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Der Messe-Mayer Leipzig 2026: Tag 1 von 5

Mittwoch: Wahrnahme und Messesocken

Liebe Freunde,

es schaut doch mal wieder nach einer prächtigen Buchmesse aus, und wenn ich mich damit maximal auf das Wetter beziehe, dann kann ich doch gar nicht viel falsch machen!

Ich muss mich nicht vorstellen, denn wenn Sie das hier lesen, dann lesen Sie es, weil Sie es immer lesen. Falls Sie aber neu hier sind: Ich bin eine Internetglosse aus den Neunzigern, die heutzutage wahrscheinlich größtenteils am Handy gelesen wird, was mich als Dinosaurier in den Zwiespalt bringt: Hoch- oder Querformat?

Für Sie daheim nur ein Foto, für mich noch jedes Mal ein majestätischer Anblick.

Allen Daheimgebliebenen bin ich in den nächsten fünf Tagen virtueller Ersatzbesucher dieser Messe. Und allen, die sie selbst erleben, ebenfalls, denn jeder erlebt eine andere Messe.

Ich möchte einmal einen Dollyzoom in einem solchen Gang hinkriegen

Jedes Mal dasselbe am ersten Tag: Die Schönheit der leeren Halle erschlägt mich, aber schon nur auf halbem Weg durch die Glasröhren erinnere ich mich, wie heiß, voll und eng es hier wird.

Und da entdecke ich das diesjährige Emblem der Leipziger Buchmesse als Treppen-Mural (Stairal? Trural?), und ich muss sagen: Es hat ein wenig Big-Brother-Vibes, wie dieses Auge mich anstarrt.

Als hätte Mordor ein Kulturstaatsministerium

Für heute ist die Pressekonferenz zur Eröffnung angesetzt, dann schauen wir uns ein wenig in den unfertgen Hallen um, und am Abend nehme ich Sie zum ersten Mal mit auf die Eröffnungsfeier im Gewandhaus!

Lassen Sie mich Ihr Glory Hole für diese Messe sein!

(Wird wahrscheinlich ab 10.00 Uhr morgens von der Redaktion in „Guckloch“ umgeändert.) Jedenfalls: Das Thema „Auge“ wird uns auf dieser Messe noch öfters begegnen.

Aber dazu später mehr, wenn Sie ganz Ohr sind.

Pressekonferenz

Bevor die Messe am Donnerstag fürs Publikum eröffnet wird, durchläuft sie mehrere Eröffnungsbrennstufen, von denen die tatsächliche Öffnung dann erst die letzte ist. Die erste Brennstufe ist die Pressekonferenz am Morgen.

Von weitem sehe ich schon meine Kolleginnen und Kollegen vorm Presseraum herumlungern.

Ich meine das nicht despektierlich. „Herumlungern“ ist tatsächlich der journalistische Fachterminus.

Ist ja nicht mein Problem, wenn Sie nicht elegant lungern können. Wie zum Beispiel meine liebe Kollegin Petra Samani von Langendorfs Dienst und vom Buchblinzler.

Premiere für uns beide; Sie ist heute abend ebenfalls zum ersten Mal im Gewandhaus zur Eröffnung!

Als vier Repräsentanten der Buchmesse überschneiden sich heute morgen: Der Geschäftsführer des Buchhandels, der Direktor der Messe als Ort, die Direktorin der Buchmesse als Ereignis und die Kulturbürgermeisterin der Stadt Leipzig.

Zuerst ist Messedirektor Martin Buhl-Wagner dran. Die Leipziger Messe ist ja auch dann die Leipziger Messe, wenn sie nicht die Buchmesse ist. In Frankfurt sehen wir die Messeleitung nie.

Sympathisch, dass der Hausherr sich selber zur Party einlädt!

Buhl-Wagner prahlt bescheiden damit, dass es „ungefähr die 390. Buchmesse“ sei, also ein Alter sonder Zahl. Bescheidenheit genau an der falschen Stelle! Wir haben dieses Jahr mehr Länder, mehr Aussteller und mehr Fläche!

