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Hohe Kosten, fehlende Durchmischung und Fachmesse in Frage: Wie Aussteller:innen auf das neue Hallenkonzept der Frankfurter Buchmesse reagieren

Die Frankfurter Buchmesse plant für 2026 ein neues Hallenkonzept, bei dem sich die Aussteller:innen aller publikumswirksamen Warengruppen im Erdgeschoss rund um die Agora versammeln sollen, während B2B-Anbieter:innen in die oberen Etagen wandern sollen (s. Hallenplan). Damit möchte die Messe den verschiedenen Besucher:innen-Anforderungen besser nachkommen und Besucher:innenströme besser kanalisieren. Bei den Aussteller:innen sorgen die neuen Pläne allerdings nicht nur für Zustimmung, viele Fragen sind offen und nur bis Ende November gibt es einen Frühbucher:innen-Rabatt.

„Grundsätzlich sind wir offen für eine Optimierung der Hallenplanung. Allerdings sehen wir Probleme für das Kinderbuch in Halle 4.0 und auch eine Problematik für die Ratgeber in Halle 5.0“, schreibt uns Bettina Schultes, Head of Marketing Books & Operations von Kosmos, auf Nachfrage. „Bisher fehlen uns zudem valide Aussagen zu den Anker-Verlagen und auch der Prozess der Buchmesse, den Frühbucher-Rabatt bis Ende November beizubehalten bei so vielen unklaren Faktoren, irritiert uns doch sehr.“

Jan Weitendorf von Hacht (Foto: privat)

Dem schließt sich W1-Media Verleger Jan Weitendorf von Hacht an: „Eine Anmeldung knapp 11 Monate vor dem eigentlichen Event ist für mittelständische Unternehmen schwierig, auch wenn die Rechnungen dann ‚erst‘ im Frühjahr versendet werden.“ Er geht zudem auf die Kosten ein: „Was das Hallenkonzept betrifft, kommt es zu einer Zeit, in der Preiserhöhungen für uns schwer vermittelbar sind.  Die Preiserhöhung für 2026 beträgt ’nur‘ eine Steigerung in Höhe der Teuerungsrate (Inflation). Mit Ausnahme der Konzernverlage können wir Kinder- und Jugendbuchverlage uns aber auch diese Steigerung nicht leisten.  Das wird aber einfach ignoriert.  Also müssen wir uns immer stärker räumlich einschränken – aus meiner Sicht ist die Vielfalt schon lange gefährdet und wird an der völlig falschen Stelle gefördert.“

Mit der Platzierung des Kinder- und Jugendbuchs in Halle 4.0 ist er zudem ganz und gar nicht zufrieden. „Die Halle 4.0 ist die älteste und dunkelste Halle, da die einzigen Fenster in den Zugangstüren verbaut sind, die aber nicht nach draußen ausgerichtet sind, sondern in eine Vorhalle münden. Man hat nur einen vernünftigen Eingang – der Rest sind mehr oder weniger Notausgänge über Treppenschächte, die auch Türen nach draußen aufweisen. Es gibt Toiletten vorne und hinten (jeweils eine für Damen und eine für Herren), aber die Bedürfnisse von Familien werden in Halle 4.0 am wenigsten gut abgebildet.“ Er schlussfolgert: „Und damit müssen wir uns fragen, ob ein Standbau in Frankfurt überhaupt noch Sinn macht!“

