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Umgeblättert heute: „Ein Glück für die deutsche Literatur“

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:

 

„Unter dem allsehenden Blick Gottes“: Warum es das Schöne gibt: Marilynne Robinson führt mit dem Roman Jack ihren Gilead-Erzählzyklus weiter. „Marilynne Robinson ist religiös, und sie hält Predigten in ihrer Gemeinde. Dieser Roman ist aber definitiv keine Predigt und auch keine Erbauungsliteratur, sondern eine komplizierte Beziehungsgeschichte, freilich mit der Zumutung, über Liebe und Gnade lesend nachzudenken. (…) Was Marilynne Robinson zu sagen hat, ist zu schade, um es zu verwässern, auch wenn man ihren Glauben nicht teilt. Man sollte die Sprach- und Gedankenkünstlerin Robinson zweisprachig drucken. So wie Lyrik? Genau so.“
  • Marilynne Robinson, Jack. Roman. (S. Fischer Verlag)

„Gute Erzeuger im Sinne des Ausleseprinzips“: Dorothee Schmitz-Köster entwirft eine Typologie der Männer, deren Kinder in Lebensborn-Heimen der SS zur Welt kamen. „Im Mittelpunkt des Bandes steht der Entwurf einer Typologie dieser Lebensborn-Väter anhand von Fallbeispielen, die die Autorin aus Quellen in verschiedenen Archiven, darunter im Bundesarchiv und in den Arolsen Archives, ausfindig gemacht hat. (…) Besonders bedrückend lesen sich die von Schmitz-Köster aufgelisteten Beispiele, in denen Kinder ihre Väter nie kennenlernten, oder die Fälle, in denen die in Lebensborn-Heimen Neugeborenen nicht den NS-Rassevorstellungen entsprachen, weil sie etwa mit Gendefekten zur Welt kamen. Sie mussten die Lebensbornheime verlassen und wurden in Euthanasieanstalten gebracht.“

  • Dorothee Schmitz-Köster, Unbrauchbare Väter. Über Muster-Männer, Seitenspringer und flüchtende Erzeuger im Lebensborn. (Wallstein Verlag)

„Ankunft aus dem Meer und Abschied auf das Meer“: Nina Polaks Roman Zuhause ist ein großes Wort über das sprunghafte Wesen einer jungen Frau. „Nina Polaks Interesse an den Themen Bindung und Beziehung ist an einigen Stellen anschaulich umgesetzt. Das Buch hat aber einen eher episodischen Charakter, die lange Form erweist sich als Kon­strukt. (…) Polaks ­psychologische Neugierde ist unabhängig von der literarischen Form der Er­zählung. Roman aber ‚ist ein großes Wort‘ für den Versuch von Nina Polak.“

  • Nina Polak, Zuhause ist ein großes Wort. Roman. (aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel; Mareverlag)
„Ein Wunder von Gedächtnis“: Georg Fritsch arbeitete schon in seiner Wiener Buchhandlung, als ein Kunde namens Thomas Bernhard noch ein bettelarmer Lyriker war. Jetzt schließt er. Eine Hymne zum Abschied. „In den Billigessern lobt Bernhard das „außerordentliche Zahlengedächtnis“ des Buchhändlers Goldschmidt, sein ehemaliger Lehrling hat ein noch besseres Namensgedächtnis. In seinem Antiquariat, das er in der Schönlaterngasse in der Innenstadt zusammen mit Bernhard Steiner nebenher aufgebaut hat, ist alles zu finden, was einmal Avantgarde war.“
„Ungewöhnliche Fähigkeiten“: Jerry Z. Mullers große Biografie des Judaisten und sagenumwobenen intellektuellen Spielers Jacob Taubes. „Dieses Buch ist ebenso monströs wie sein Gegenstand, das Leben des jüdischen Religionsphilosophen Jacob Taubes. Auf nahezu 900 Seiten breitet der emeritierte Historiker der Catholic University in Washington, Jerry Z. Muller, dieses Leben vor uns aus, als Sammlung von allen nur denkbaren Sehenswürdigkeiten, Einsichten, Kuriositäten, Abgründen, und ja, Klatsch.“
  • Jerry Z. Muller, Professor der Apokalypse. Die vielen Leben des Jacob Taubes. (aus dem englischen von Ursula Kömen; Jüdischer Verlag)

„Ausgebrannte dieser Erde“: Sara Weber fragt, was wäre, wenn wir alle weniger arbeiteten. „Für die Autorin spricht alles dafür, dass es an der Zeit ist, unsere Einstellung zu Arbeit zu ändern: Während multiple Krisen den Glauben an eine bessere Zukunft erschüttern, scheint auch das individuelle Versprechen des Aufstiegs durch Arbeit nicht mehr zu gelten. (…) Die Grundthese des Buches ist entsprechend, dass jede gemeinsam erreichte Verbesserung nicht nur dem Einzelnen, sondern der gesamten Gesellschaft zugutekommen kann und muss. Das erscheint alles grundvernünftig, aber auch so naheliegend, dass man gerne etwas mehr darüber erfahren hätte, warum es nicht längst in großem Stil umgesetzt wurde.“

  • Sara Weber, Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten? (Kiepenheuer & Witsch)
„Von Müttern und Töchtern“: Männer machen Geschichte, Frauen bekommen die Kinder: Ulrike Draesners Roman Die Verwandelten erzählt von einem „Erbgeflecht“, das sich aus Breslau über Bayern nach Berlin zieht. „Das Gestaltungsprinzip des Romans entspricht dem Thema des ‚Erbgeflechts‘. Die Einzelgeschichten der Frauen entwickeln sich mal parallel, mal unabhängig voneinander. Die Kapitel sind von kurzen lyrischen Lückentexten eingeleitet, deren Rätsel sich nicht alle lösen lassen. (…) Das nachdrücklich Bleibende an diesem Projekt Draesners ist, dass solche Geschichten überhaupt erzählt werden. Und das ist ein Glück für die deutsche Literatur.“
  • Ulrike Draesner, Die Verwandelten. Roman. (Penguin)
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