Renommierte Literaturkritiker*innen nennen monatlich – in freier Auswahl – vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie möglichst viele Leser*innen wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3).
- 1.Emmanuel Carrère: Yoga Übersetzt aus dem Französischen von Claudia Hamm, Matthes & Seitz Verlag
Ein Bestseller und ein Skandal in Frankreich: Ein Mann zieht sich zurück, um ein Buch über Yoga zu schreiben, verfällt in eine tiefe Depression, um schließlich in der Flüchtlingshilfe zu arbeiten. Carrères Ex-Frau sah in „Yoga“ einen Vertragsbruch; er berief sich auf die Freiheit der Fiktion. Am besten weiß man von alldem nichts.
- 2. Inger Christensen: Sich selber sehen möchte die Welt Gedichte, Erzählungen und Essays. Herausgegeben und übersetzt aus dem Dänischen von Klaus-Jürgen Liedtke, mit Aquarellen von Olav Christopher Jenssen, Kleinheinrich Verlag
Im Januar 2009 starb die dänische Lyrikerin Inger Christensen kurz vor ihrem 74. Geburtstag. Christensens Sohn hat eine Auswahl aus ihrem persönlichen Archiv getroffen, die in der prachtvollen deutschen Ausgabe mit Aquarellen ergänzt wurde. Zu besichtigen ist der Entwicklungsprozess einer formal hochbewussten Dichterin.
- 3.Michel Houellebecq: Vernichten Roman. Übersetzt aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek, DuMont Buchverlag
Ein Ereignis: Ein neuer Houellebecq, mehr als 600 Seiten dick. Und vielleicht sein letzter, wie er im Nachwort andeutet. Zumindest einer seiner bislang menschenfreundlichsten Romane. In einer Welt der nahen Zukunft erscheint das Private als einzig möglicher Rückzugsraum. Dort gibt es tatsächlich so etwas wie Glück. Erstaunlich.
- 3.Yasmina Reza: Serge Roman. Übersetzt aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, Hanser Verlag
Mit komödiantischem Gestus stellt Yasmina Reza die gängigen Werte auf den Prüfstand. In ihrem neuen Roman geht es um eine Jüdin, die als Antisemitin bezeichnet wird, und um den Umgang mit dem Holocaust-Gedenken. Der Höhepunkt ist eine Familienreise nach Auschwitz. So respektlos wie Reza schreibt darüber niemand.
- 5. Julia Schoch: Das Vorkommnis Roman. dtv Verlagsgesellschaft
Eine Lesung in Norddeutschland. Eine Frau tritt an den Tisch der Autorin und behauptet, deren Halbschwester zu sein. »Das Vorkommnis« ist der Auftakt zu einer Trilogie, in der das Selbst- und Weltbild von Frauen erschüttert wird. Eine »Einladung zur Empathie«, wie die Autorin selbst es formuliert.
- 6. Esther Kinsky: Rombo Roman. Suhrkamp Verlag
Am Abend des 6. Mai 1976 erschütterte ein schweres Erdbeben die norditalienische Region Friaul. Esther Kinsky kreist in ihrem multiperspektivisch erzählten Prosastück um dieses Ereignis, nimmt Menschen und Landschaft in den Blick. Verschiebungen werden exakt und zugleich poetisch erfasst. Ein Universalgedächtnis der Zerstörung.
- 7. Daniel Schulz: Wir waren wie Brüder Roman. Hanser Berlin Verlag
Für seinen gleichnamigen, 2018 erschienenen Text über die Wende- und Nachwendezeit war Daniel Schulz für den Deutschen Reporterpreis nominiert. Doch dieses Debüt ist weit mehr als bloß eine lange Reportage, sondern eine mit Erkenntnisgewinn zu lesende Milieustudie, die einen gesellschaftlichen Transformationsprozess anschaulich macht.
- 8.Gerald Murnane: Inland Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt, Suhrkamp Verlag
Gerald Murnane ist ein Star, den kaum jemand kennt. Er hat sein gesamtes Leben im australischen Bundessaat Victoria verbracht, liest keine E-Mails, hat eine Schwäche für Pferderennen und noch nie in seinem Leben ein Flugzeug bestiegen. »Inland« ist, wie seine Bewunderer sagen, sein ambitioniertestes Werk.
- 9.Jack Kerouac: Die Dharmajäger Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Überhoff, Rowohlt Verlag
Am 12.3. dieses Jahres wäre Jack Kerouac 100 Jahre alt geworden. Die Neuübersetzung des ein Jahr nach „On the road“ erschienenen Romans zeigt die autobiografische Figur eines Mannes, der gemeinsam mit einem buddhistischen Dichter in den kalifornischen Bergen nach tieferen Wahrheiten sucht. Ein würdiges Geburtstagsgeschenk.
- 9. Mary Ruefle: Mein Privatbesitz Übersetzt aus dem Englischen von Esther Kinsky, Suhrkamp Verlag
Kurztexte, Reflexionen, Gedankensprünge. 2020 war Mary Ruefle für den Pulitzer Prize nominiert; in Deutschland ist sie so gut wie unbekannt. Charakteristisch für ihre verknappte, vor Einfallsreichtum flirrende Prosa ist vor allem der Umstand, dass sie ihre Leser jederzeit zu überraschen vermag.
Die Jury Gerrit Bartels (Berlin) │Helmut Böttiger (Berlin) │ Michael Braun (Heidelberg) │ Gregor Dotzauer (Berlin) │ Martin Ebel (Zürich) │ Eberhard Falcke (München) │ Cornelia Geißler (Berlin) │ Sandra Kegel (Frankfurt) │ Dirk Knipphals (Berlin) │Sigrid Löffler (Berlin) │ Ijoma Mangold (Berlin) │ Klaus Nüchtern (Wien) │ Jutta Person (Berlin) │ Wiebke Porombka (Berlin) │ Iris Radisch (Hamburg) │ Ulrich Rüdenauer (Bad Mergentheim) │ Denis Scheck (Köln) │ Marie Schmidt (München) │ Christoph Schröder (Frankfurt) │ Julia Schröder (Stuttgart) │ Gustav Seibt (Berlin) │ Shirin Sojitrawalla (Wiesbaden) │Hubert Spiegel (Frankfurt) │ Nicola Steiner (Zürich) │ Daniela Strigl (Wien) │ Beate Tröger (Frankfurt) | Kirsten Voigt (Baden-Baden) │ Jan Wiele (Frankfurt) │ Insa Wilke (Berlin) │ Hubert Winkels (Köln)