Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
![]()
„Die Normalität ist eine große Lüge“: Niemandstochter aus dem Prekariat: Anna Maria Orteses großer Roman Der Hafen von Toledo verweigert sich der Realität und feiert die Entgrenzung. „Wenn sie gegen den Strich der Erwartungen schreibt, wenn sie überraschen will, dann kann das erklärte Ziel einer Lektüre nur sein, sich von ihr überraschen zu lassen. Fehlt diese Bereitwilligkeit, wird man dem Text kaum etwas abgewinnen können. Ist sie vorhanden, kann man sprachliche Wendungen genießen und am Ende natürlich auch hinreichend Stoff zum Nachdenken finden.“
- Anna Maria Ortese, Der Hafen von Toledo (aus dem Italienischen von Marianne Schneider; Friedenauer Presse)
„Als Zukunftsfrau in der Gegenwart“: Esther Schüttpelz zeigt, was es bedeuten kann, zwischen eigenen Idealen und der Realität festzustecken. In ihrem Debütroman Ohne mich folgt der Leser einer Protagonistin, die mit Mitte zwanzig geschieden ist und sich mit schwierigen Lebensfragen konfrontiert sieht. Die Antworten bleiben pragmatisch. „Esther Schüttpelz paart eine scharf eingesetzte Gesellschaftskritik mit zynischen Beobachtungen aus dem eigenen Alltag. Dabei ist ihre Protagonistin selbstkritisch; sie sieht sich nicht über den Dingen, sondern als Komplizin des von ihr verurteilten Systems.“
- Esther Schüttpelz, Ohne mich. (Diogenes Verlag)
„Im Netz der Debatten“: Kann ein historischer Roman zu gegenwärtig sein? Nathan Harris‘ gefeierter Debütroman Die Süße von Wasser tritt den Beweis an. „Also nein, „Die Süße von Wasser“ ist kein gutes Buch, was aber nicht allein an der Unzweideutigkeit der Ansichten liegt, für die es eintritt, an seinem Gefangensein im Netz der aktuellen Debatten. Hinzu kommen der Erzählstil eines mittelmäßigen Jugendbuches und eine Sprache, die es dem Leser dadurch leicht zu machen versucht, dass sie jede historische Distanz aufhebt. Zäh wird die Lektüre außerdem durch die eindimensionale Zeichnung der Figuren, deren Traumata und Beschädigungen bloß angedeutet, aber nicht erschlossen werden.“
- Nathan Harris, Die Süße von Wasser. Roman. (aus dem Englischen von Tobias Schnettler; Eichborn Verlag)
„Wer putzt das Klo?“: Duschen nach Mitternacht nicht gestattet: Lars Reichardt berichtet von seinen WG-Erfahrungen und denkt über heutige Formen des Zusammenlebens nach. „Reichardts Buch Zimmer für immer versammelt ein aktualisiertes Best-of seiner Texte aus dem ‚SZ-Magazin‘ über verschiedene Formen des Wohnens. Ausgeklammert bleiben die Kleinfamilie und das Singleleben. Detailliert berichtet er über die eigene Münchner Wohngemeinschaft, die diesen Namen nur mit Einschränkungen verdient, denn das Haus, in dem sie sich mit wechselndem Personal eingerichtet hat, gehört dem Autor.“
- Lars Reichardt, Zimmer für immer. Meine Suche nach einem Ort zum Bleiben (Kein & Aber)
![]()
„Kritik am Kronzeugen“: Ahmad Mansour polarisiert bei Islam und Migration – nun zieht eine Recherche seine Biografie infrage. Entlastung aus Berlin lässt lange auf sich warten. „Nun zieht ein Bericht des Onlinemagazins Hyphen Mansours Glaubensbiografie und seine Ausbildung in Zweifel. Und als Mansour zu seiner Verteidigung seine Diplom-Urkunde bei Twitter hochlädt, beruhigt das die Situation nicht – die Erregungsmaschine beschleunigt erst so richtig, Mansour wird beschimpft und verhöhnt.“
„Dieses kleine Schweben“: Joachim Sartorius’ federleichtes Buch über den Zauber von Syrakus. „Manchmal gleicht sein Blick dem eines staunenden Kindes. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass Sartorius in Tunis aufgewachsen ist und seine Kindheitswelt über das Meer herüberzuleuchten scheint. Man freut sich, blätternd, schauend, mit ihm.“
-
Joachim Sartorius, Die Versuchung von Syrakus (Mareverlag)
„Blut für die Quallen“: In Eines Tages wird es leer sein schildert Hugo Lindenberg die Jugend eines Juden in Frankreich. „Überkommenes und Modernes mischt sich hier, Erlebtes und Imaginiertes, die Menschen erfinden sich am Strand neu. Eines Tages wird es leer sein von Hugo Lindenberg ist ein verstörendes Buch, sehr traurig, aber auch sehr komisch (…).“
-
Hugo Lindenberg, Eines Tages wird es leer sein. (aus dem Französischen von Lena Müller; Edition Nautilus)
„Zwischen Welten“: Der Philosoph und Autor Peter Bieri ist tot. „Bereits am 23. Juni ist Peter Bieri, wie erst jetzt bekannt wurde, in Berlin gestorben. Er wurde 79.“
„Die Lüge ist eine schreckliche Biowaffe“: In Der Aufbruch erzählt Dmitry Glukhovsky von einem klein gewordenen und restlos durchmilitarisierten Land namens Moskowien. „Mit Der Aufbruch liegt jetzt der zweite Band von Glukhovskys Zyklus Outpost auf Deutsch vor, im vergangenen Jahr in russischer Sprache fertiggestellt. Der Autor, der berühmt wurde durch die dystopische Metro-Trilogie, der 2018 mit „Text“ einen raffinierten technologiekritischen Gegenwartsroman veröffentlichte und zuletzt die satirisch-märchenhaften Geschichten aus der Heimat vorlegte, wendet sich nun also wieder der Science Fiction zu. Doch vieles in diesem Roman entspricht nicht den üblichen Regeln des Genres, weil es nicht nur eine Zukunft herbeifantasiert, sondern sich aus Vergangenheit und Gegenwart bedient: Das macht das Buch so gut und unheimlich.“
- Dmitry Glukhovsky, Outpost – Der Aufbruch. Roman. (a. d. Russ. v. Maria Rajer, Jennie Seitz; Heyne)