Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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- „Der Verstimmer“: Harmonie ist ihm verdächtig: Dieser Autor verstimmt seine Klaviere, bevor er darauf spielt. Dem Schriftsteller Bora Ćosić zum Neunzigsten. „Es mutet im Rückblick amüsant an, dass sein 2004 erschienenes Prosawerk Das Land Null von der Kritik als ‚Alterswerk‘ bezeichnet wurde, meist von der unausgesprochenen Annahme begleitet, nun werde wohl nicht mehr viel kommen. Fast zwanzig Jahre später weiß man: Es kam noch viel. Und es wird wohl noch einiges kommen.“
- „Schamlose Herrschaft“: Wer die mächtigsten Leute in Russland sind: Vladimir Sorokins Erzählungsband Die rote Pyramide. „Vladimir Sorokin, geboren 1955 und jüngst Unterzeichner eines Briefs russischer Schriftsteller, in dem von der Regierung im Kreml die Preisgabe der Wahrheit über den Krieg in der Ukraine gefordert wird, legt den Finger auf diese Fragen. Literarisch vielleicht nicht immer ganz überzeugend, politisch aber umso brisanter.“
Vladimir Sorokin, Die rote Pyramide. Erzählungen (aus dem Russischen von Andreas Tretner und Dorothea Trottenberg; Kiepenheuer & Witsch) - „Schönes Scheitern“: Pause vom Romaneschreiben: Eine Nacht allein im Museum führt Leïla Slimani zur den intimen Quellen ihres Schreibens. „Die Nacht im Museum führt Leïla Slimani zu den Wurzeln ihres Schreibens, das sie vor allem als Wiedergutmachung eines Unrechts versteht. Weil ihr Vater als ehemals hochrangiger Bankenchef in Marokko 2003 als Folge eines Justizirrtums im Gefängnis saß, will sie schreibend das Unrecht gegen alle Verstoßenen, gegen ihre Familie, gegen ihr Volk und gegen ihr Geschlecht wiedergutmachen.“
Leïla Slimani, Der Duft der Blumen bei Nacht (aus dem Französischen von Amelie Thoma; Luchterhand Literaturverlag) - „Vom Stoff, aus dem die Geschichte ist“: Mit Sinn für die Ironie historischer Entwicklungen: Stanley Burstein umreißt auf knappem Raum 1300 Jahre antike Globalgeschichte. „Der Horizont des Hellenismuskenners ist dabei geographisch denkbar weit; er reicht vom Mittelmeerraum mit seiner mitteleuropäischen Peripherie über Afrika, Vorder- und Zentralasien bis nach Indien und China. Seine Schnitte umfassen jeweils zwei bis vier Jahrhunderte, nur das abschließende dritte Jahrhundert erhält ein eigenes Kapitel.“
Stanley M. Burstein, Antike Global. Die Welt von 1000 v. Chr. bis 300 n. Chr. (aus dem Englischen von Kai Brodersen; WBG/Theiss Verlag)
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- „Die Guten und die bösen Taten“: Die Karriere von Afonso Reis Cabral sollte mit seinem Buch über einen wahren Mord an einer Transsexuellen so richtig losgehen. Dann kam die Pandemie. Ein Treffen in Lissabon. „Selten hat man ein Buch gelesen, das so feinfühlig gegenüber seinen Figuren und so schonungslos gegenüber seinen Lesern ist.“
Afonso Reis Cabra, Aber wir lieben dich (aus dem Portugiesischen von Michael Kegler; Hanser)
- „Wo Leibniz und Lessing wirkten“: Die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel feiert ihren 450. Geburtstag. Zum Jubiläum erzählt der Direktor ihre Geschichte. „Löst sich nun diese ganze große Büchergeschichte nicht ohnehin in der Digitalisierung auf? Die Aufwertung historischer Bibliotheken, auch als Orte der Forschung, spricht dagegen. Ihre Auratisierung geht dem Internet voraus, wird aber durch dieses verstärkt.“
Peter Burschel, Die Herzog August Bibliothek. Eine Geschichte in Büchern (Insel Verlag)
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- „Die Mobilisierung der Toten“: Karl-Heinz Otts Verfluchte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens verspielt eine Chance. „Ott will das reaktionäre Denken entlarven und bloßstellen. Das ist grundsätzlich ein honoriges Unterfangen, nur verfällt er dabei regelmäßig in einen erstaunlich illiberalen Ton, spottet eher, als dass er argumentiert, und schreckt auch nicht davor zurück, Aussagen über charakterliche Defizite seiner Protagonisten zur Bewertung ihrer Werke heranzuziehen. Dass man dem Werk eines Denkers oder einer Denkerin energisch widersprechen und darin dennoch immer wieder interessante und aufschlussreiche Gedanken finden kann, scheint Ott nicht einmal eine Möglichkeit zu sein.“
Karl-Heinz Ott, Verfluchte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens (Hanser)