Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
„Das Preppertum ist gar nicht weit“: Alison Bechdel rundet mit Das Geheimnis meiner Superkraft ihre Comictrilogie zur eigenen Familiengeschichte ab. Und zugleich erzählt sie über Romantik und Transzendentalismus im neunzehnten Jahrhundert und die Vereinigten Staaten von heute. „Wie schon die beiden Vorläuferbücher ist auch dies ein extrem textreicher Comic. Dass wieder der Schriftsteller Thomas Pletzinger zusammen mit Tobias Schnettler die aufwendige Arbeit der Übersetzung auf sich genommen hat, kommt dem Band zugute – wenn man sich auch wünschte, Pletzingers eigenes Comicprojekt, Blåvand, würde endlich einmal zu Ende geführt. Aber vielleicht können er und sein Zeichner Tim Dinter ja Erkenntnisse aus Alison Bechdels Arbeit an deren Comic ziehen. Nach dem, was man darüber erfährt, darf man das Zustandekommen von Das Geheimnis meiner Superkraft als kleines Wunder ansehen. Das Ergebnis selbst ist ein großes Ereignis.“
- Alison Bechdel, Das Geheimnis meiner Superkraft (aus dem Englischen von Thomas Pletzinger und Tobias Schnettler; Kiepenheuer & Witsch)
„Satirisches Salz in die Wunde“: Ein Bindeglied zwischen Realismus und Naturalismus in der französischen Literatur: Alphonse Daudets Roman Jack aus dem Jahr 1875. „Daudet selbst ist nicht frei von Schwächen: Seine Zuspitzungen übertreiben es, im Guten und mehr noch im Schlechten. Er lässt seinen Roman einen Abwärtssog entwickeln, an dem er sich immer wieder berauscht, bis hin zu einer Schlusspointe, die sein Freund und Kollege Flaubert nicht ganz zu Unrecht als ‚von gewöhnlichem Geschmack‘ bezeichnet. Wohlgemerkt: Daudets Hang zur Gefälligkeit hält Flaubert nicht davon ab, Jack für ‚bemerkenswert‘ zu halten. 147 Jahre später kann sich der Kritiker dem nur anschließen.“
- Alphonse Daudet, Jack. Sitten der Zeit. Roman. (aus dem Französischen von Caroline Vollmann, Nachwort von Alain Claude Sulzer; Die Andere Bibliothek)
„Von der Einsamkeit der Korrekturleserin“: Verirrt auf amourösem Terrain und doch selbst gerettet: Mieko Kawakamis Roman All die Liebenden der Nacht. „Zwischen den Zeilen schreibt Kawakami eine Kritik prekärer Arbeitswelten und der Geschlechterverhältnisse, der höheren Wertschätzung von Reproduktion als von weiblicher Teilhabe an der Produktion. Kleidung und Schminke fungieren im Roman als Merkmale von Klassenzugehörigkeit.“
- Mieko Kawakami, All die Liebenden der Nacht. Roman. (aus dem Japanischen von Katja Busson; DuMont Buchverlag)
![]()
„Wo alles erlaubt ist“: Nicola Lagioia erzählt in seinem Bestseller Die Stadt der Lebenden von einem wahren Verbrechen. Jetzt diskutiert Italien: Was macht zwei Bürgersöhnchen zu haltlosen Sadisten? „Die Stadt der Lebenden, das keine Genrebezeichnung trägt, wurde in Italien über 80 000 Mal verkauft, als Podcast in Szene gesetzt, als Performance im Theater gezeigt, und von der Literaturkritik zum wichtigsten literarischen Werk des Jahres 2020 gewählt. Die Originalausgabe liegt im renommierten Einaudi-Verlag vor und entspricht in seiner klassischen Aufmachung mit weißem Umschlag, schwarzer und roter Schrift und einem mittig platzierten Schwarzweiß-Foto, das einen halben Männerkopf zeigt, den eleganten gestalterischen Prinzipien des Hauses. Die Ausstattung der deutschen Ausgabe bei Btb mit einem giftig-gelben Himmel über dem nächtlichen Rom, einem Reklamesatz über dem Autornamen, kaum lesbarem Titel und einem Aufkleber wirkt trashig und so, als handle es sich um einen Thriller. Das ist die falsche Fährte.“
-
Nicola Lagioia, Die Stadt der Lebenden. (aus dem Italienischen von Verena von Koskull; btb)
heute nichts