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Umgeblättert heute: „Große Kunst ist es nicht“

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:

 

„Das Land wird auch an der Kulturfront verteidigt“: Kiew veranstaltet nach kriegsbedingter Pause wieder seine Buchmesse und verbietet Literaturimporte aus Russland. „Geplant wurde die Messe in einer Zeit mit Drohnen- und Raketen­beschuss, Schutzräume waren vorbereitet. Doch die russischen Waffen schwiegen während des Messebetriebs: Luft­alarm gab es jüngst immer nur nachts. So konnten Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj und seine Frau Olena ungefährdet das Bücherfest besuchen.“

„Denn Bleiben ist nirgends“: À la recherche de Rainer Maria Rilke: Der Nimbus Verlag versammelt in einem dreibändigen Kompendium Texte von Zeitgenossen des Dichters. „In seiner Reihe ‚En Face‘ bündelt der Schweizer Nimbus Verlag bereits seit 2009 Berichte von Zeitzeugen jeglicher Couleur, die einer berühmten Person begegnet sind (die meisten persönlich), und auf van Gogh und Musil folgt jetzt Rilke. Besonders attraktiv macht die Materialsammlung, dass, wie die Herausgeber Curdin Ebneter und Erich Unglaub in der Vorbemerkung erklären, zahlreiche enthaltene Texte bibliographisch schwer zu erfassen sind; manche lagen noch un­publiziert in öffentlichen und privaten Ar­chiven.“

  • „Erinnerungen an Rainer Maria Rilke“. Texte von Augenzeugen. (hrsg. von Curdin Ebneter und Erich Unglaub; Nimbus. Kunst und Bücher AG)

„Gedichtferne Gäule“: Albert Ostermaiers neuer Gedichtband Yuba nimmt sich im Nachvollzug aller möglichen Gewalterfahrungen zu viel heraus. „Nichts gegen verständliche Lyrik, nichts gegen Gedichte, die womöglich sogar gedichtferne Menschen erreichen. Aber in Yuba hat man immer wieder den Eindruck, dass hier eine gut geölte Versmaschine läuft, die sich im Zweifelsfall jeden Gegenstand einverleibt, sei es Mord und Totschlag im Kalifornien des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, sei es die Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine. Alles in allem sehr ambitioniert und ziemlich dick aufgetragen. Große Kunst ist es nicht.“

  • Albert Ostermaier, Yuba. (Mit Fotografien von Maya Mercer; Steidl Verlag)

„Er war kein Dogmatiker“: Unterwegs in vierzig Ländern: Auszüge aus Evliya Çelebis Reisebuch liegen in einer neuen Übersetzung vor. „Viel erfahren die Leser über die materielle Kultur des siebzehnten Jahrhunderts, wenn Evliya etwa über handwerkliche und künstlerische Berufe schreibt, über Kleidungsstücke und Waffen, über eine Vielzahl von Gegenständen, über Speisen und Kochrezepte. Die UNESCO hat das Reisebuch 2013 gewürdigt und in seine Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen.“

  • Evliya Çelebi, Das Reisebuch. Die Welt zwischen Wien und Mekka. (aus dem osmanischen Türkisch von Klaus Kreiser; C. H. Beck)

Risse in der Wirklichkeit“: In Frankreich gilt Maylis de Kerangal als eine der bedeutendsten Autorinnen ihrer Generation. Ihr betörender Erzählband Kanus zeigt sehr genau, warum. „Die Erzählungen von Maylis de Kerangal haben etwas Kristallines, eigenartig Funkelndes, sie entwickeln einen verführerischen Reiz.“

  • Maylis de Kerangal, Kanus. Erzählungen. (aus dem Französischen von Andrea Spingler; Suhrkamp Verlag)

„Die Kinder der Kassettenrepublik“: Ein Sammelband dokumentiert endlich die Gegenkultur der späten DDR, bevor nichts mehr davon übrig ist. „Vielleicht darf man schon deshalb diesen Sammelband mit den Prädikaten ‚wertvoll‘ und ‚wichtig bewerten: als Tonband in Druckbuchstaben, als Speichermedium für Stimmen, die in absehbarer Zeit schon für immer verstummt wären, so laut und wild und tatsächlich ja systemerodierend sie vor 40 Jahren einmal waren.“

  • Alexander Pehlemann, Ronald Galenza, Robert Mießner (Hg.), Magnetizdat DDR – Magnetbanduntergrund Ost 1979 – 1990. (Verbrecher Verlag)

„Ihr Leben als Clown“: Darf Sibylle Berg bei Fragen nach ihrem Leben übertreiben und erfinden? Aber unbedingt. „Kürzlich herrschte eine gewisse Aufregung um die Biografie der Autorin Sibylle Berg. Anlass dafür war ein Text in der NZZ, der sich mit Aspekten der Biografie der Autorin beschäftigt und zwei Fragen aufwirft. Stimmen einige Details etwa nicht? Und: Warum übernehmen viele Medien diese Details einfach unkritisch?“

„Ein Glücksfall für die Wahrheitsfindung“: Immer auch ein Blick auf die eigenen blinden Flecken: Der Band Unser Nationalsozialismus versammelt Aufsätze von Götz Aly. „Unser Nationalsozialismus ist eine ideale Einstiegsdroge in die fabelhafte Welt des Götz Aly. Er zeigt seine weichen Seiten. Es gibt keine Grabrede, in der er sich nicht zärtlich an die Hinterbliebenen der verstorbenen Freunde oder Freundinnen wendet. Er mag die Menschen. Obwohl er sehr genau weiß, wozu sie fähig sind.“

  • Götz Aly, Unser Nationalsozialismus – Reden in der deutschen Gegenwart (S. Fischer Verlag)

„Umfangen in der Finsternis Beschattung“: Auch dies keine Befreiung: Stephan Oswalds Buch über August von Goethe. „Es geht ihm um die ‚Ehrenrettung‘ von Johann Wolfgang von Goethes Sohn, dessen Leben aus ’seiner Perspektive‘ geschildert werden solle. Das klingt fast nach Ranke und ist dazu noch hübsch pathetisch. Aber Oswald will nicht nur die Ehre des Sohnes retten, sondern erkennbar auch dessen Vater – nur um diesen gehe es, nicht um den Schriftsteller – ins rechte, im vorliegenden Fall: schlechte Licht rücken. Und so wird aus der ‚Ehrenrettung‘ – ein seltsamer Begriff, nebenbei – immer wieder eine Abrechnung.“

  • Stephan Oswald, Im Schatten des Vaters. August von Goethe. Eine Biographie. (C.H. Beck)
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