Seit Nikolaustag fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2023 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute, an seinem 50. Geburtstag, beantwortet Joachim Kaufmann (Verleger des Carlsen Verlags) unseren „anderen Fragebogen“:

Welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr?
Um nicht „zu privat“ zu werden 😉, nenne ich einfach den schönsten Carlsen-Tag: Das war wahrscheinlich der 17. Mai: Nach über zwei Jahren der Kontaktbeschränkungen haben wir einmal wieder über 200 Carlsens in unsere (wie zumindest ich finde) wunderschönen neuen Büroflächen zusammengeholt. Allen wurden in Vorträgen und Workshops die Strategien aller Bereiche vorgestellt, und die Unterschiedlichkeit, Vielfalt und Buntheit unseres Verlages wurde deutlich und ergab in der Summe ein gutes und stimmiges Gesamtbild. Und am Abend haben wir ein großes Fest in der Strandbar Strand Pauli (am Hamburger Hafen) veranstaltet, für über 50 Mitarbeitende, die während Corona neu angefangen haben, die erste Möglichkeit, einmal alle anderen live und in Farbe zu erleben. Mir haben diese Begegnungen wirklich gefehlt in der Pandemie!
Worüber haben Sie sich 2022 am meisten geärgert?
Verärgert, bestürzt und zutiefst betroffen bin ich am meisten über den Angriffskrieg von Putin auf die Ukraine – niemals hätte ich mir vorstellen können, dass mitten in Europa ein Bodenkrieg tobt, der die Ausweitung des eigenen Staatsgebiets zum Ziel hat. So viele Menschenleben, so viel Zerstörung, so viele Flüchtlinge, so viel Leid, so viele Verwerfungen in der Energieversorgung und der gesamten globalen Wirtschaft. Naiverweise hatte ich geglaubt, dass so etwas nicht passieren könnte so nahe bei uns, leider habe ich mich da komplett getäuscht.
Was war 2022 Ihr schönster Erfolg?
Am meisten habe ich mich darüber gefreut, dass der stationäre Handel wieder das ganze Jahr öffnen konnte, sich nach den von Covid und Ladenschließungen geprägten Jahren weitestgehend sehr gut behaupten konnte und sehr häufig auf einem höheren Niveau als vor Corona abgeschlossen hat. Besonders trifft das zu in den von uns bedienten Warengruppen Kinder- und Jugendbuch, vor allem aber auch Manga. Wenigstens scheint hier mein Optimismus nicht ganz so naiv gewesen zu sein wie bei der vorigen Frage.
Und Ihr traurigster Misserfolg war?
Dass wir die Leipziger Buchmesse aus Gesundheitsschutz für unsere Mitarbeitenden absagen mussten und danach eine unsägliche Diskussion über „Controller in den Konzernverlagen“ und „Westverlage, die den Osten nie unterstützt hätten“ losgetreten wurde. Passt leider in unsere Zeit, diese undifferenzierte Schwarz-Weiß-Denke …
Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?
Ich habe schon einmal vor einigen Jahren den Fragebogen beantwortet – konnte die Antworten aber nicht mehr finden. Ich meine schon damals gesagt zu haben, dass es mir schwerfällt, bei der Unterschiedlichkeit (in Größe, in Sortiment, in Präsentation, in Kundenorientierung …) der vielen großartigen Buchhandlungen EINE auszuwählen. Beim Verlag habe ich natürlich eine ganz klare (und subjektive) Meinung: Carlsen – das liegt an den Menschen dort 😊.
Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?
Nachdem sich mein Körper 2 ½ Jahre erfolgreich gegen Covid-19 gewehrt hat, hat es mich nun letzte Woche doch noch erwischt. Nach nun überstandener Infektion würde ich gerne über Corona im nächsten Jahr wenig oder nichts mehr lesen – wir müssen nun einfach damit lernen, mit dem Virus zu leben, ob es uns gefällt oder nicht.
Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?
Von Aktionen, die Menschen für Bücher begeistern, von Leseförderung, lokal und national, von kleinen und großen Buchhandlungen, die Kund*innen begeistern, von kleinen und großen Verlagen, die neue Wege gehen und sich etwas trauen, von neuen jungen Menschen, die unsere Branche attraktiv finden und von Verlagen und Buchhandlungen, die wirklich versuchen, sich auf die veränderten Bedürfnisse dieser Generationen einzustellen.
Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?
Mir mehr vorzunehmen, als ich schaffen kann. Zu viele Termine zu haben. Mich (und alle, die bei mir mit dranhängen) auf jede sich bietende Chance zu stürzen.
Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?
Mir mehr vorzunehmen, als ich schaffen kann. Zu viele Termine zu haben. Mich (und alle, die bei mir mit dranhängen) auf jede sich bietende Chance zu stürzen. Ich fürchte, ich kann einfach nichts anders 😉!
Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?
„New Work needs Inner Work“ von Joanna Breidenbach und Bettina Rollow – als jemand, der schon fast 17 Jahre denselben (wenn auch sich permanent verändernden) Verlag leitet, macht es mir Spaß, mich grundsätzlich mit ganz anderen Sichtweisen zu beschäftigen und mich und mein eigenes Führungsverständnis immer wieder zu hinterfragen.
Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?
Gar keine so leichte Frage an jemanden bei Carlsen, einem Verlag, der in der Regel weniger durch Einzeltitel geprägt ist, sondern durch die große Vielfalt ganz unterschiedlicher Bücher, Reihen, Marken und Autor*innen. Ich würde für 2023 deshalb auch den Start einer großen neuen Reihe nennen: „Einfach Lesen Lernen“. Carlsen wird hier mit vielen neuen und bekannten Charakteren und Autor*innen in den Markt der Erstlesebücher einsteigen – wir finden, mit tollen, neuen Ansätzen und großartigen Inhalten. Wir haben hier schon immer vereinzelte Bücher erfolgreich publiziert, nun aber wollen wir es wirklich wissen …
Von wem würden Sie gern auch mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Von ganz jungen Kolleginnen und Kollegen, die noch ganz neu in der Branche sind und ihre Sichtweise auf unser Treiben mit uns teilen.
Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie eigentlich gern beantwortet?
Wie sieht Carlsen in 10 Jahren aus?
Hier können Sie die auch beantworten:
Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe große Lust, gemeinsam mit all den wunderbaren Menschen hier daran mitzuwirken, dass der Verlag ganz anders aussieht. Und zwar genau so, dass er wie auch die letzten Jahre im Markt überdurchschnittlich erfolgreich sein kann, immer wieder neue Wege geht und den Handel und die Leser*innen überrascht.
Gestern antwortete Monika Osberghaus, morgen fragen wir Silvia Maul