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Was bleibt von Romance?

Sarah Lippasson (Foto: Anja Jahnke)
Sarah Lippasson (Foto: Anja Jahnke)

Ein feministisches Plädoyer für das unterschätzteste Genre der Welt. Und eine Antwort. Von Sarah Lippasson, Mitgründerin der Veranstaltungsagentur Buchevents.

„Es ist schon wieder passiert“, schreibt meine Kollegin Caro mir Ende Juli letzten Jahres und leitet einen Artikel aus dem BuchMarkt weiter. Autor Patrick Hertweck analysiert in “Was bleibt vom Lesen?” nicht nur, wie KI die Branche übernimmt, sondern schießt auch ordentlich gegen Romance-Bücher. Damit ist er nur einer von vielen Kritiker:innen.

Zugegeben, vor einem Jahr hätte ich beim Lesen dieses Artikels vermutlich wissend genickt oder sogar zustimmende Worte gefunden. Sicher wäre ich nicht wütend geworden, und ebenso wenig hätte ich Caro gefragt, ob wir Stellung beziehen wollen.

Dank ihrer Aufklärung und ihrer Begeisterung fürs Genre, mit der sie mich angesteckt hat, sitzen wir aber wenig später vor den Mikros und nehmen eine weitere Folge unseres Podcasts “Anwältin der Romance” auf. Im ersten deutschsprachigen Romance-Podcast sprechen wir regelmäßig über Entwicklungen des Genres, Trends und aktuelle Ereignisse. “Patrick, diese Folge ist für dich”, sage ich, “du hast dir ja eine differenzierte Auseinandersetzung gewünscht.” Und damit beginnt unser Plädoyer.

Zuerst geht es in Patricks Text um jenen Literaturkritiker, den zumindest Menschen in Caros oder meinem Alter nur noch schwer ernst nehmen, geschweige denn gerne zitieren möchten. “Drachenscheiße bleibt Drachenscheiße”, sagte Denis Scheck bei seiner Dankesrede zum Friedrich‑Perthes‑Preis und zeigte damit wieder einmal nur, dass er gegenüber Romance weder sachlich bleiben, noch sinnvoll argumentieren kann. Er ignorierte damit gekonnt die 25 Millionen verkauften Bücher über BookTok, hauptsächlich Romance-Titel, im vergangenen Jahr und auch einen Großteil der Leser:innen unter fünfunddreißig Jahren, die dank der Bücher wieder zum Lesen fanden. Hertweck kann diesen Empörungssturm zwar einerseits gut nachvollziehen, trotzdem sind ihm Romance, Romantasy und die gefühlten hundert Subgenres aufgrund der Masse und der seichten Storys ein Dorn im Auge. Fair enough.

Literarische Maßstäbe – und was das überhaupt sein soll

Romance hätte keine literarischen Maßstäbe, schrieb er. Und weiter: Sie senke den Anspruch an das geschriebene Wort, sei repetitiv, genügsam – und man fragte sich, ob es hier gerade wirklich nur um Romance-Literatur oder vielleicht auch um die Leserinnen dieser gehen sollte? Denn wer behauptet, dass Liebe, Hoffnung und Identität sich nicht in literarische Maßstäbe einpassen, hat wohl noch nie eine Shakespeare-Dramödie gelesen. Fakt ist: Romance verhandelt Beziehungen, Selbstbestimmung, gesellschaftliche Rollenbilder, mentale Gesundheit, sexuelle Aufklärung. Im Grunde also die Themen, die uns Menschen seit eh und je am meisten bewegen.

Hertweck schrieb, er wolle Romane, die etwas riskieren – damit spricht er mir wiederum sehr aus der Seele.

Ich will, dass Autor:innen Beziehungsbilder abseits der Heteronormativität riskieren, dass junge Frauen beginnen, über Fantasien zu sprechen und laut zu werden für die Liebe, Selbstbestimmung und ihre Bedürfnisse. Eben das, was in und dank Romance-Büchern passiert und die literarischen Maßstäbe neu formiert. Nicht nur als Eskapismus, sondern als gegenseitige Bestärkung über Buchseiten und Shortvideos hinaus. Auf Buchmessen, in Lesungen, Veranstaltungen, Buchhandlungen, bei einem kurzen Lächeln in der Bahn.

Weichgespülte Kitschgeschichten

Was bei allen Diskussionen außerdem zu gerne vergessen wird: Diese Romane sind kein neuer Trend, sie sind Jahrhunderte überdauernde Rebellion (ein bisschen Pathos muss schon sein). Seien es Jane Austen, die fortlaufend für Mr. Darcy belächelt wurde. Emily Brontë, die mit Heathcliff den ersten Byronic-Hero (heute würde man sagen: Antihelden), die erste Dark-Romance und vielleicht sogar die erste Gothic-Novel schrieb. Oder Anne Desclos, die lange vor “Fifty Shades of Grey” über weibliches Begehren schrieb. Sie alle gehören heute zum Literaturkanon.

