
Vier Schafe und ein Todesfall (Rowohlt Polaris) heißt der neue Krimi von Thomas Chatwin. Nach den Gesetzen der Schwarmintelligenz ermittelt ein ganzer Clan von skurrilen Familienmitgliedern in einem Todesfall, der so auch nur in Cornwall stattfinden kann. Nebenher erfährt man einiges über Land und Leute – und über seltsame Bräuche der kornischen Landbevölkerung. Anlass für Fragen:
BuchMarkt: Mr Chatwin, in Ihrem neuen Krimi steht eine ermittelnde Grandma im Mittelpunkt, deren Motto lautet: Nichts belebt uns wie ein kleiner Mord. Ist das so? Sollten wir öfter mal zum Küchenmesser greifen?
Thomas Chatwin: Angeblich sollen Morde stressabbauend sein, das leuchtet ein. Andererseits bringt ein Mord so viel Ärger, dass der Stress hinterher größer ist als vorher. Also nein, das Küchenmesser ist keine gute Lösung. Es reicht, wenn man es wie Grandma Emily Doyle macht: Genüsslich jede Menge Krimis sowie Grandpas alte Akten des Londoner High Court lesen und mit Freude ermitteln, wenn einem durch Zufall eine Leiche vor die Füße fällt. Da hat die ganze Familie was von. So machen die Morde anderer Leute wieder Freude.
Mit der Familie Doyle haben Sie eine investigative „Schwarmintelligenz“ geschaffen, die mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt: ein bisschen Crime, ein bisschen Familien- bzw. Gesellschaftsroman, das Ganze mit einem kräftigen Schuss Urlaubsfeeling. Welche Vorbilder haben Sie für Ihre Krimi?
Ich hatte schon immer ein Faible für Literatur über interessante Familien. Den besten Satz dazu hat Leo Tolstoi in Anna Karenina geschrieben. „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Wir leben in einer Zeit, in der nur noch das Individuum zählt. Der Familienbegriff wird stark vernachlässigt. Da ich selbst aus einer Familie mit starken Frauen stamme, kam mir eine Figur wie Emily gerade recht. An ihrer Seite dann moderne junge Frauen wie die Enkelinnen Kate und Morwenna. Aber auch Männer wie Kunsthistoriker Gilbert, Grandmas Sohn, der seine frühen Jahre beim MI5 gerne verschweigt, aber keinen der alten Tricks vergessen hat. Das Ganze mit britischem Humor, denn Familie ohne Humor wäre in England wie Fish ohne Chips.
Macht es Ihnen was aus, wenn man einige der Eigenheiten Ihrer Figuren durchaus schrullig finden kann?
Nein, denn das vermeintlich Schrullige und Individuelle, oft auch Exzentrische gehört zur englischen DNA. Wie auch der Humor. Kein vernünftiger Brite führt eine Unterhaltung ohne Sprachwitz, humorvolles Understatement und (selbst)ironische Pointen.
Cornwall hat es Ihnen offenbar angetan. Schon in der Vorgänger-Krimireihe um die ermittelnde Postbotin Daphne Penrose (zuletzt: „Mord frei Haus“, Rowohlt Polaris; d.Red.) spielte die kornische Landschaft eine wichtige Rolle. Hat das biografische Gründe?
Ja, seit meiner Jugend habe ich viel Zeit in England verbracht und mit Vorliebe in Cornwall. Auch später als Literatur- und Austauschstudent und während der Jahre, in denen ich in der Filmbranche tätig war. Cornwall ist meine zweite Heimat. Bis heute verbringe ich dort viel Zeit, auch wenn ich nicht schreibe. Am liebsten treibe ich mich in meinem Lieblingsort Fowey herum, an der Südküste, also am Ärmelkanal.
Gibt es eigentlich einen Grund dafür, dass ausgerechnet die schönsten Gegenden so häufig als Schauplatz ziemlich grausiger Verbrechen gewählt werden?
Es schreit ja danach. Jeder hat gelernt, dass man perfekten Paradiesen nie trauen darf. Selbst dort gibt es Äpfel, die man besser nicht essen sollte. Aber im Ernst, die schöne friedliche Gegend ist seit der Romantik der Gegenentwurf zum bösen Rest der Welt, vor allem der Metropolen. Der amerikanische Krimi der vierziger Jahre – New York, Los Angeles – hat dieses Bild noch verfestigt. Erst Agatha Christie hat uns wieder gelehrt, was sich im romantischen Dorfteich so alles verbergen kann.
Der Titel Ihres Romans erinnert nicht zufällig an einen berühmten Filmtitel. Sie selbst haben lange beim Film gearbeitet. Beeinflußt dieser berufliche Hintergrund Ihr Schreiben?
Nein, jedenfalls nicht bewusst. Der Titel ist in Zusammenarbeit mit der kreativen Crew des Verlags zustande gekommen. Ich will aber nicht leugnen, dass ich mich gelegentlich verdächtige, das eine oder andere Bild drehbuchartig aufgebaut zu haben, weil ich naturgemäß sehr bildlich denke. Das habe ich aber auch schon mit zwanzig getan. So kann ich erlebte Dinge besser speichern und sie jederzeit abrufen.
Stimmt es, dass Sie sich zur Vorbereitung auf diesen Roman sogar mit der Schafzucht beschäftigt haben?
Ja, ich habe über viele Monate hinweg eine junge Züchterin begleitet. Auch in Cornwall habe ich Erfahrungen sammeln dürfen, bei Matt Smith, der auch noch Weltmeister im Schafescheren ist. Wollen Sie wissen, wo sein Rekord liegt? Bei 731 Schafen in acht Stunden!
Wenn eines der Schafe Ihrer Geschichte den Roman rezensieren würde, welches Urteil würden Sie sich erhoffen?
Erstklassiges Futter, fest und vitaminreich, mit überraschenden Inhaltstoffen. Angenehm im Köttel-Abgang und sehr gut verdaulich.