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Umgeblättert heute: „Eine kleine bibliophile Kostbarkeit“

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:

  • „Heute gibt es nur noch Wölfe“: Voyeur der Todsünden: Marcel Jouhandeaus Schwanken zwischen Scham und Schwärmen für den Faschismus, vorgeführt an seinem Reisetagebuch und einer Erzählung. „Jouhandeau trat sein literarisches Vermögen ideologisch mit Füßen. Den Versuch, davon abzusehen, hat Friedhelm Kemp vor sechzig Jahren schon einmal in Form einer fünfbändigen Ausgabe unternommen, in der auch die Übersetzungen zu lesen sind, die Walter Benjamin von dem bewunderten Autor angefertigt hat. Große Wirkung hatte diese Ausgabe nicht. Wer sie antiquarisch erwirbt, macht keinen Fehler. Denn die moralische Analytik, die Jouhandeau in seinen Geschichten durchführte, ist ungetrübt von seinem eigenen Versagen. Der vorliegende, hervorragend kommentierte Band könnte insofern den erneuten Anstoß dazu geben, eine ganze Region des Erzählens wiederzuentdecken.“
    Marcel Jouhandeau, Die geheime Reise. Autobiographischer Roman und Reisetagebuch (aus dem Französischen und hrsg. von Oliver Lubrich; DBV)
  • „Die Kofferträger wollten verstanden sein“: Claus Leggewie blickt zurück auf die Bedeutung Algeriens für seine intellektuelle Biographie. „Anlässlich der sechzigsten Wiederkehr der 1962 blutig errungenen algerischen Unabhängigkeit hat Claus Leggewie ein Buch über die algerische Kon­stel­la­tion vorgelegt. Es ist aus zum Teil bereits erschienenen, für die vorliegende Publikation überarbeiteten Beiträgen komponiert. Genau besehen handelt es sich um die Präsentation einer an Algerien ausgerichteten Bildungsgeschichte des Autors, verbunden mit selbstkritischen Reflexionen – eine Art biographischer Archäologie.“
    Claus Leggewie, Reparationen. Im Dreieck Algerien, Frankreich, Deutschland (Donata Kinzelbach Verlag)
  • „Als wär’s ein Film“: Wie reich ist der Fundus ihrer wiederzuentdeckenden Erzählungen: Ida und Im Rausch des Weins gibt es in einem hübschen Band zwei neue literarische Perlen von Irène Némirovsky zu lesen. „Die Übersetzung der beiden Erzählungen hat Cordula Scheel besorgt, die den wechselnden Rhythmus der Sprache Irène Némirovskys einfängt. Der Verlag hat das schmale Bändchen aus der Reihe ‚Perlen der Literatur‘ edel gestaltet, gebunden in dunkelblaues Leinen, mit hübschem Vorsatzpapier und (scheinbar) handschriftlichen Zwischentexten, die an die Schrifttafeln alter Stummfilme erinnern (warum über fast jeder Seite ein zierlicher schwarzer Frauenschuh abgebildet ist, bleibt ein Geheimnis). Jedenfalls erhöht diese Aufmachung als kleine bibliophile Kostbarkeit die Aufmerksamkeit, die ihrem Inhalt zusteht.“
    Irène Némirovsky, Ida, Im Rausch des Weins. Gesprochene Filme (aus dem Französischen und Vorwort von Cordula Scheel; Input-Verlag)

  • „Du traust dich nicht“: Die Welt ist nichts als Fiktion? Allmählich spinnt sich der Schriftsteller Norbert Gstrein völlig in Selbstbezüglichkeit ein. Womöglich auch ein Symptom der Gegenwart. „Dem langjährigen Leser Gstreins kommt es manchmal vor, als ob dieser sich in einer paradoxen Intervention aus dem Zwang der Selbstbezüglichkeit befreien wolle: nicht indem er zu einem halbwegs nachvollziehbaren Plot zurückkommt, sondern indem er die Selbstreferenz steigert, die Romanwelt endogam abschließt, sie inzestuös verdichtet – inhaltlich gespiegelt in lauter inzestuösen Beziehungen.“

    Norbert Gstrein, Vier Tage, drei Nächte (Hanser)

  • „‚Ich sehe mich wie einen Zirkusdirektor'“: Der Comiczeichner Flix im Interview über sein Marsupilami-Abenteuer Das Humboldt-Tier, den Großstadtdschungel Berlin und seine Ideen für eine Gaston-Fortsetzung.
    Flix, Das Humboldt-Tier. Ein Marsupilami-Abenteuer (Carlsen)

 

  • „Einfach eine Generation lang irgendwo leben“: Elina Penner erzählt in ihrem Debütoman Nachtbeeren von einer russlanddeutschen Familie – und einer Leiche in der Tiefkühltruhe. „Mögen den Figuren im Buch manche Erinnerungen fehlen, die Autorin hat viel zu erzählen von einer deutschen Geschichte, die den meisten in Deutschland geborenen Deutschen unbekannt sein dürfte.“
    Elina Penner, Nachtbeeren (Aufbau Verlag)
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