Home > Veranstaltungen > Thilo Schmid in Bologna Tag 0: Auf Dur gestimmt – in einer Welt, die sich gerade neu sortiert

Thilo Schmid in Bologna Tag 0: Auf Dur gestimmt – in einer Welt, die sich gerade neu sortiert

Thilo Schmid (Foto: Patrick Ludolph, Montage: BuchMarkt)
Thilo Schmid (Foto: Patrick Ludolph, Montage: BuchMarkt)

Es ist die 63. Ausgabe der Bologna Children’s Book Fair – und ich freue mich jedes Mal wieder wie beim ersten Mal. Nicht trotz des Aufwands, sondern irgendwie auch wegen ihm. Kein Direktflug ab Hamburg, also über Wien angereist, Koffer durch den Flughafen gewuchtet, Bus, Taxi, Hotel. Der alljährliche Zirkus, den wir alle kennen und den wir alle – wenn wir ehrlich sind – auch einfach lieben.

Schon im Flughafenbus geht es los: Neben mir blättert jemand in einem Manuskript. Ein Bilderbuch aus Lateinamerika, sehr artifiziell, sehr konzeptuell – wie die ganze Szene hier eigentlich. Bologna ist kein gewöhnlicher Marktplatz. Es ist eine Welt für sich. Eine Welt, in der Menschen mit Geschichten handeln, als wären es die wertvollsten Güter der Welt. Sind sie ja auch.

Kaum im Hotel angekommen, die erste Begegnung der Messeart: Ein Kollege aus der Branche, der mich mit einem Blick empfängt, als hätte er gerade die Wettervorhersage für die nächsten fünf Jahre gelesen. „Wie geht’s?“ – die Frage schon auf Moll voreingestellt, die Antwort eigentlich schon mitgeliefert. Man erwartet Seufzer. Schulterzucken. Bestätigung. Ich sage: Uns geht es großartig.

Regen draußen, Vorfreude drinnen

Draußen regnet es. Bologna zeigt sich heute von seiner grauesten Seite – was, wenn man ehrlich ist, irgendwie zur Stimmung mancher Branchenteilnehmer:innen passt. Auch dort: Wolken, Nieselregen, gedämpfte Erwartungen. Ich kenne das Gefühl. Wir alle kennen es. Der Markt ist kein Ponyhof, die Herausforderungen sind real, und ja – manchmal wünscht man sich einfach ein bisschen Sonne.

Aber wir haben uns auf den Frühling gefreut. Und wir freuen uns immer noch. In unserer Tasche steckt ein Terminkalender, der aus allen Nähten platzt: Lizenzgespräche, Verhandlungen, Entdeckungen, Abendveranstaltungen, Begegnungen mit Menschen, die Bücher lieben und Geschichten bauen. Wir sind mit dem besten Gefühl des Jahres hier – und mit dem festen Vorsatz, genau das auch zu zeigen. 2026 ist für Oetinger ein Jahr, auf das wir uns freuen. Auf alles, was kommt.

Und dann ist da noch etwas, das uns besonders freut: unser Messestand. Lange geplant, mit viel Herzblut ausgestattet – das Team hat heute schon aufgebaut, während wir noch im Flieger saßen. Was wir dort zeigen wollen, was wir präsentieren, wie wir uns als Verlag in dieser Welt positionieren – das alles steckt in diesem Stand. Wir können es kaum erwarten, ihn morgen in Betrieb zu nehmen. Manchmal ist es eben nicht nur das Buch, das zählt – sondern auch der Rahmen, in dem man es der Welt zeigt.

Was diese Messe 2026 bewegt

Die 63. Bologna Children’s Book Fair hat klare Schwerpunkte gesetzt. Gastland ist Norwegen, das unter dem Motto „What if?“ seine lebendige Kinderbuchliteratur präsentiert – 49 ausgewählte Illustratorinnen und Illustratoren zeigen, was norwegische Kreativität ausmacht: Freiheit, Fantasie, Mut. Dazu: ein großes Jubiläumsprogramm rund um den 200. Geburtstag von Carlo Collodi – dem Schöpfer von Pinocchio – mit einer eigenen Ausstellung und einem „Pinocchio Day“ am 14. April. Und die Illustrators Exhibition feiert ihr 60-jähriges Bestehen.

