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„Es ist die Geschichte zweier Frauen – und die einer großen Liebe“

Aufbau-Verlegerin Constanze Neumann legt Ende August bei Ullstein mit „Wellenflug“ einen Roman über das mehr als hundert Jahre umspannende Schicksal einer jüdischen Tuchhändlerfamilie vor. Das war Anlass für Fragen an die Autorin.

Constanze Neumann: „Nur woanders kann ich ganz Autorin sein“

Worum geht es denn genau in Wellenflug?  

Constanze Neumann: Wellenflug erzählt die Geschichte zweier Frauen über fast hundert Jahre, von der Gründerzeit bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Anna und Marie sind Schwiegermutter und Schwiegertochter, sie kommen aus unterschiedlichen Verhältnissen und begegnen sich nie, weil Anna die Liebe ihres Sohnes zu dieser Frau nicht akzeptieren will. Es ist auch die Geschichte einer jüdischen Familie in Deutschland, die mit Flucht, Vertreibung und Ermordung endet .

 

Ich weiß, es ist auch die Geschichte Ihrer eigenen Familie …

… die ich vor dem Vergessen bewahren wollte.

Dafür haben Sie die Romanform gewählt.

Ich hatte nur ein paar Daten, Fakten und fragmentarische Erinnerungen meines Großvaters, Erzählungen aus meiner Kindheit, die später mehr Fragen aufwarfen als Antworten gaben: Wieso wurde mein Urgroßvater von seiner Familie verstoßen? Und warum ist meinem Urgroßvater die Flucht aus Deutschland nicht gelungen – im Gegensatz zu all seinen Geschwistern?

Deswegen ist es kein Sachbuch geworden? 

Ja, die  Fiktion hat mir die Freiheit gegeben, mir diese Fragen zu beantworten und eine Dramaturgie zu finden für die Lebenswege meiner Figuren. Es kann sich alles so, aber auch anders zugetragen haben.  Aber die meisten Personen hat es gegeben, auch stimmen die meisten Daten als Eckpunkte der Handlung. Es sind die Details, die – vielleicht zum Glück – fehlten und mir die Freiheit gegeben haben, die Handlung zu gestalten: Die Reise meiner Urgroßeltern nach Italien muss stattgefunden haben, über die Stationen weiß ich aber nichts.

Der Roman ist aus der weiblichen Perspektive geschrieben, obwohl häufig die Männer handeln: Sie gehen nach New York, in den Ersten Weltkrieg, besorgen Visa für die Flucht aus Deutschland, werden deportiert und ermordet. Was interessierte Sie an dem Blick der Frauen?

Der Handlungsspielraum der Frauen war beschränkter als heute, sie konnten häufig nur reagieren, aber nicht selbst gestalten. Wo waren ihre Freiräume? Wie haben sie das erlebt und ausgehalten? Und wo haben sie die Handlungen der Männer und die Konventionen ihrer Zeit unterlaufen und ihr eigenes Leben gestalten können? Das hat mich interessiert, ihre Gefühle und Leidenschaften, das, worüber in den Archiven nichts zu finden ist.

„Wellenflug erzählt eigentlich nicht die Geschichte einer ganzen Familie, sondern die zweier Frauen – und die einer großen Liebe, die gegen die gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit verstieß. Die Entscheidung meiner Urgroßeltern für diese Liebe und diese Verbindung hat ihr Leben maßgeblich geprägt“ (Mehr zum Buch durch Klick auf Cover)

In letzter Zeit erscheinen auffällig viele Familienromane …

… der Begriff „Familienroman“ ist ja auch ein weites Feld und wird als Etikett sehr vielen Büchern verpasst. Wellenflug erzählt eigentlich nicht die Geschichte einer ganzen Familie, sondern die zweier Frauen – und die einer großen Liebe, die gegen die gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit verstieß. Die Entscheidung meiner Urgroßeltern für diese Liebe und diese Verbindung hat ihr Leben maßgeblich geprägt.

Es ist der Roman einer großen Liebe, zugleich führt er seine Leserinnen und Leser aber auch durch verschiedene historische Epochen.

Ja, beginnend mit den Gründerjahren des neunzehnten Jahrhunderts, erleben Anna und Marie den ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik mit Inflation und Weltwirtschaftskrise. Anna stirbt 1932, sie muss die Erfahrung von Vertreibung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten nicht mehr machen. Marie und ihr Sohn überleben, aber ihr Mann nicht. 

Wie sind Sie denn auf den Titel Wellenflug gekommen?

Ich dachte an das gleichnamige Kettenkarussell mit seiner wellenförmigen Drehbewegung – ein Bild für das Auf und Ab im Leben meiner beiden Protagonistinnen.

Sollte Wellenflug nicht schon 2019 kommen? 

Als ich anfing zu schreiben, wusste ich noch nicht, dass ich kurz darauf als Verlagsleiterin zu Aufbau gehen und nach Berlin ziehen würde. So ein Anfang ist sehr intensiv und ließ mir erst einmal wenig Zeit für anderes. Dann war es aber auch eine schöne Erfahrung, mich fast fünf Jahre lang in der Welt dieses Romans bewegen zu können.

Und wie geht das Schreiben zusammen mit dem Verlegen?

Ich habe fünf Jahre an dem Roman geschrieben und mir viel Zeit lassen müssen wegen meiner anderen Aufgaben. Es war wie ein zweites Leben und eine beglückende Erfahrung, in die Welt des Romans eintauchen zu können, in andere Zeiten und an andere Orte, nach Schlesien, Dresden, Leipzig und in die USA, wo meine Urgroßeltern fast zwanzig Jahre lang gelebt haben. Der wichtigste Ort des Romans ist sicher Berlin, und dass ich vor inzwischen fast vier Jahren nach Berlin gezogen bin, um die Verlagsleitung von Aufbau zu übernehmen, hat mir auch beim Schreiben meines Romans geholfen, der in weiten Teilen hier spielt, im Tiergartenviertel und in den Varietés der Friedrichstraße.

Dann erübrigt sich eigentlich meine Frage, woher Sie neben Ihrem Verlegerinnenjob die Zeit zum Schreiben nehmen.

Abends, am Wochenende, im Urlaub – Schreiben ist ein großes Glück und mein Freiraum.

Wieso eigentlich erscheint so ein Buch nicht in Ihrem Programm, sondern bei Ullstein?

Nur woanders kann ich ganz Autorin sein. Und als Autorin freue ich mich über das Engagement und die Zuwendung all der wunderbaren Menschen bei Ullstein, angefangen bei meiner Lektorin Monika Boese.

Und was ist das für ein Gefühl, Ihr „Kind“ jetzt in andere Hände zu geben und es allein loszuschicken? 

Loslassen fällt ja bekanntermaßen immer schwer – aber nun freue ich mich auf die Reaktionen der  Leserinnen und Leser.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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