“Frauenliteratur” gab es schon immer, sie wurde nur nie so offen verhandelt wie heute. Autorinnen sprechen belletristisch Themen an, die unbequem sind. Machtmissbrauch. Sexuelle Übergriffe. Rollenbilder, Trauma. Psychische Erkrankungen. Patriarchale Systeme. Ich erkenne hier keine weichgespülten Romanzen, sondern volles Risiko. Auch, wenn zugegebenermaßen viele der Cover was anderes vermuten lassen. Aber auch Thriller sehen oft gleich aus.

Ist das Unbehagen gegenüber dem Genre vielleicht nicht mit den Büchern zu erklären, sondern damit, dass Frauen für Frauen schreiben? Und dass andere Frauen die Geschichten lesen und dank ihnen aus patriarchalen Systemen ausbrechen? Sich zusammentun? Communitys bilden?

Sollte man nicht eher darüber sprechen, warum Männer immer noch die Gedanken dazu bewerten müssen?

Wir Frauen brauchen keine Erlaubnis für unsere Lust. Und auch keine Legitimierung für den Erfolg. Rebecca Yarros hat von ihrem Drachen-Epos “Fourth Wing” sowie den zwei Folgebänden inzwischen über zwölf Millionen Bücher an junge Menschen verkauft. Zahlen, von denen der Literaturbetrieb sonst oft nur träumt. Und es ist davon auszugehen, dass sich diese auch auf andere (Sub-)Genres übertragen, wenn die Zielgruppe noch ein bisschen erwachsener wird.

Qualität, Quantität & Sex

Apropros Communitys. Hertweck ist bei seinen Recherchen weiter eingetaucht. In BookTok, Bookstagram und die Reels einer ganzen Generation junger Leser:innen-Stimmen. Worüber er zuerst gestolpert ist: Farbschnitte, Sonderausgaben, den Lifestyle BookTok.

Man kann über vieles in dieser Bubble zurecht diskutieren. Aber dass wir das Medium Buch wieder zu einem haptischen und schönen Erlebnis gemacht haben, nicht. Dass dies inzwischen auch auf andere Genres überschwappt, ist kaum zu übersehen.

Und auch andere Oberflächlichkeiten werden immer wieder von Außenstehenden breitgetreten: Sixpacks, Schicksale, spicy Drachenhüter, Ménage-a-trois im Eliteinternat. Klingt alles schön provokant, ist ansonsten aber ein bisschen schwachsinnig.

Das Gros der Literatur in diesem Genre ist nicht schicksalsgesteuert. Die Männer können meistens auch mehr als Sport und hübsch aussehen. Sexuelle Selbstbestimmung ist kein Beiwerk für Pornofantasien, sondern konsensuelle, weibliche Perspektive. Und vielleicht liegt hier auch ein Teil der Wahrheit, wenn wir über die vielerorts diskutierte Male Loneliness – die Einsamkeit von Männern – sprechen. Frauen erwarten auch dank dieser Geschichten mehr als “Bare Minimum”. Nicht der Feminismus ist Schuld, dass Männer einsamer und öfter alleinstehend sind. Sondern Männer. Und vielleicht auch ein bisschen Romance-Bücher.

Was bleibt vom Lesen?

Ihr merkt es vielleicht: Die Wut als Frau gegenüber Männern, die Romance runtermachen, ist nicht nur eine Wut des Genres wegen. Es ist eher eine Wut gegen patriarchale Systeme in der Branche. Dass wir Frauen die Chance auf Sichtbarkeit haben und trotzdem Männer über „unsere“ Genres schreiben dürfen. Dass wir uns dafür schämen, dass wir eine spicy Szene in der Bahn lesen oder ein rosafarbenes Buch neben Stuckrad-Barre, Benedict Wells und all die anderen Männer in unser Bücherregal stellen. Durfte ich auch erst lernen, war aber das schönste Lernen seit langem.

Patrick Hertweck ist dabei nur eines von vielen Beispielen. Und im übrigen hat er sich nach unserer Podcastfolge, unseren Argumenten und dem Diskurs via Instagram für die Schärfe mancher Aussagen entschuldigt. Er hat unseren Podcast sogar empfohlen und vorgeschlagen, dass wir in der darauffolgenden Folge eine Klarstellung vorlasen. Weil er – wie ich auch – vielleicht eingesehen hat, dass ihm manche Perspektiven gefehlt haben. Er manchmal zu pauschal geurteilt hat. Oder weil wir eben gute Argumente für “unsere” Literatur haben. Caro und ich haben jede Sekunde dieser wertschätzenden Diskussion geliebt und würden sie sofort nochmal führen.

Über die Autorin

Sarah Lippasson wäre einmal fast SPIEGEL-Bestsellerautorin geworden, schreibt aber lieber seit zehn Jahren auf sarahlippasson.com über Bücher & Kulturthemen. Sie arbeitet als Journalistin, Moderatorin und gründete 2025 gemeinsam mit Carolin Reif die Veranstaltungsagentur Buchevents, in der sie Buchveranstaltungen für und mit Verlagen und Autor:innen planen und umsetzen. Im ersten deutschsprachigen Romance-Podcast “Anwältin der Romance” sprechen die beiden außerdem regelmäßig über Entwicklungen, Trends und neue Bücher im Romance-Buchgenre.

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