Freitag: Autogramme, Transkriptionen und eine neue Praktikantin

Liebe Freunde,
Nein, ich bin heute morgen NICHT bei Martin Buhl-Wagner aufgewacht.

Mich erreichten auch etliche Zuschriften wegen der Survialtüte, die Markus Fertig mir am Mittwochmorgen überreichte: Ob wirklich mein Name auf dem Kaffeebecher stehe?
Tatsächlich, ganz apart und dymographisch appliziert war die Benamung des feinen Schraubbechers nicht erfunden.

Aber bleiben wir bei echtem Kaffee: S. Fischer hat in Leipzig nicht die gute Kaffeemaschine dabei, und bei Droemer war es mir zu voll – und so hole ich mir meinen zweiten Kaffee diese Woche bei Libri.
Beziehungsweise – auf der Leipziger Buchmesse ist Libri als BOD unterwegs, weil hier mehr Endkunden strömen als beim Frankfurter Fachpublikum. Da ist Eigenverlag attraktiver als Großhandel.
Mir egal. Ich will nur den Kaffee.

Danke für die Milchhommage, Björn der Barista. Möge ich niemals Ihren Nachnamen erfahren.
Erst jetzt kann der Tag beginnen.
Ach so, eines noch:
Chuck Norris ist nicht tot.

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Was ich alles sah (oder wen)

Und wir haben beide gleich über Sie gesprochen, Daniela Kiauk-Ebeling! Wann kommen Sie mal wieder auf die Messe? Bitte verzeihen Sie meine freche Antwort auf Ihr Lob vom Mittwoch in der Kommentarspalte.
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Mit dem heutigen Freitag beginnen die Signiermarathons extra für die Wochenendbesucher. Große Signierbereiche mit Wartespiralen entlasten die ohnehin vollen Hallen, damit Schriftsteller ihren Namen malen können, ohne den Lauf der Welt ins Stocken zu bringen.


Warteschlangen-Infrastruktur und Autogrammverkehrsregeln: Das hätte uns vor Fitzek auch niemand abgenommen.

Auch Bastei Lübbe hat neue Stände aufgefahren:

Ganz neue Vibes im Hauptstand: Pastelltöne, stilisierte Porträts, kleine Bühne, viel Raum: & ausladende Wege: Ich nenne das die neue Yogameile.

Zwei meiner allerliebsten Branchenjournalisten: Carsten Tergast und Harald Kiesel.


Doch, doch, ich sagte Pacmanmann.

(Das soll ein stilisiertes 8-Bit-Punktemampfen sein, nicht Tergasts Ruf nach russischem Schnaps.)
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Auch bei Sebastian „Sehnerv“ Fitzek bilden sich die üblichen Schlangen, aber Droemer hatte ja vorgesorgt und extra einen komplett autogrammfähigen Fitzek-Ekel-Stand errichten lassen.

Durchs Spannerloch beobachte ich den Bestsellerstar heimlich, während er ganz allein in seinem Badezimmer steht und seine Monobraue nachzieht.

Hier sehen Sie das Guckloch nochmal in der Draufsicht:

Genau, ich habe eine Praktikantin dabei, die ich noch gar nicht vorgestellt hatte, weil sie erst warm werden musste. Also warm werden damit, dass ich vergessen hatte, sie vorzustellen. Aber inzwischen ist sie mit fast 1,0 Jule in das Messeleben eingerastet. Praktikantin Anna Herdt (15) ist nicht nur momentan für die täglichen Tafelmeldungen meines Buchladens zuständig, sondern passt auf meine Ausrüstung auf, stellt Interviewfragen, merkt sich Standnummern, macht Fotos und hört überall aufmerksam zu.
Ihre Schule hat dieses Abenteuer erlaubt, bevor die meine Öhrchen gesehen haben.
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Eine liebgewonnene Tradition ist ja, dass ich Claudia Holzer vom Usborne-Verlag durch irgendeinen optischen Kakao ziehe. Aber ich glaube, das erspare ich uns dieses Jahr, denn Frau Holzer beklagte blinzelnd, dass sie keine Sonnenbrille dabei habe.



Ach, wissen Sie was:

Wenn Sie, Frau Holzer, eigene Brillenwünsche haben oder gar Vorschläge aus dem Leserkreis goutieren: Es sind noch zwei Tage Messe.
Brillenwunsch für Claudia Holzer an mich mailen
Leider konnte ich nicht zum großen Auftritt des Furzipups-Walk-Acts mit Rap Show am Stand von Coppenrath kommen! Und das bedaure ich aus mehreren Gründen:
Erstens, weil Dr. Lambert Scheer einer meiner treuesten Leser ist.

Und alle Geruchswitze, die mir noch eingefallen wären.
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Zweites Interview der Messe: Ulrich Faure
Ulli Faure war einer der beiden Führungsoffiziere, die Christian von Zittwitz in der BuchMarkt-Ära hatte. Der andere war Jo Volks. Man muss sich das wie Kirk, Spock und Pille vorstellen. Wobei Faure auch alle Attribute des grummelnden Schotten im Maschinenraum zeitigt. Der einsilbige Kerl, der ewig schlecht gelaunt guckt, ist ein belesener, fluchfreudiger, alter, weißer Mann, der in seiner Freizeit Bücher aus dem Niederländischen übersetzt, eine Zijarette nach der anderen schlotet und alles sagt, was er denkt; allerdings so undeutlich, dass mein Smartfon schlicht die Transkription verweigert.
Das letzte, was Faure also wäre, wäre ein Vorzeigepromi. Aber wie gern ich diesen Mann habe und seinen Humor und seine Branchenkenntnis immer genieße! Die besten Teile des Interviews waren die, die unter uns bleiben müssen.
Zum ersten Mal wurde Ulli Faure für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, Kategorie Übersetzung, siehe Donnerstagsbericht. BuchMarkt sprach mit dem Preisnichtgewinner.