(Später erfahre ich von Peter Kraus vom Cleff, dass Frankfurts Buchmesse noch älter sei.)

Die Direktorin der Buchmesse, Astrid Böhmisch, stellt das Schwerpunktthema vor: Statt eines Gastlandes geht es um den Fluss Donau. Und das sind ja eine Menge Länder und Kulturkreise auf einmal.

Well played! Das hätte sich der Zille nicht getraut.

Damit die Stadt Leipzig ebenfalls mit am Tisch sitzen darf, wurde extra das Amt der Kulturbürgermeisterin erfunden. Und das finde ich großartig. Also einerseits das Konzept einer kulturellen Bürgermeisterin neben dem Bürgermeister, und andererseits, dass eine Stadt Bürgermeisterämterderivate raushauen darf. Skadi Jennicke übernimmt diesen Part seit ein paar Jahren sehr erfolgreich. Sie ist froh, dass das Leipziger Haus der Literatur erhalten bleibt, und sie hat auch was zur Affäre Weimer zu sagen: Es ist gut, dass wir streiten, und dass wir darauf achten, dass der Streit selbst nicht das Problem ist.

Der Streit selbst ist nicht das Problem: Bester Satz des Tages.

Skadi Jennicke macht auch gleich Werbung für ein Buch. Das macht sie sonst nie, also muss es ihr wirklich wichtig sein. Es handelt sich um Das verrückte Herz von Miljenko Jergović, der heute Abend den Leipziger Buchpreis bekommen wird.

Da darf Suhrkamp sich freuen!

Abschließend ergreift unser Hauptgeschäftsführer, Peter Kraus vom Cleff, das Wort. Das Erzählen von Geschichten sei eine Sache, die ihn von anderen Säugetieren unterscheide. Nein, warten Sie, das war nicht der genaue Wortlaut. Aber Sie wissen, was ich meine.

Also, was er meint.

Schönster Satz von PKvC: Lesen ist subversiv.

Zu schön und zu konzis, als dass ich das noch ergänzen oder kommentieren müsste; das kann ganz für sich selbst stehenbleiben. Aber die Abkürzung PKvC lasse ich bleiben, das klingt ja wie ein Polymer. (Das ist wahrscheinlich meine alte Kriegswunde, die da schmerzt: Die CvZ-Narbe.)

Eine besondere Ablenkung boten Martin Buhl-Wagners auffallende Messesocken. Die waren so auffallend, dass sich Journalisten extra auf den Boden setzten, um ein Close Up zu kriegen.

Und ich kriege dann ein Panorama von all dem zusammen.

Allerdings habe ich jetzt ein Problem:

Ich will diese Socken.

Also nicht seine, sondern eigene.

Statt eines Poetry Slammers (Leipzig 2024) oder einer rotzfrechen Romanautorin (Frankfurt 2025) hat die Messe diesmal drei Autor*innen aus verschiedenen Bereichen der Donaugeschichte eingeladen, die jeweils ihren eigenen Bezug und ihre eigene Annäherung an das Thema mitbringen.

Das ganz links kriege ich später noch bei S. Fischer gezeigt!

Wenn man als Journalist herumläuft und fotografiert, gibt es das ungeschriebene Gesetz, dass man dann möglichst verhuscht zu seinem Platz zurückwieseln muss. Anstatt aufrecht. Das ändert nichts an der Störung, die in einer Pressekonferenz nicht mal eine ist, aber es ist der gesellschaftliche Vertrag. So nennt man das, glaube ich. Hier, das bin ich:

Denken Sie sich eine trippelnde Cartoonmusik dazu

Mein Dank übrigens an Markus Fertig vom MVB für dieses Foto und weitere.

