Not der Midlist

Thomas Montasser (Foto: Mariam Montasser)
Thomas Montasser (Foto: Mariam Montasser)

Jetzt erscheinen sie also wieder, all die wundervollen Frühjahrsnovitäten, die unser literarisches Leben bereichern. Bunt, vielfältig, überraschend, neu! Obwohl …

Wenn ich auf die Bestsellerlisten blicke, dann sehe ich eigentlich doch bloß die altbekannten Namen. Martin Suter. Sebastian Fitzek. Leila Slimani. Iny Lorentz? Echt jetzt?

Aber ich habe doch in den Vorschauen so viele vielversprechende Neuheiten angekündigt gesehen, von denen etliche schon erschienen sind! Wie ist das möglich? Sind sie nicht erschienen?

Doch, das sind sie. Wenn ich danach suche, dann spucken mir die üblichen Verdächtigen, die Thalias, Amazons und Hugendubels dieser Welt, die betreffenden Bücher aus. Sie weisen mich nur nicht darauf hin. Ich muss schon wissen, dass es sich gibt, um sie dort zu bestellen.
Also doch in die Buchhandlung meines Vertrauens. Sie wissen schon, die kleine um die Ecke, wo man das Sortiment noch persönlich kuratiert. Nur dass auch dort oft ein Großteil des Ladens mit den Stapeltiteln dekoriert ist, die alle kennen. Den Suters und Fitzeks und Abels und Schirachs und Hoovers

Wäre es nicht sinnvoller, dann die kostbare Fläche im Laden neuen, frischen, unbekannten Autorinnen und Autoren zur Verfügung zu stellen? Also all jenen, die sich nicht ihres berühmten Namens wegen von allein verkaufen? Die nicht auf der Liste stehen und einen Button bekommen und deswegen bei den üblichen Verdächtigen (s.o.) online ins Fenster gestellt und rauf und runter präsentiert werden? Warum bekommen die denn dann auch noch den Platz in der Buchhandlung, die doch neuerdings oft sogar die Aufkleber abnibbelt, aber selber auch nichts anderes tut, als ebendiesem Bestseller durch ihre Fläche noch mehr Sichtbarkeit zu geben?

Seufz. So ist es in diesen Zeiten: Gekauft wird, was ohnehin schon erfolgreich ist. Erfolgreich ist, was sichtbar ist. Was nicht sichtbar ist, kann nicht erfolgreich sein und wird nicht gekauft. Sichtbarkeit ist zur Leitwährung der Literatur geworden. Weil nicht stattfindet, was nicht sichtbar ist. Das spürt seit einiger Zeit die gesamte sogenannte Midlist, also all jene Bücher, die nicht auf einem hervorgehobenen, marketingunterstützten Programmplatz erscheinen. Hat man sich früher über jedes Belegexemplar gefreut, das hereinkam, mischt sich in diese Freude immer häufiger die Trauer, dass das Buch schon tot ist, ehe es noch eine Chance hatte, seine Leserinnen und Leser zu begeistern. Ganz einfach, weil es mangels Sichtbarkeit untergehen wird.
Ist es wirklich so dramatisch? Ist es.

Deshalb lautet mein Appell an die Großen: Gebt auch der ein oder anderen Wildcard mal eine Chance und setzt nicht immer nur stur auf die alten Gäule. Wenn die eines Tages zusammenbrechen, fehlen starke neue Marken. Und an die Sortimenter:innen: Da Ihr sowieso in einer anderen Gewichtsklasse kämpft, seid wenigstens so klug und glänzt mit Euren eigenen Qualitäten! Verschwendet Eure Fläche nicht an Zeug, das es auch an der Tanke gibt. Gebt Entdeckungen mehr Raum und macht sie sichtbar! Denn auch das ist ja Teil guter Beratung, dass man am Ende nicht irgendein Buch mit nach Hause nimmt, sondern genau das, das einen begeistern wird. Ganz nach dem Motto: For Your Eyes Only.

Thomas Montasser

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