BuchMarkt: So. Ulli Faure, gesprochen: Fohr. Wieviele Leute sprechen Deinen Namen falsch aus?
Ulrich Faure: Neunzig Prozent.
Und berichtigst Du das überhaupt noch?
Nö.
Warum bist Du besser als eine KI? So ein Buch ist ja auch nur Content.
Hast Du mal ’ne KI ausprobiert?
Okay, ich sehe, worauf Du hinauswillst. Lassen es mich anders fragen. Warum bist Du besser als ein anderer Mensch mit einem Lexikon?
Wichtiger ist, in der Zielsprache besser unterwegs zu sein als in der Ausgangssprache. Bei einer Übersetzung sollte man natürlich verstehen, was da steht. Aber man sollte es so übersetzen, als wäre es auf Deutsch geschrieben.
Wie sucht man sich eine Übersetzer? Was machst Du, damit Matthes & Seitz auf Dich zukommen?
Ich bin zu Matthes & Seitz gekommen.
Und hast auch das Buch selbst vorgeschlagen?
Es gibt den Amsterdam den Nederlands Letterenfonds. Das ist Literaturinstitut, die sehr viel für Verbreitung niederländischer Literatur weltweit tun, auch mit Millionenbeträgen subventionieren, ein Übersetzerhaus unterhalten. Die tun schon alles. Und das sind keine Verwaltungsbeamten, die nur irgendwie Kohle hin- und herschieben, sondern die lesen auch wirklich selbst. Und kennen ihre Leute, also auch mich. Was könnte dem und was könnte dem gefallen? Und so kriegte ich eines Tages von Anjet Daanje ein PDF zugeschickt, da wurde sie gerade ein bisschen bekannt. Sie war ja auch zehn Jahre in den Niederlanden völlig unterm Radar. Ich habe es gelesen, fand es großartig. Ich habe zehn Seiten übersetzt und gesagt: Das müssen wir wohl machen.
Auf diesen zehn Seiten trifft man aber schon eine Entscheidung, mit welchen Mitteln und Werkzeugen man die Stimmung, die man vorfindet, neu erzeugen will?
Oh ja, vor allen Dingen, wenn es um ein Buch wie „Der erinnerte Soldat“ geht, das stilistisch eine große Besonderheit hat: Jeder Satz und jeder Absatz fängt mit „Und“ an. Was im niederländischen geht, im Deutschen nicht ganz so, das hat dann den Charme eines Schulaufsatzes. Da muss man ein bisschen tricksen, aber das Ganze hat einen Rhythmus. Es ist eigentlich ein aufgeschriebener Albtraum in Filmszenen. Irre spannend gemacht, und ich habe etwa zwölf Ansätze gebraucht, bis ich den Dreh hatte. Und nachdem ich den hatte, dann lief das auch von alleine.
Tricksen und spüren und eine stilistische Entscheidung treffen, das ist das, was die KI nicht schafft.
Wenn ich die KI nach der Navigation zu einer Kneipe in Leipzig frage, führt sie mich in eine Tierklinik.
Vielleicht denkt sich die KI in Deinem Fall was dabei.
Die KI weiß nichts von meiner Katze.
Wie geht man beim Übersetzen vor – chronologisch, oder sucht man sich den Punkt, an dem man organisch einsteigen kann?
Ich weiß nicht, wie das die Kollegen machen, aber ich mache das von hinten nach vorne.
Was macht man, wenn man nicht weiterweiß?
Wie gesagt, wenn man den Einstieg erstmal hat, dann geht’s von Seite zu Seite und mal an einem Tag besser, an einem Tag weniger gut und manchmal bleiben auch so ein paar ungeklärte Stellen für den nächsten Tag. Wenn man dann gar nicht weiter kann, muss man halt die Autorin mal anrufen, die Kollegen fragen.
Wenn man mit Stimmungen arbeitet, kommt man auch in Situationen, wo man sagt, dieses Kapitel kann ich heute gar nicht machen,afür baue ich einen fröhlichen Tag oder einen ernsten Tag. Ist das auch eine Entscheidung?
Nö.
Ich kenne Dich ja nun nur als Redakteur. Bist du ausgebildeter Übersetzer, oder nimmt man dichnur, weil du bekannt oder sexy bist?
Ich habe die Sprache nicht gelernt, ich habe sie nicht studiert. Sie ist mir irgendwie zugelaufen. Ich hab halt viele Niederländisch gelesen, und das Sprechen war dann etwas mühsamer als das Lesen. Aber nach so ein paar Zehntausend Seiten ging das.
Klingt so wie: man muss sich nur mal Mühe geben.
Man muss Geduld haben.
Hast du noch andere Sprachen drauf?
Nee.
Nicht mal Englisch?
Englisch wurde gelöscht durch Niederländisch. Bei drei ähnlichen Sprachen in meinem alten Hirn war eine zu viel dabei.
Ich würde dich einschätzen als jemand, dem Preisverleihungen nichts bedeuten.
Nö.
Die Antwort lass ich einfach so stehen,
Die Nominierung war insofern klasse, weil es ausgerechnet diese Autorin getroffen hat, die in Amsterdam zehn Jahre völlig unbekannt blieb, in einem Ein-Mann-Verlag in Kroningen.
Das heißt, dass eine Übersetzung, die du anfertigst, nicht nur einen Dienst am lesenden Zielsprachepublikum sind, sondern auch ein Dienst an der Autorin?
Ja, wenn die aus einer kleinen oder sogenannten kleinen Sprache kommt, verbinden sich mit jeder Übersetzung natürlich Hoffnung auf einen größeren Mark. Durch die Nominierung hat sich da was getan. Das Buch ist jetzt in der zweiten Auflage und wird in 17 Sprachen übersetzt. Gut, wir haben in Deutschland noch ein bisschen Luft nach oben, um die 100.000 Verkauften in den kleinen Niederlanden zu toppen. Aber das wird schon. Vielleicht.
BuchMarkt dankt für das Gespräch.