Nicht zufrieden ist auch Kalenderverlag-Verleger Carlo Günther vom PAL Verlag, der etwas weiter ausholt. „Dass die Frankfurter Buchmesse auf die massiven Veränderungen in der Buchbranche seit der Corona-Pandemie und gleichzeitig auf die nicht weniger grundlegenden Veränderungen im Leseverhalten reagieren will, ist aus meiner Sicht absolut verständlich. Denn die Messe hat sich ja in den letzten Jahren schon deutlich verändert: Viele deutsche und internationale Verlage und Medienhäuser haben ihre Präsenzen massiv reduziert oder kommen gar nicht mehr. Viele Fachbesucherinnen und -besucher sparen sich den teuren Trip nach Frankfurt. Und die Konkurrenzmessen in Leipzig, Berlin, Stuttgart, Baden-Baden ziehen mit klugen zielgruppenorientierten Präsentationskonzepten immer mehr Leserinnen und Leser an. Es ist gut, dass die Buchmesse nun also aktiv und mit einem umfassend neuen Konzept die Trendwende einleiten will. Wie sie das allerdings bislang geplant und kommuniziert hat, ist weder verständlich noch tragbar, zumindest für mittlere und kleine Aussteller:innen. Und das aus zwei Gründen:

Zum einen hat die Buchmesse bislang ein halbgares Konzept vorgestellt, dass für gerade viele der Kalender- und Ratgeberverlage eine offensichtliche Verschlechterung darstellt und bei dem grundsätzliche Fragen nicht beantwortet werden konnten bzw. können. Eine Standbündelung dieser Warengruppen in den eher abseitig gelegenen Hallen 5 und 6 anzubieten, allein mit dem Versprechen, dass die Messebesucherinnen und -besucher neu durch die Hallen geleitet werden würden, ist bei gleichbleibend hohen Standgebühren schlichtweg eine zu teure Wette. Mit dem weiteren Versprechen, dass die großen deutschen Verlagshäuser auch auf sämtliche Hallen verteilt werden würden, sollte zwar ein zusätzlicher Anreiz gesetzt werden, aber weder konnten bislang Zusagen veröffentlicht werden, noch entspräche das wirklich dem neuen Hallenkonzept. Und obwohl auf Seiten der Buchmesse beteuert wird, das neue Konzept sei noch verhandelbar, besteht auf Nachfrage weder eine Flexibilität beim Preis, noch bei der Positionierung. Schon jetzt sind die Buchungsangebote verschickt worden. Also werden die meisten Aussteller gezwungen, die Katze im Sack zu kaufen und ein hohes finanzielles Risiko einzugehen. Diese Strategie muss und wird nach hinten losgehen – für alle Beteiligten.

Die Aufteilung der publikumsfrequentierten Hallen nach Genre bzw. Warengruppen ist für mich der zweite Grund für Kritik. Denn damit wird der USP der Buchmesse zerstört. Die Frankfurter Buchmesse lebt von der Durchmischung unterschiedlicher Anbieter:innen und gleichzeitig von kurzen Wegen. Früher noch stärker ausgeprägt, kann man auch heute noch auf der Messe vieles entdecken, was auf den genannten Publikumsmessen eben nicht möglich ist: Da steht ein internationaler Verlag neben einem Distributor für E-Books, ein paar Schritte hinter dem Literaturverlag ist ein Hörbuchverlag zu finden, gleich neben einem Kinderbuchverlag und gegenüber von einem Anbieter für Druckmanufaktur. Das Besondere daran ist, dass so Inhalte und Thementrends medienübergreifend präsentiert werden. Genau diese Mischung macht den Reiz der Frankfurter Buchmesse aus. Wenn nun alles fein säuberlich voneinander getrennt wird, sofern sich das überhaupt bewerkstelligen lässt, läuft man Gefahr, dass ein Großteil der Besucherinnen und Besucher nicht mehr die ganze Messe erkunden, sondern nur die für sie maßgeblichen Hotspots aufsuchen und dort ihre Zielkäufe durchführen, bestenfalls in den leicht erreichbaren Hallen. Die Faszination und Fülle von Büchern in ihrer Breite und Tiefe wird so vom Publikum nicht erfasst werden. In Leipzig wird diese Entwicklung schon heute an den Besucherströmen der Manga Comic Con deutlich, die sich nur wenig mit den anderen Besucherströmen durchmischen. Das Ergebnis: zwei parallele Messeveranstaltungen für für zwei Zielgruppen.

Mir persönlich macht diese Situation große Sorgen und ich halte es auch für eine vergebene Chance, gemeinsam die Frankfurter Buchmesse an neuen Gegebenheiten und Bedürfnissen von Aussteller:innen sowie Besucherinnen und Besuchern auszurichten. Ein neues Hallenkonzept, so wie es vorgelegt wurde, das zu einer grundlegenden Umlenkung der Besucher:innenströme führt, braucht mehr Zeit für die Planung und Einführung und sollte vorab schrittweise auf ihre Wirkung getestet werden. Noch wäre Zeit dafür genau das zu tun und die Einführung des neuen Hallenkonzepts auf 2027 zu verschieben, um zusammen mit allen Aussteller:innen die Buchmesse mit dem, was sie bis heute auszeichnet, zu modernisieren und zu stärken.“

„Fachmedienunternehmen und Entscheider:innen sind nicht mehr ausreichend präsent“

Und auch manche der betroffenen B2B-Kund:innen schauen noch skeptisch auf die neuen Vorschläge. Der Verlagsdienstleister knk schreibt etwa: „Grundsätzlich verstehen wir den Ansatz, die Besucher:innenströme besser zu lenken – gerade nach dem Andrang an den Rolltreppen in diesem Jahr ist das sicher auch ein Sicherheitsaspekt. Trotzdem sehen wir die geplante Platzierung der Dienstleister:innen in den oberen Etagen kritisch. Für uns wäre Halle 4.2 keine Option, allenfalls 4.1. Generell befürchten wir dort allerdings deutlich weniger Laufkundschaft und zufällige Begegnungen, die für uns auf der Messe sehr wertvoll sind. Alternativ könnte eine Platzierung in 3.1 für uns noch infrage kommen. Auch die mögliche frühere Öffnung für Privatbesucher:innen sehen wir eher skeptisch. Das würde die Zeitfenster für Fachgespräche weiter verkürzen – und genau diese Tage sind für uns geschäftlich die wichtigsten. Darüber hinaus möchten wir anmerken, dass unser Zielpublikum – Fachmedienunternehmen und Entscheidern aus diesen Unternehmen – insgesamt nicht mehr ausreichend präsent auf der Messe ist. Aus unserer Sicht wäre es wichtig, Maßnahmen zu ergreifen, um diese Kernzielgruppe wieder stärker einzubinden.“

Die Messe widerrum teilt auf Nachfrage mit, dass es „Zuspruch für das Gesamtkonzept“ von den Aussteller:innen gebe. In den Kund:innengespräche gebe es „viel positives Feedback“. Man sei dabei die Pläne zu finalisieren, um bald konkretere Hallenpläne veröffentlichen zu können. Man sei mit den Kund:innen in einem „konstruktiven, atmosphärisch sehr guten Austausch“.

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2 Antworten

  1. Sorry, grausam diese Vorauswahl. Erinnert mich an die BücherBörsen,
    statt die Samstagnachmittage und die Sonntage zu nutzen ( in Ruhe statt sonst Vertretergespräche im Laden ) die Verlagsvielfalt kennenzulernen, blieb es viel zu oft beim Durchlauf bei den Publikumswirksamen ( ? ). Da wurde das Wort Sortiment arg strapaziert. Macht es keinen Spaß mehr, die Kunden mit „Perlen“ bekanntzumachen ? Mir taten die Vertreterinnen und Vertreter oft leid, die geduldig mit interessantesten Programmen teilnahmen. Und jetzt sollen bei offenen Messen die Kunden auch noch dirigiert werden. BITTE SO NICHT.

  2. Das alles klingt nach einem kontraproduktiven Konzept, das mehr denn je trennt, statt zu verbinden. Kein zeitgemäßer Ansatz, behaupte ich nach nunmehr achtzehn Jahren FBM-Berichterstattung.

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