
„Wie war Ihr Monat?“ fragen wir monatlich Branchenmenschen. Dieses Mal Thomas Hummitzsch, der vom VdÜ – Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e. V. mit der Übersetzerbarke 2025 ausgezeichnet wurde. Thomas Hummitzsch ist freier Literatur- und Filmkritiker, Mitglied der Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse und betreibt das Kulturmagazin »intellectures«.
BuchMarkt: Welcher Tag war Ihr schönster im vergangenen Monat?
Thomas Hummitzsch: Ich bin ein Novemberkind, die Wahl fällt also leicht. Wenn ich aber einen anderen als meinen Geburtstag wählen müsste, dann wären es der 21. und 22. November gewesen. Am 21. November durfte ich als Teil der Jury des Deutschen Übersetzerfonds Fördergelder verteilen. Das hat sich gut angefühlt, zu wissen, dass man da Menschen hilft, ihre Arbeit besser und gewissenhafter zu machen. Und am Tag danach habe ich mit meinem Sohn einen Tagesausflug von Berlin nach Dortmund gemacht. Wir waren zusammen im Stadion, das haben wir das letzte Mal vor zwei Jahren gemacht. Den ganzen Tag mit ihm verbringen zu können – er ist in diesem Jahr ausgezogen – war einfach toll.
Worauf freuen Sie sich im kommenden Monat am meisten?
Weihnachten ist es nicht, ich bin ein Grinch. Aber ich freue mich auf die Momente zwischen den Jahren, wenn ich selbst zur Ruhe komme und mal alle fünfe gerade sein lassen, mich selbst aus der Mühle der permanenten Produktion von Gedanken und Texten herausnehmen kann.
Welches Buch liegt aktuell auf Ihrem Nachttisch?
An der Stelle meines Nachttischs befinden sich im Moment mehrere Stapel mit Büchern aus den knapp 500 Einreichungen für den Preis der Leipziger Buchmesse. Es gibt also viel Abwechslung – Belletristisches, Essayistisches und tolle Übersetzungen. Abgesehen davon haben mich zuletzt Maria Meinels herausragend experimentierfreudige Übertragung von Maddie Mortimers »Atlas unserer spektakulären Körper«, András Viskys »Die Aussiedlung« in der Übersetzung von Timea Tankó und Harry Martinsons dystopisches Hohelied »Aniara« in der deutschen Nachdichtung von Lena Mareen Bruns begeistert.
Wären Sie ein Buch, welches wäre es?
Vielleicht so etwas wie Chris Wares »Building Stories«, eine Comicbox mit 14 verschiedenen Geschichten, alle anders gestaltet, als Comicheft, als Werbebroschüre oder Zeitung. Die melancholischen Erzählungen sind gleichermaßen zum Schmunzeln wie zum Verzweifeln, besitzen Leichtigkeit und Tiefgang, erzählen von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins. In dieser Ambivalenz kann ich mich gut wiederfinden, wenngleich ich manchmal lieber all das, was man so an Lebensballast mit sich rumschleppt, los wäre. Aber um es mit Element of Crime zu sagen: »Ich werd nie mehr so rein und so dumm sein wie weißes Papier.«
Welches Buch haben außer Ihnen alle gemocht?
Benjamin von Stuckrad-Barres selbstreferentiellen Boys-Club-Laber-Roman »Noch wach?«.
Über welches Thema wollen Sie im kommenden Monat mehr lesen?
Ach, ich bin niemand, der thematisch liest, es sei denn, ein Auftrag erfordert es. Ich würde einfach gern weniger Oberflächliches und mehr Vertiefendes und Inspirierendes lesen. Mir fehlen in den Medien nachdenkliche und (selbst)kritische Stücke, die sich mit unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinandersetzen.
Von wem würden Sie gerne mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Von einer Literaturübersetzerin oder einem Literaturübersetzer. Aus vielen Gesprächen mit Übersetzenden weiß ich, dass sie nah an den drängenden Themen der Branche dran sind und ein unheimlich gutes Gespür für lesenswerte und oft außergewöhnliche Texte haben.
Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie eigentlich gern beantwortet?
Worüber haben Sie sich in diesem Jahr am meisten geärgert?
Und wie lautet Ihre Antwort darauf?
Über die SPIEGEL-Literaturredaktion. Erst bildet sie mit namhaften Juror:innen einen Kanon der besten internationalen Bücher der letzten hundert Jahre, in dem die Übersetzerinnen und Übersetzer, denen wir diese Bücher in einer deutschen Fassung zu verdanken haben, nicht einmal genannt werden. Und dann ruft sie einen Literaturpreis ins Leben, der weder nachvollziehbare Kriterien noch irgendeine Dotierung hat. Konsequenterweise hat die Redaktion in ihrer Eloge zum prämierten Buch die herausragende Übersetzung von Bettina Abarbanell unterschlagen. Dabei wollte man doch „auch die oft virtuose und genauso oft übersehene Kunst der Übersetzerinnen und Übersetzer“ prämieren. Mal abgesehen davon, dass das bereits seit Jahren durch den Internationalen Literaturpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung sehr viel besser gemacht wird, war das offensichtlich nur ein läppisches Lippenbekenntnis. Die »Preisverleihung« fand wohl in der Kantine des SPIEGEL-Hauses statt, kein Witz. Statt also überflüssige Preise aus dem Boden zu stampfen, sollte die Redaktion einfach aufhören, die Kunst der Übersetzenden so prominent zu ignorieren, wie sie es bislang tut. Ein anderer Aufkleber kann da übrigens helfen. Der Deutsche Übersetzerfonds hält Sticker parat, auf denen #namethetranslator steht. Vielleicht einfach mal einen Schwung bestellen und als kleine Denkstütze an den Laptop kleben. Kann ich nur jeder Kritikerin und jedem Kritiker empfehlen.
In seiner Dankesrede zur Übersetzerbarke ging Thomas Hummitzsch tiefer auf das The,a Übersetzungskritik ein: https://www.intellectures.de/2025/10/16/in-eigener-sache-dankesrede-zur-verleihung-der-uebersetzerbarke/