Nach der Begrüßung von Buchmessedirektorin Astrid Böhmisch leitete die Juryvorsitzende Dr. Katrin Schumacher die Preisverleihung für den Preis der Leipziger Buchmesse mit den Worten ein: „Die letzten Wochen haben wir ein Herunterdimmen der Wertschätzung erlebt.“ Sie erinnerte im weiteren unter anderem daran, dass Übersetzung eine Leistung sei, die es auch finanziell zu wertschätzen gelte sowie mit einer Nennung auf dem Buchcover.
Manfred Gmeiner erhielt für seine Übertragung von Unten Leben von Gustavo Faverón Patriau aus dem Spanischen bei Droschl den Preis in der Übersetzungskategorie. In seiner Dankesrede plädierte er dafür das Buch bei selbstständigen Buchhandlungen zu kaufen. Die Laudatio würdigte das hohe Tempo und den unwiderstehlichen Sog seiner Übersetzung.
Marie-Janine Calic erhielt für „Balkan-Odyssee, 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ (C.H. Beck, 15.10.2025) den Preis in der Kategorie Sachbuch. Sie endete ihren Dank mit den Worten „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“ Die Laudatio preiste, dass sie mit ihrem Buch eine weißen Fleck in der Geschichtsschreibung fülle.
Der Belletristik-Preis ging an Katerina Poladjan: „Goldstrand“ (S. Fischer, 27.08.2025). Sie ging in ihrer Dankesrede zum einen auf die derzeitige Gereiztheit ein, aber auch auf die Kontroverse um den Deutschen Buchhandlungspreis. „Es kommen dunkle Erinnerungen an eine erstickende Atmosphäre der Unsicherheit und Ohnmacht hoch“, sagte sie. Gewürdigt wurde sie für ihr federleichtes Erzählen, ihre unangestrengte Sprache. Der Roman könnte nicht gegenwärtiger sein, es sei ein kluger wie witziger Roman so Tilman Spreckelsen in der Laudatio.
Zum Hintergrund
Kategorie Belletristik
Katerina Poladjan | „Goldstrand“ | S. Fischer
Begründung der Jury:
„Filmregisseur Eli lebt in einer bröckelnden römischen Villa, auf dem Sofa seiner Psychoanalytikerin schwelgt er in seinen Lebenserinnerungen; erzählt von den architektonischen Utopien seines Vaters in Bulgarien, von Schwiegereltern mit fragwürdiger Vergangenheit und von seiner Tochter, die von all dem nichts wissen will. Katerina Poladjans Roman ist ein Abgesang auf Europa als Kontinent der glamourösen Dichter und Denker – und erzählt uns mit einer leichten wie abgründigen Sprache von einem Mann, der sich auf einen Abschied vorbereitet und selbst noch nicht weiß, wohin ihn die Reise führt.“
Die Autorin:
Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Für „Hier sind Löwen“ (S. Fischer, 2019) erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Mit „Zukunftsmusik“ (S. Fischer) stand Katerina Poladjan auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022. 2025 erhielt sie den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds.
Kategorie Sachbuch/Essayistik
Marie-Janine Calic | „Balkan-Odyssee, 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ | C.H. Beck
Begründung der Jury:
„Südosteuropa ist bislang in der Exilforschung kaum beachtet – Marie-Janine Calic schließt eine Lücke mit diesem eindrucksvollen Werk. In ihrer breiten und akribischen Recherche erzählt sie die wechselvolle Geschichte der Balkanroute anhand vieler Einzelschicksale. Ob jüdisch, homosexuell oder kommunistisch – neben einigen prominenten Namen sind es vor allem die Schicksale der einfachen Leute, denen Marie-Janine Calic so ein Denkmal setzt. Anhand dieser Biografien erzählt Marie-Janine Calic Weltgeschichte. Sie erschließt politisch-historische Zusammenhänge und zeigt den Balkan als Region der Hoffnung und des Übergangs.“
Die Autorin:
Marie-Janine Calic ist Professorin für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie war als Politische Beraterin u. a. am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag tätig. Unter ihren zahlreichen Publikationen sind u. a. die Monografien „Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region“ (C.H. Beck, 2016) und „Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert“ (C.H. Beck, 2010).
Kategorie Übersetzung
Manfred Gmeiner | Übersetzung aus dem Spanischen: „Unten leben“ von Gustavo Faverón Patriau | Droschl
Begründung der Jury:
„Als multiperspektivischer Horror- und Schelmenroman entfaltet sich Gustavo Faverón Patriaus ‚Unten leben‘: Dutzende Erzählstimmen fügen sich zu einem Mosaik der düsteren Geschichte Lateinamerikas. In dieser labyrinthischen Erzählung verlieren sich Wahrheit, Erinnerung und literarische Anspielungen ineinander. Manfred Gmeiner übersetzt den Roman mit spielerischer Eleganz ins Deutsche und bewahrt dabei den Blick für eigensinnige Figuren und den Zauber der Poesie. Seine ebenso furchtlose wie packende Übersetzung macht die Lektüre zu einer intensiven, unvergesslichen Erfahrung.“
Der Autor:
Manfred Gmeiner, geboren 1964 in Wien, war lange als selbstständiger Buchhändler in einer gemeinsam mit seiner Partnerin gegründeten spanischsprachigen Buchhandlung tätig. Nach Weitergabe der Buchhandlung ist er nun als Scout und Übersetzer aus dem Spanischen tätig. Er gab mehrere Anthologien heraus und übersetzte u. a. Jordi Peidro, Francisco Álvarez und Federico García Lorca.