Ein zentrales Thema zieht sich durch die gesamte Messe: der globale Rückgang der Lesefreude bei Kindern und Jugendlichen. BCBF, der Italienische Verlegerverband und europäische Partner haben dazu eine große internationale Konferenz organisiert: „Building the Future Generation of Readers“. Denn wer, wenn nicht wir, kämpft für die Leser von morgen? In Kooperation mit UN Women wird zudem Geschlechterdarstellung in Kinder- und Jugendbüchern neu verhandelt. Und das Thema Künstliche Intelligenz ist allgegenwärtig – beim AI Summit von BolognaBookPlus und in vielen Panels.

Was wird sich verändert haben? Was wird stumpf weitergeführt? Welche Rolle spielen Messen wie diese überhaupt noch in einer Welt, in der Lizenzen auch per Zoom gehandelt werden könnten? Was werden wir als Verlag kaufen, was werden wir verkaufen können? Das sind die Fragen, mit denen wir hier ankommen. Wir werden sie ergünden – Gespräch für Gespräch, Stand für Stand, Abend für Abend.

Denn eines ist klar: Bologna ist nicht ersetzbar. Nicht wegen der Hallen, nicht wegen der Kataloge. Sondern wegen der Menschen. Wegen der Momente, in denen man jemandem gegenübersitzt, der genauso an Geschichten glaubt wie man selbst – nur in einer anderen Sprache, mit anderen Bildern, aus einer anderen Welt.

Dabei ist die Welt ringsum gerade alles andere als still. In Deutschland sucht eine neue Regierung ihren Takt. In Italien – ausgerechnet hier, wo wir tagen – weht seit Jahren ein politischer Wind, der nicht jedem wärmt. Und gestern Nacht, während wir in Bologna Pasta gegessen und Terminkalender abgestimmt haben, schrieb Ungarn Geschichte: Péter Magyar und seine Tisza-Partei haben Viktor Orbán nach 16 Jahren besiegt. Ein „schmerzhaftes, aber eindeutiges“ Ergebnis, wie Orbán selbst einräumte.

Für mich ist das kein bloßes Politikergebnis. Es ist ein Moment, der mich persönlich bewegt. Denn als Ungarn per Gesetz Bücher und Filme für Kinder verbannte, in denen Sexualität jenseits der Heteronormativität vorkommt, haben wir bei migo nicht geschwiegen. Wir haben mehrere Kapitel unseres Buches „Was ist eigentlich dieses LGBTIQ*? Dein Begleiter in die Welt von Gender und Diversität“ ins Ungarische übersetzen lassen – und kostenlos ins Netz gestellt. Mein Satz damals: „Mit diesem Gesetz wird eine Grenze überschritten. Jetzt überschreiten wir mit digitalen Möglichkeiten und unseren Inhalten Staatsgrenzen – und hoffentlich auch die Grenzen in den Köpfen.“ Das gilt heute noch. Und heute fühlt es sich an, als hätte die Geschichte uns recht gegeben.
Bücher wirken. Haltung wirkt.

Pasta, Pläne und ein 9-Uhr-Termin

Den ersten Beweis dafür hat der gestrige Abend gleich mitgeliefert. Julia Bielenberg und ich haben uns zusammengesetzt, Termine abgestimmt, Pläne geschmiedet – und dabei wunderbare Pasta gegessen, wie es sich in Bologna gehört. Nette Menschen, gute Gespräche, diese besondere Energie, die nur Messen haben: das Gefühl, dass hier gerade alle, die Bücher wirklich lieben, am selben Ort sind.

Und heute Morgen, 9 Uhr, wartet schon der erste Termin – und was für einer. Wir treffen unsere koreanischen Partner, mit denen wir letztes Jahr genau hier in Bologna „Der Sternengärtner“ entdeckt und gekauft haben. Ein Bilderbuch der koreanischen Künstlerin Han Dam-hee – eine metaphorische Geschichte vom Wachsen und Weitermachen, vom Loslassen und Leuchten, mit zarten Illustrationen, die man so schnell nicht vergisst. Ein Projekt, das uns gezeigt hat, wie Geschichten auf neue, unerwartete Weise entstehen können – wenn man offen ist für andere Perspektiven, andere Bildsprachen, andere Arten zu erzählen. Genau diese Inspiration suchen wir hier. Genau dafür sind wir in Bologna.

Der Regen? Der kann warten.

Thilo Schmid

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert