
„Macht die Buchmesse auf! wir wollen lesen!“ Viele Autoren und Autorinnen haben sich in einem Offenen Brief an u.a. drei große Verlagsgruppen gewandt und ihrem Ärger Luft gemacht. Diesen werfen sie mangelnde Solidarität mit Leipzig vor. Gregor Sander hat zeitgleich eine gleichlautende Petition auf change.org gestartet. Spannend: Er selbst ist Autor bei Penguin. Anlass für Fragen:
Herr Sander, Sie sind Initiator von #machtdiebuchmesseauf und #wirwollenlesen. Wie enttäuscht sind Sie von der Absage der Buchmesse?
Ich bin wirklich sehr enttäuscht. Weil dieses Absage absolut unnötig war. Wir reden über eine Buchmesse in 5 Wochen, nicht heute. Und heute findet schon die Berlinale vor Publikum statt. Die FDP möchte Mitte März ALLE Pandemiemaßnahmen aufheben. Genau dann wäre die Buchmesse gewesen. Also warum findet sie nicht statt?
Unterzeichnet haben Ihren offenen Brief zahlreiche Autorinnen und Autoren. Was bedeutet es für Sie und Ihre Kolleg*innen, wenn die Messe nun nicht stattfindet (wirtschaftlich)?
Wir treffen dort unser Publikum, aber auch die Medien. Geben Interviews. Haben Lesungen. Sitzen vielleicht auf dem Blauen Sofa. Das ist der Startschuss für die literarische Saison. Der fällt nun nicht und alle taumeln allein herum. Auch wirtschaftlich ist das für uns eine Katastrophe. Ungefragt und unbeklatscht.
Was hatten Sie denn für die Messetage geplant?
Ich habe eine Lesung im Leipziger Literaturhaus am 16.März moderiert von Judith Hermann. Die wird zum Glück stattfinden. Warum auch nicht? Es gab Verabredungen mit dem MDR-Stand, dem Blauen Sofa und andere Interview-Anfragen. Wir müssen jetzt sehen was daraus wird.
Sie haben auf change.org eine Petition gestartet. Welche Hoffnung knüpfen Sie daran?
Wir wollen sichtbar sein und wir möchten, dass alle sich zu diesem Thema äußern können. Wer für uns ist, den oder die bitten wir um ihre Unterschrift.
An wen richtet sich ihr Appell vor allem? Die Messeleitung?
Adressiert ist der Brief an die Messeleitung, an den Börsenverein und die großen Verlage. Also Bonnier Media Deutschland GmbH, Holtzbrinck Buchverlage GmbH, Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH.
Sehen Sie die Absagen der Konzernverlage als Hauptgrund dafür, dass die Messe nun nicht stattfinden kann?
Absolut. Die tragen die Messe. Wenn ein paar kleine Verlage nicht gekommen wären, hätte das die Messe nicht gefährdet.
Können Sie denn die Argumentation/Beweggründe der Verlage nachvollziehen?
Eigentlich nicht. Weil wir nicht über heute reden, sondern über die Zeit in fünf Wochen. Wir brauchen Mut. Wer Angst hat der soll natürlich nicht kommen. Aber wenn wir wollen, dass es weiter eine lebendige Literaturszene im Land gibt, dann brauchen wir einfach ein wenig Mut. Und eine Maske. Mehr nicht.
Sie sind selbst Autor bei Penguin. Hat der Verlag mit Ihnen über die Entscheidung gesprochen, nicht nach Leipzig zu gehen?
Ich habe inzwischen ein längeres Gespräch mit meiner Verlegerin Britta Egetemeier, die ich sehr schätze, geführt. Aber dieses Mal sind wir unterschiedlicher Meinung. Das darf in einer Demokratie auch so sein.
Was wünschen Sie sich jetzt konkret von der Messeleitung?
Macht die Messe auf! Wir wollen lesen!
Für wie realistisch halten Sie es, dass die Messe (in welcher Form auch immer) doch noch stattfinden wird?
Ich bis Schriftsteller. Das ist mein Traumberuf. Seit ich 10 Jahre alt war. Und als solcher habe ich gelernt, dass man IMMER nach den Sternen greifen muss. Ich will diese Messe. Ich will lesen. Und alle MitstreiterInnen wollen das auch.
Planen Sie ansonsten eine Art Guerilla-Lesefest mit den Kolleg*innen in Leipzig?
Ich bisher nicht, weil ich seit Petitionsstart ein Interview nach dem anderen gebe. Aber ich habe gehört, dass es solche Pläne gibt. Und ich bin sehr dafür.
Sehen Sie einen Wandel in der Rolle, die Buchmessen allgemein für die Branche spielen?
Nein, eigentlich nicht.
Wie müssen aus Ihrer Sicht Buchmessen aussehen, um auch mittel- bis langfristig inhaltlich relevant und wirtschaftlich erfolgreich zu sein?
Davon verstehe ich nun wirklich nichts. Aber dafür sitzen bei der Messe und auch in den Verlagen sehr viele, sehr schlaue Menschen, die das sicher im Interesse aller entscheiden werden.