Am Ende durften wieder Fragen gestellt werden. Als erstes stürzte man sich auf die Casa Weimer, und was die Messe denn zu seiner Absage der Verleihung des Buchhandlungspreises sage. Astrid Böhmisch antwortete ein sehr diplomatisches Nichts, aber es klang ganz professionell wie „Herr Weimer hatte leider Terminprobleme, und wir freuen uns, ihn heute Abend auf der Verleihung begrüßen zu dürfen.“

(Keine Sorge: Wenn Sie den Kulturstaatsminister abgewatscht sehen wollen, dann folgen Sie mir am Abend zur Messefeier im Gewandhaus.)

Dann gab es noch diesen jungen Mann, dessen Frage hier wirklich niemanden weiterbrachte. Der wollte unbedingt wissen, wo man diese Messesocken kriegt. Ich meine, wie einfältig kann man sein? Schauen Sie nur, wie peinlich berührt alle gucken.

Foto: Schon wieder Markus Fertig

Zuerst wollte man mich, äh, ihn auf den Messeshop abwälzen, dort könne er diese Socken erwerben. Aber das erwies sich als Fehlinformation: Tatsächlich sind diese Socken eine Sonderanfertigung für VIPs. Die werden an ausgewählte Leute verschenkt, aber man kann sie nicht kaufen.

Jetzt will ich sie NOCH dringender haben.

Also eigene.

Markus Fertig ist der Sachenwart bei MVB, was soviel heißt wie, ich weiß nicht genau, was sein Job ist. Aber es hat wohl mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun, sonst dürfte er nicht

a) so viel Zeit mit mir verbringen

b) so viel Quatsch produzieren

Hier überreicht er mir extra eine ganze Tüte mit Quatsch, also eigentlich ein Messe-Survival-Bag, das alles enthält, was ich in der Wildnis sofort wegwerfen würde, um zu überleben, aber was auf einer Messe fast schon eine eigene Währung darstellt: Giveaways!

Ein MVB-Pin, ein Kugelschreiber, ein Checklistenblock, ein verschließbarer Kaffeebecher, auf dem mein Name steht, eine Powerbank, ein französisches Weißbrot, eine Flasche 1989er Clos Rougeard und eine Rolle Zwei-Euro-Münzen zur Selbstverteidigung!

Hahaha, nein, die Powerbank habe ich erfunden.

Hahaha, nein, habe ich nicht.

Ich lerne endlich die Onlinemanagerin der Leipziger Buchmesse kennen, Maike Henkel! Weil ich selbst der Onlinemnanager einer Kolumne über ihre Messe bin, sind wir sozusagen Kollegen!

Ich wollte mich aus Höflichkeit etwas kleiner machen, aber ich habe es übertrieben
Urteilen Sie selbst.

Foto: Schon wieder mal Markus Fertig. Dass Markus Fertig nur für mich ein Survivalkit dabei hatte, aber nicht für die Onlinemanagerin der Leipziger Buchmesse, war natürlich ein Fauxpas. Herr Fertig, Sie können jetzt reagieren wie ein Kulturstaatsminister oder alles richtig machen.

Reichen Sie das Survivalbeutelchen nach.

(Auch an die drei gestrichenen Buchhandlungen!)

Nach der Pressekonferenz gibt es eine Stärkung für die Journalisten. Und ich werde Jahr für Jahr nicht müde, das zu betonen:

Das ist eines der Dinge, die Leipzig einfach richtig macht.

Und das hier auch.

Gucken Sie nur mein Entscheidungslungern an.

Foto: Markus Fertig, der immer meine besten Momente erwischt

Mein Gang durch die Hallen

Mein Leipziger Mittwoch ist eigentlich mit der Pressekonferenz erledigt, aber ich lasse es mir nicht nehmen, am Aufbautag die Hallenatmosphäre einzusaugen. Die zugige Luft, weil überall LKW-Tore offenstehen; die Geräuschkulisse aus Werkzeug, Soundcheck und Rumgerufe; überall Menschen, die arbeiten; und ich mittendrin, im Weg stehend und gut aussehend.

Hier sind meine Schnappschüsse.

Das Stinkefingereinhorn ist das nächste Projekt der Leute, die auch den Likör namens Ficken ins Handelsregister hineinerstritten haben.

Ist es ein Comic? Ist es ein Schnaps?

Beides.

Penguin Random House haben weiterhin einen getrennten Stand für ihre Kinderbücher in der Kinderbuchhalle. Im Ernst, bitte glauben Sie mir: Bluey ist eine wertvolle Figur. Die Sendungen sind witzig, klug und lehrreich; und die Bilder sind nicht hektisch.

Wieso Lego da nun schon wieder seine Lizenzfinger im Spiel hat, weiß ich auch nicht

Die Buchstaben des Donauthemas kommen mir so bekannt vor:

Sie sehen aus wie die Verlierbuchstaben bei Wetten, dass!

Die Donaubühne ist wie alle Gegenden an der Donau:

Farbenfroh, voller Gebamsel und schlecht besucht

Allerdings erlaubt die Transgebamselfotografie sehr atmosphärische Porträts.

Sehen Sie, was ich meine?

Verdammter Autofokus

Bei S. Fischer treffe ich Theresa Bolkart. Arbeitet Sie dort im Vertrieb? Für eine PR-Frau ist sie ja wirklich viel zu fleißig.

Also: Alles Lieblinge von einer Frau, die eigentlich gerade echtere Arbeit hat, als Presse zu spielen.

Hey, das war eines der Donaubücher von heute morgen!

Bei Kiepenheuer & Witsch klebt Mirjam Mustonen Christoph Kramers echte Autogramme in Christoph Kramers echte Bücher. (alles andere würde auch keinen Sinn ergeben.) Einerseits ist diese Art Serienproduktion effizienter für alle Beteiligten außer Mirjam Mustonen, aber andererseits hat Christoph Kramer ja dann nicht wirklich das Buch signiert. Ich weiß aber nicht, ob das relevant ist. Er soll das Buch ja nur signieren und nicht segnen. Und er hat ja jedes Autogramm auch tatsächlich dem Buch zugedacht.

Also für mich zählt das.

Und für Mirjam Mustonen allemal.

(Aber wahrscheinlich nur, weil es uns egal ist.)

Hier noch ein Schnappselfie (Selfieschuss?) vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und mir.

Prospekte auffüllen und Mitgliedsbeiträge einziehen: Unser Verband!

Aber lassen Sie sich durch unsere Aufgeräumtheit nur nicht täuschen: Ansonsten herrscht hier noch tiefstes Chaos. Sogar alphabetisch sortiert:

E wie „Echt noch nicht fertig“
F wie „Fast fertig“
G wie „Gönnd nor n bissel dauorn.“

Suhrkamp hat einen neuen Stand!

Vielleicht komme ich nochmal, wenn die Müllcontainer weg sind.

Eidgenossenschaftsrote rustikale Holzbänkestapel können nur eines bedeuten:

Diogenes hat noch nicht ausgepackt.

Die „Große Bühne“ in Halle 5 ist spektakulär:

Und wenn dann erst noch Leute da sind!

Das Thema Spicy Romance wird auf dieser Messe gelegentlich in Foren zur Diskussion angeboten. Was darf Spicy Romance? Alles, haha. Altersfreigabe als Verkaufsargument.

Ist das noch sexy oder schon U-Boot?

Am Hauptstand von Penguin Random House freut man sich bereits auf allerlei Zulauf. Fürs Publikum gibt es z.B. ein Elsberg-Titel-Quiz!

Das würde ich nur gewinnen, wenn jede Antwort Blackout wäre.

Fotowände mit Props und Kostüm ziehen immer Publikum an.

Ich weiß nicht wirklich, worum es geht. Aber I’m ready to bond.

Klett! Was immer das für ein Kuscheltier sein soll:

Es ist wirklich so überhaupt gar nicht kuschlig.

Droemer Knaur fährt ordentlich auf: Zum 20jährigen Augenjubiläum Sebastian Fitzeks wurde ein eigener Psychostand errichtet, voll mit Bluspritzern, Jump Scares, Foto-Kabinen und Augenbällebad.

Möge Denis Scheck eines Morgens hier aufwachen
Wenn das der Hallenmeister sieht!
Sie achten doch nur auf das Augenbällebad im Hintergrund
Doch, ich sagte „Bällebad“, obwohl es technisch eher ein Augapfelbad ist.
Jump Scare in der Fotokabine:
Plötzlich kommt eine Lesung von oben

Der wahre Horror sind Fitzekromane, die kein Horror sind

Hier habe ich mich total falsch hingestellt.

Von weitem erkenne ich meine alten Freunde vom vtb-Verlag!

Und ich habe mir extra eine Leiter für diesen Gag besorgt!
Und dann diese Enttäuschung: Es war nur dtv.

Es gibt gar keinen vtb-Verlag. Aber ich wollte unbedingt mal eine Leiter für ein Foto benötigen.

Zweierpasch: Sowohl grammatisch als auch typographisch herausfordernd

Hier haben wir einen optischen Gag, der an die Gamer-Zielgruppe völlig vergdeudet ist. Oder ich unterschätze die Nerds. Es handelt sich um eine Gaming Area, die „Swamp“ betitelt ist, also Sumpf, und noch dazu in der Armeeschablonenschrift Stencil!

Das ist natürlich ein Verweis auf M*A*S*H!

Das Quartier von Hawkeye und Hunnicut wurde nämlich Sumpf genannt. Unter uns Nerds muss ich aber darauf hinweisen, dass in der Serie kein Stencil-Schriftzug verwendet wurde.

Details sind wichtig! Gerade bei Nerds!

Nach dem Stand der wandernden Sonne zu urteilen, müsste dieser Goldfolienstand in wenigen Minuten komplett in Flammen aufgehen.

Nur noch einen halben Meter!

Och, Leute von der ARD-Bühne, Ihr könnt mir doch keinen riesigen Green Screen vor die Nase servieren. Da komme ich doch nur wieder auf dumme Gedanken.

Ihr WOLLT doch, dass ich damit Schindluder treibe

Wie ich schon sagte: Bluey ist wirklich gutes Kinderprogramm.

Eröffnungsfeier im Gewandhaus

1981er Architektur at its Best

Morgens war die informative Eröffnung für die Presse; und abends ist die feierliche Eröffnung für die Kultur, mit Orchester und Leipziger Buchpreisverleihung. Das Gewandhaus ist keine Umkleidekabine. Es heißt nur so.

Auf dem Augustusplatz treffe ich Ulli Faure, langjähriger und wichtiger Weggefährte beim BuchMarkt.

Und im Übrigen dieses Jahr für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert!

Und Sie fragen sich sicher schon, wann Maren Ongsiek vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels hier auftaucht.

Jetzt!

Ich treffe sie mit Peggy Sasse weit oben. Wenn wir dann runtergucken, sieht das so aus:

Diese Orgel donnert gleich ein Halleluja-Präludium.

Das Gewandhaus-Orchester ist eines der besten der Welt.

Bis heute Abend wusste ich gar nicht, dass ich Ligeti mag

Als Verbandsvorsteher Sebastian Guggolz zur nächsten Rede ansetzte, staunte ich nicht schlecht, dass er in Anwesenheit Dr. Wolfram Weimers einiges zur politischen Einflussnahme in der Kultur zu sagen hatte, und jedes Applaudieren war wie tausend schallende Ohrfeigen ins Ministergesicht.

Huch!

Nachdem die morgendliche Pressekonferenz sich da eher bedeckt und höflich hielt, hatte ich in diesem noch feierlicheren Rahmen erst recht nichts erwartet, aber, oh Boy, wurde ich eines Besseren belehrt. Und nicht nur wagten einige der Redner ein ordentliches Abwatschen undemokratischer Einflussnahme, sondern tatsächlich wurde Kulturstaatsminister Weimer auch richtig ordentlich ausgebuht und ausgepfiffen.

Preisverleihungen sind ja gar nicht langweilig!

Das war eine hübsche Demonstration zivilen Ungehorsams, aber die wütenden Zwischenrufe waren eher albern: Der Mann hat ein Mikrofon in einem Konzertgebäude; und Ihr nicht. Meinen Sitznachbarn hatte ich sagen hören „Das gehört sich einfach nicht.“ Aber es hat es schön leise gesagt

Zur balancierten Berichterstattung muss ich erwähnen, dass Weimers Hufeisenverteidigung gegen generellen Extremismus ebenfalls ihren Applaus fand. Links, rechts, islamistisch, ablaistisch oder logarithmisch.

Börsenverein pöbelt mit, aber aus Papier

Angeblich verteilt Claudia Roth die.

Sprachlich habe ich fast nichts auszusetzen an diesem Abend, aber jemand sagte absichtlich Wahrnahme statt Wahrnehmung. Bitte präzise bleiben. Ich sage ja auch nicht Inbetriebnehmung.

Ach ja, die Preisverleihung! Vor lauter Geweimer soll uns Miljenko Jergović nicht vergessen gehen, der den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026 erhält. Sehen Sie, Weimer, welchen Kollateralschaden Sie in unser aller Aufmerksamkeitsökonomie verursachen?

Wir gratulieren herzlich.

Und wenn dies schon der Abend der Ohrfeigen ist:

Gutes Schlusswort vom Gewinner

Zum Geleit

Wieder einmal ist eine Buchmesse Seismograph für Dinge, die draußen in der Welt passieren. Das habe ich nicht erst im Gewandhaus erfahren.

Stillstehende Donald-Trump-Gedenkrolltreppe

Im Laufe des Tages konnte ich aber immerhin die Messe-Aufkleber auf meinem Messekoffer auffrischen:

Alles Kiepenheuer & Witsch.
Und massenweise frische Augen!

Also auch schon als Ersatz für später, wenn die dann abgehen!

Ein Herzenswunsch von mir war ja, eigenen Zutritt zur VIP-Lounge der Leipziger Buchmesse zu erhalten. Die VIP-Lounge ist ein Gastro- und Pausenbereich, der geldlos, leise und würdevoll vonstatten geht, ein wenig wie eine Geheimloge, und der Zutritt ist streng reglementiert. Gedacht ist das tatsächlich als Promigästebälldebad – Sie sind ein Verlag und müssen Hallervorden oder Claudia Roth oder Matthias Reim oder Peter Sloterdijk zwischen TV und Signierstunde irgendwo parken, wo er oder sie versorgt und erreichbar ist, aber Ruhe hat:

Die VIP-Lounge.

Ich war da schon öfters, weil man als jemandes Gast reindarf. Aber ich wollte einen eigenen Zutritt. Also schrieb ich die Messe an. Und ich bekam tatsächlich die Antwort, die ich mir durch jahrelangen, selbstlosen Dienst an der Messefront verdient habe:

Nein.

Aber es war ein sehr schmeichelhaftes Nein: Im Kontext dieser Messe ginge ich absolut als VIP durch, aber leider könne man mir trotzdem nicht helfen. Dieter Hallervorden, Claudia Roth, Matthias Reim und Peter Sloterdijk hatten persönlich darauf bestanden, dass es eine messemayerfreie Zone geben müsse.

Gut, ich habe es versucht. Aber wahrscheinlich habe ich einfach nicht die richtigen Socken an.

Schilder, die ich nicht verstehe:

Nur falls Sie dachten, es handle sich um Englands, Spaniens oder Nevadas Saarland.

Ich bin gespannt auf den Eröffnungstag – das wäre ja dann nach Presse und Gewandhaus die letzte Brennstufe der Eröffnung. Ich wünsche Ihnen einen spannenden Donnerstag.

Ihr und Euer

Matthias Mayer

herrmayer@hotmail.com

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