Ich bin aber auch der einzige, der ihn so nennen will.


Kiepenheuer und Witsch
Es ist eigentlich unnötig, dass ich extra eine große Überschrift generiere für „eine Weile am Stand herumstehen und Quatsch machen“, aber solche kleinen Hängherums sind erstens typisch für Messen, und zweitens auch essenziell. Denn dauernd bleiben weitere Leute hängen, stellen sich dazu und ziehen dann weiter.

Ich weiß nicht, warum, aber Kiwi verteilt Kondome. Ein absolut sinnvolles Messe-Giveaway.

Ich halte mal eins in die Luft. Frau Ongsiek sagt, ich müsse verführerisch gucken. Ich kann aber nur Duckface und Höhepunkt.

Ich meinte das mehr so als visuellen Gag, in der Art eines Limousinenfahrers, der am Flughafen auf einen fremden Gast wartet, aber tatsächlich habe ich nacheinander Nicola Bardola, Tom Deisinger und Karin Schmidt-Friderichs angelockt!
Die frühere Verbandsvorsteherin fühlt sich frei, aber sie vermisst es auch. Aber ihre größte Freude ist, wie ihr Nachfolger sich in diesen Tagen bewährt und positioniert hat. Indes grüble ich noch über ein Grundsatzproblem der Höflichkeit:

Ich bin sicher, dass mindestens eines davon ein Fauxpas ist. Aber andererseits hat Kiepenheuer & Witsch ja damit angefangen.
Eines der schönsten Messefotos, © Mirjam Mustonen: Davon gibt es zwanzig Serienfotos mit graduell schlimmer werdenden Gesichtern. Vielleicht zeige ich am Sonntag noch ein paar in meinem Abschlussbericht. Aber am schönsten ist, wieviel Spaß alle haben.

Hier noch ein besonders fröhlicher Schnappschuss von Maren Ongsiek und meiner Praktikantin Anna Herdt (15):

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Zum Geleit
Es gibt dieses Mal kein Whiskytreffen am Freitag. Oder am Samstag. Also es gibt dieses Jahr kein Whiskytreffen, weil Termine und Abwesenheiten dagegen sprachen.

Ich grüße an dieser Stelle die Buchhändler Veit Hoffmann & Iris Hunscheid, Justiziar Dr. Christian Sprang, Journalistin Petra Samani, Verlagsmitarbeiter Stephan Kilian, Peggy Sasse, Grandseigneur Holger Ehling, Kontaktreisende Marita Wolff, den Vielflieger Felix Busse und alle anderen, die es womöglich zu einem Umtrunk geschafft hätten.
Und sehr gut, dass Ihr das nicht einfach ohne mich macht.
(Bzw. wehe, ich finde was heraus!)
Ich habe immer noch nicht mein Bounty bei Edition Ruprecht abgeholt. Diese Bountysache ist doch auch nur eine Ausrede dafür, von A nach B zu müssen und dabei unterwegs auf ulkige Begegnungen zu hoffen. (Und am Ende noch ein Bounty zu kriegen.)

Ich bin mir nicht zu schade für zwei Paar solcher Socken.
KvC ist Peter Kraus vom Cleff.
Der Samstag wird also geprägt sein von: Viel Zeit ist nicht mehr zum Netzwerken, Sockeneinholen und Essen suchen (einerseits).
Und: Es wird knallvoll werden, Bewegung wird schier unmöglich sein (andererseits). Herrlich. Freuen Sie sich mit mir auf einen krassen Samstag, auf das nächste Interview und auf ein großartiges Finale, bevor wir dann alle so tun, als sei Sonntag ebenfalls noch ein echter Messetag.


Ihr und Euer
Matthias Mayer
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Höhepunkte deutschen Literaturfernsehens, Teil 3 von 5:
