Die Druckindustrie ist im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung: Einige Familienunternehmen haben aufgegeben, der Auflagendruck weicht zusehends Print on Demand und zwischenzeitlich kam es zu Engpässen im Buchdruck. Canon Deutschland lud vergangene Woche zum Future Book Forum nach Poing bei München ein. Wir haben bei CEO Markus Naegeli nachgefragt, wie er aktuell auf die Branche schaut und welche Entscheidungen Buchverlage jetzt treffen sollten.
BuchMarkt: Welche Bedeutung hat der Buchdruck für Canon und wie verteilen sich die Aufträge auf die Bereiche Auflagendruck und Print-on-Demand?

Markus Naegeli: Der Buchdruck ist für Canon ein strategisch wichtiges Wachstumsfeld. Bücher gehören heute zu den am stärksten wachsenden digitalen Druckanwendungen in Europa – sowohl im Volumen als auch im Wert. Mit unseren Digitaldrucktechnologien unterstützen wir Verlage und Druckdienstleister:innen dabei, genau die Flexibilität und Effizienz sicherzustellen, die sie angesichts sinkender Auflagen und unvorhersehbarer Nachfrage benötigen. Durch den digitalen Buchdruck wird die klassische Wertschöpfungskette im Verlagswesen revolutioniert.
Wir sehen eine klare Verschiebung: Klassischer Auflagendruck bleibt relevant, aber der Anteil von Print-on-Demand wächst sehr schnell. Viele Verlage ersetzen größere Bestellungen mit kostspieliger Logistik zunehmend durch mehrere kleinere, bedarfsgerechte Aufträge. Gleichzeitig steigt der Anteil der Titel, die vollständig im POD-Modell produziert werden – gerade bei Backlist, Nischentiteln und im internationalen Vertrieb. Für uns ist entscheidend, dass wir beide Modelle technologisch und prozessual aus einer Hand unterstützen.
Wie nehmen Sie die aktuelle Drucksituation wahr? Gibt es auch bei Canon Engpässe bei den Druckkapazitäten?
Die Branche steht weiterhin unter hohem Effizienz- und Flexibilitätsdruck. Neben schwankender Nachfrage und steigenden Erwartungen an Liefergeschwindigkeit spielen auch Fachkräftemangel und Kostenentwicklungen eine Rolle. Viele Druckereien passen sich mit hoher Geschwindigkeit an und investieren in digitale Workflows sowie in Digitaldrucktechnologien, um kleinere Auflagen und kürzere Durchlaufzeiten wirtschaftlich abbilden zu können.
Was die Produktionskapazitäten betrifft, sind unsere Systeme darauf ausgelegt, auch bei stark variierenden Auftragsstrukturen stabil und planbar zu produzieren. Zudem haben wir das größte Portfolio von Systemen, um verschiedene Volumenkategorien optimal zu bewirtschaften. Wir sehen keine Engpässe auf Seiten der Canon-Technologie, sondern erleben eher das Gegenteil: Unsere Kund:innen nutzen die höhere Automatisierung und Verfügbarkeit moderner Systeme gezielt, um ihre eigenen Kapazitätsengpässe zu reduzieren und zusätzliche Nachfrage aufzunehmen.
Lässt sich die Situation für Buchverlage entspannen – und wenn ja, wie? Was sollten die Verlage selbst tun?
Ja, und viele Verlage sind diesen Weg bereits konsequent gegangen. Entscheidend ist, die gesamte Supply Chain neu zu denken: weg von hohen Lagerbeständen und Überproduktion, hin zu dynamischen Modellen wie automatisiertem Replenishment, Print-to-Order oder vollständigem Print-on-Demand. Mit diesem Ansatz gibt beispielsweise auch den Begriff „Vergriffen“ nicht mehr.
Für Verlage bedeutet das drei Dinge:
Erstens, Druckprozesse und Metadaten so zu standardisieren, dass Bestellungen und Nachdrucke automatisiert angestoßen werden können.
Zweitens, den Titelbestand differenziert zu betrachten – Frontlist, Backlist, Bestseller, Nischen – und für jede Kategorie das optimale Produktionsmodell zu definieren. Dies führt zu einem neuen „Buch Life Cycle Management“.
Drittens, enger mit den Produktionspartner:innen zusammenzuarbeiten, um Verfügbarkeit, Kosten, CO₂-Bilanz und Time-to-Market gleichermaßen im Blick zu behalten.
Der Effekt ist spürbar: geringerer Kapitaleinsatz, weniger Risiko von „Out of Print“, keine kostspieligen „Errata“-Aktionen, und gleichzeitig höhere Lieferfähigkeit. Hier entstehen für Verlage echte Handlungsspielräume.
Wie verändert sich der Markt der Druckereien insgesamt? Viele Familienunternehmen haben zuletzt den Betrieb eingestellt.
Wir sehen einen strukturellen Wandel, der sich seit Jahren abzeichnet. Sinkende Auflagen, steigende Komplexität und die Nachfrage nach immer kürzeren Lieferzeiten führen dazu, dass sich klassische Geschäftsmodelle verändern müssen. Wer heute erfolgreich sein will, braucht effiziente End-to-End-Prozesse, digitale Workflows und ein hohes Maß an Automatisierung.
Gleichzeitig gibt es viele Unternehmen – kleine wie große, die diese Entwicklung aktiv gestalten. Sie investieren gezielt, modernisieren ihre Produktionsumgebungen und bieten neue Services an, etwa Lager- und Logistikleistungen, POD-Fulfillment oder personalisierte Produkte. Das zeigt: Der Markt konsolidiert sich, aber er ist keineswegs rückläufig. Er entwickelt sich weiter, hin zu mehr Technologie, mehr Vernetzung und mehr Serviceorientierung.
Wie will Canon diese Lücke ggf. nutzen?
Wir sehen uns nicht als Lückennutzer, sondern als Partner in der Transformation. Canon unterstützt Druckereien jeder Größe dabei, ihre Prozesse zukunftsfähig auszurichten – technisch, organisatorisch und wirtschaftlich. Das umfasst Highspeed-Inkjet-Systeme wie ProStream und ColorStream sowie tonerbasierte Systeme wie die imagePRESS-Serie oder die varioPRINT 6000-Serie, aber ebenso Workflow-Automatisierung, Beratung, Szenario-Planung und Integration in Pre-Press, Finishing und Logistik.
Die Lücke, die entsteht, ist eher eine Chance für diejenigen, die investieren und sich breiter aufstellen wollen. Wir unterstützen sie dabei, neue Geschäftsmodelle umzusetzen: vom effizienten Kurzauflagen-Management bis hin zu vollständig automatisierten POD-Lösungen oder dezentralen Produktionsnetzwerken. Damit stärken wir die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Branche.
Wie verändern sich dadurch Geschäftsmodelle?
Geschäftsmodelle werden datengetriebener, flexibler und stärker vernetzt. Viele Druckereien entwickeln sich vom reinen Produzenten hin zum Fulfillment-Dienstleister. Sie übernehmen Lagerhaltung, Bestandsmanagement, Versand oder sogar die internationale Distribution, und das vollständig digital gesteuert.
Für Verlage entstehen dadurch neue Möglichkeiten: Titel können länger verfügbar bleiben, ohne Kapital zu binden. Grenzauflagen oder Nischenprogramme werden wirtschaftlich darstellbar. Und gleichzeitig lassen sich CO₂-Emissionen reduzieren, weil Transportwege verkürzt und Überproduktionen vermieden werden.
Kurz gesagt: Die Partnerschaften verändern sich und die Geschäftsmodelle verlagern sich von „Drucken und Lagern“ zu „Bedarf antizipieren und ausliefern“, und Technologie ist der Enabler dafür.

Welche spannenden Erkenntnisse hat das Canon Future Book Forum hervorgebracht?
Das Future Book Forum hat wieder einmal sehr deutlich gezeigt: Die Buchbranche steht mitten in einer Transformation, die weit über Drucktechnologien hinausgeht. In diesem Jahr stand das Zusammenspiel vernetzter Ökosysteme im Mittelpunkt, also die Frage, wie Inhalte, Technologien, Daten und Partnerschaften gemeinsam Mehrwert schaffen.
Drei Erkenntnisse waren besonders prägend:
Erstens: Publishing wird kollaborativer. Erfolgreiche Modelle entstehen dort, wo Verlage, Technologieanbieter und Produktionspartner strategisch wie operativ eng vernetzt arbeiten.
Zweitens: Nachhaltigkeit wird zum Innovationstreiber. Lokale Produktion, POD-Modelle, optimierte Logistik und zirkuläre Wertschöpfung sind nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern wirtschaftlich attraktiv.
Drittens: KI verändert den gesamten Publishing-Lebenszyklus von der Content-Entwicklung über die Produktion bis hin zu personalisierten Leseerlebnissen.
Das Forum zeigt, wie viel Potenzial in einer Branche steckt, die sich gerade neu erfindet. Einmal mehr erlebten wir, wie wichtig ein persönlicher Austausch auf Augenhöhe ist. Und es bestätigt unseren Anspruch: Wir wollen diesen Wandel gemeinsam mit unseren Partner:innen und Kund:innen begleiten und aktiv mitgestalten.
Die Fragen stellte Hanna Schönberg