Home > Das Autorengespräch > „Es ist beruhigend zu lesen, dass auch die berühmtesten Autoren ihre Schwachpunkte hatten“

„Es ist beruhigend zu lesen, dass auch die berühmtesten Autoren ihre Schwachpunkte hatten“

„Unbekannte Seiten“ heißt das neue Buch von Rainer Moritz, das in diesen Tagen im Oktopus-Programm von Kampa erschienen ist. Das war Anlass für unser heutiges Interview. Der Leiter des Hamburger Literaturhauses hat ein vergnügliches Geschenkbüchlein geschrieben, in dem er auch selbsterlebte skurrile Erlebnisse aus seiner Zeit als Verleger aufblättert.

Rainer Moritz mit seinem vergnüglichen Oktopus-Band Unbekannte Seiten

Das frage ich immer zuerst: Worum geht es?

Rainer Moritz: Ich schlage, wie es der Buchtitel besagt, unbekannte Seiten der Literaturgeschichte auf.

Das heißt?

Ich erzähle Anekdoten von Autorinnen und Autoren – das Spektrum reicht von Eduard Mörike bis Imre Kertész – und möchte diese uns so als Menschen mit all ihren skurrilen Eigenschaften näherbringen.

Wie hast Du denn diese Geschichten gefunden?

Manche der Geschichten – etwa die gemeinsame Taxifahrt von James Joyce und Marcel Proust oder die Blutwurst-Beleidigung, die Bettina von Arnim Goethes Gattin Christiane um die Ohren schlug – sind Gemeingut der Literaturgeschichte. Andere habe ich beim Lesen von Biografien und Briefen aufgespürt, während bei anderen Ereignissen – etwa als Siegfried Lenz bei einer Autofahrt übel wurde und er die Fortführung seines Werkes gefährdet sah – ich der einzige Zeuge war.

Was macht denn den Reiz solcher Anekdoten aus?

Früher galt es als verpönt, sich zu sehr auf das Leben von Dichterinnen und Dichtern einzulassen. Das Werk allein sollte zählen. Inzwischen weiß man, wie aufschlussreich es sein kann, biografische Schlüsselerlebnisse mit den Texten in Verbindung zu setzen. Zudem ist es beruhigend zu lesen, dass auch die berühmtesten Autoren ihre Schwachpunkte hatten und beispielsweise ein so wunderbarer Märchenerzähler wie Hans Christian Andersen seinen Mitmenschen im Privatleben schwer auf die Nerven ging.

Und Deine Lieblingsgeschichte im Buch ist….?

Da kann ich mich kaum entscheiden. Vielleicht die von Hellmuth Karasek, der wegen eines dreigängigen Menüs fast eine Lesung in Ravensburg verpasst hätte. Oder die von Anna Seghers, die sich am Strand von Ahrenshoop von einem Kollegen als „alte Sau“ beschimpfen lassen musste …

Mit welchem Argument kann man Unbekannte Seiten ideal verkaufen?

Sie wollen keinen 900-Seiten-Roman lesen? Sondern kleine, amüsante Geschichten, die ihnen Walter Kempowski, Françoise Sagan oder Max Frisch mit ihrem Alltagsgesicht zeigen? Dann sind Sie hier richtig!

Ich sehe Dich bei diesem Thema wieder auf Lesereise mit einem fröhlich unterhaltsamen Abend. Bis Du denn bald wieder unterwegs?

Der Anfang ist schon gemacht, mit Lesungen in St. Moritz und in Christiane Hoffmeisters wunderbarem „Büchereck“ in Hamburg-Niendorf. Morgen geht es weiter zu Petra Dittrichs „Buchladen“ auf Rügen. Fortsetzung folgt.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Anzeige
Anzeige

Eine Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige