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Resozialisierung durch Literatur: Eine Kooperation zwischen der Stadtbibliothek und der JVA Siegburg

Literatur ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe – das beweisen immer wieder Projekte aller Art. Die Stadtbibliothek Siegburg, die dieses Jahr als „Bibliothek des Jahres in kleinen Kommunen und Regionen 2025“ ausgezeichnet wurde, wurde u.a. für ihre besondere Kooperation mit der JVA Siegburg gewürdigt. „Diese enge Zusammenarbeit mit der JVA schlägt eine Brücke zwischen Gefängnis und Stadt und ist Vorbild für Bibliotheken und JVAs in ganz Deutschland.“, so die Jury. Dabei umfasst die Zusammenarbeit beider Institutionen nicht nur eine Bibliothek innerhalb der JVA, sondern auch das Projekt „Bücherecke aus dem Knast“, in dem die Gefangenen ihre eigenen Büchertipps als Podcast aufnehmen können. Die Beiträge sind auf der Website www.knastkultur.de/projekte/literatur/buecherecke_im_knast öffentlich zugänglich und sollen helfen, Vorurteile abzubauen und die gesellschaftliche Wiedereingliederung zu fördern.

Er habe dadurch seinen ganz persönlichen Zugang zu Büchern gefunden, der ihm bei der Resozialisierung geholfen habe, berichtet Michael Schönhofen, 1. Vorsitzender des Förderverein Gefangenenbüchereien e.V. und ehemaliger Insasse der JVA Siegburg. Wir haben bei ihm nachgefragt:

BuchMarkt: Warum und auf welche Weise hat Literatur bei Ihnen persönlich etwas bewirkt?

Michael Schönhofen: Mein erstes Buch war Nicht ohne meine Tochter von Betty Mahmoody. Sie hat ein anderes Leben geführt als ich, und doch gibt es eine Gemeinsamkeit: Auch sie hat ihre Eltern belogen, weil sie wusste, dass sie sich Sorgen machen würden, wenn sie mit ihrer Tochter und ihrem Mann in den Iran reiste. Die Geschichte zeigt, dass es – egal in welcher Lebenslage man steckt und wie tief man im Schlamassel ist – immer einen Ausweg gibt. Wer nicht aufgibt und kämpft, kann etwas erreichen. Es kostet viel Mut, aber es lohnt sich.

Wie hat sich die Kraft der Literatur für Sie nach dem Vollzug fortgesetzt?

Nach der Haft war zunächst Schluss mit Buchbesprechungen. Doch schon während der Haft war mir klar, dass ich etwas tun möchte, damit das Projekt Die Bücherecke aus dem Knast weiterlebt – damit auch andere Inhaftierte die Möglichkeit bekommen, diese Erfahrung zu machen.

Eines Tages wollte ich meiner Freundin die Stadtbücherei Siegburg zeigen. Dort sprach mich der Bibliotheksleiter an und teilte mir mit, dass ein Bediensteter der JVA Münster nach mir suche, um über das Projekt zu sprechen. Beim Telefonat stellte sich der Bedienstete vor und berichtete von seinem gegründeten Verein – dem Förderverein Gefangenenbüchereien e.V.. Er fragte mich, ob ich Mitglied werden wolle. Zum 01.05.2025 bin ich dem Verein beigetreten, und am 03.05.2025 wurde ich zum ersten Vorsitzenden gewählt. Zum 101. Geburtstag unseres Ehrenmitglieds Ruth Weiss habe ich dort nach langer Zeit wieder eine Buchbesprechung gehalten – zu ihrem Werk Meine Schwester Sarah. Ich bin der JVA Siegburg und der Stadtbücherei Siegburg sehr dankbar für dieses gelungene Projekt. Am zweiten Tag meiner Freiheit habe ich mich direkt bei der Stadtbibliothek Siegburg angemeldet.

Am 11. September ist Michael Schönhofens erstes eigenes Buch über seinen Lebensweg „Freiheit verpasst – Freiheit gewonnen“ bei epubli erschienen.

Der Förderverein Gefangenenbüchereien e.V.

Der Förderverein Gefangenenbüchereien e.V. engagiert sich bundesweit für den Ausbau und die Verbesserung von Medienangeboten in Justizvollzugsanstalten. Ziel ist es, durch Leseförderung zur Bildung und Resozialisierung von Inhaftierten beizutragen. Damit wird der Initiative zur Einrichtung angemessen ausgestatteter Bibliotheken in Haftanstalten Rechnung getragem, wie sie auch von den Europäischen Strafvollzugsgrundsätzen gefordert wird. Weitere Informationen finden Sie unter: www.fvgb.de

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