
Die letzten eineinhalb Wochen war ich in der Schweiz bei den Solothurner Literaturtagen und einem Festival in Bottmingen in der Trafohalle. Zwei völlig unterschiedliche Veranstaltungen, die im direkten Kontrast die fundamentalen Stärken und Schwächen unserer aktuellen Festivallandschaft offenlegen.
Der Big Player im Establishment
Die Solothurner Literaturtage sind so wie viele andere traditionelle Literaturveranstaltungen tief im Feuilleton, den Indieverlagen und Szenen-Begegnungen verankert. Solothurn ist und bleibt im Frühjahr der Fixpunkt für die Schweizer Szene. Schön war’s.
Dass das Publikum in diesem Jahr vermehrt jünger als 60 war – teils sogar Anfang 20 –, macht Hoffnung. Aber programmatisch und strukturell reicht das Hoffen nicht mehr aus. Auch tief in der Literaturszene verwurzelte Events brauchen heute Angebote, die niedrigschwellig, agil und modern funktionieren.
Wir müssen uns die Zeitfragen junger Menschen ansehen: Wo bleiben die digitalen Angebote oder Formate mit Creators, die digital sozialisiert sind? Wo ist die Schweizer jungen Erwachsenen Literatur? Und vor allem: Wann brechen wir die Barrieren ab, indem wir Moderationen etablieren, die eben nicht in elitärer Akademiker:innen-Sprache an Literatur herangehen, sondern fürs Publikum anstatt das eigene Ego mdoerieren?
Wie Social Media für die Sichtbarkeit helfen kann, hat sich dieses Jahr folgendermaßen gezeigt.
- Social Media Kuration: Ich habe den Festival-Account während der Tage gehostet und die Inhalte direkt vor Ort produziert.
- Creator-Infrastruktur: 10 Buch-Influencer:innen wurden gezielt kuratiert und eingeladen.
- Die digitale Bilanz: min. 150.000 Impressionen während und kurz vor dem Festival über alle Kanäle inkl. Influencer:innen-Reichweiten.
Digitale Verlängerung funktioniert und kann neues Publikum erreichen und vor allem visuell direkte Einblicke liefern. Würde ich ein Festival in dieser Größe organisieren, wäre eine Youth Stage oder ein fixes Format für junge Literatur für mich gesetzt.
Das kleine lokale Festival
In Bottmingen dagegen: Keine Szene, dafür lokales Herzblut, ein hochaufmerksames Publikum und ambitionierte Pläne. Die Location in der Trafohalle ist smart: eine Halle, die sich flexibel bestuhlen lässt, kombiniert mit einer Außenanlage im Grünen und guter Gastro. Eigentlich der perfekte Ort für einen hochklassigen Abend oder Halbtag.
Beim Programm wurde jedoch das alte, ermüdende Prinzip der Großetablissements kopiert: Zu lange Formate, zu viele Stimmen. Die Themenabende waren schlau gedacht, aber in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie besucht niemand fünf Abende hintereinander eine dreistündige Lesung.
Was hier fehlt, ist der Mut zum Fokus, der digitale Auftritt, sowie der netzwerktechnische Anschluss. Wer lokal kuratiert, braucht zwingend die mediale Anbindung, um das Publikum überhaupt zu ziehen.
Dafür braucht es Geduld – Veranstaltungsreihen entwickeln sich nicht in einem Jahr, und die Buchwelt ist bekanntlich langsam –, aber eben auch das richtige, rhythmische Handwerkszeug.
Fazit: Was die Zukunft verlangt
Was beide Festivals im Kern ausmacht und rettet? Begegnungen, echte Begeisterung für Literatur und die Chance, Neues zu entdecken. Und natürlich neue Bücher zu kaufen.
Die Formate sind vielfältig, und die Reise geht direkt weiter: Im Juni steht für mich die phil.cologne an, wo ich als Moderator komplexe Zeitfragen verhandle, und im Herbst folgt die Rahmenhandlung in Bad Ragaz. Die Zukunft der Literaturvermittlung liegt genau an dieser Schnittstelle: Wo die Professionalität und die Netzeffekte der Grossevents mit der Nahbarkeit und der digitalen Dynamik moderner Kuration verschmelzen.
Was denkt ihr? Was ist euer Stamm-Festival?
Josia Jourdan
Josia Jourdan gehört zu den profiliertesten jungen Stimmen der Schweizer Buchszene. Mit 14 Jahren betrieb er den meistgelesenen Buchblog des Landes, heute ist er Autor des Essaybands Fehlfunktion und schreibt u. a. für die ZEIT, den Freitag und den Tagesspiegel. Er hat die Schweizer Buchbranche in digitalen Strategien und auf BookTok begleitet. Bei BuchMarkt veröffentlicht er seine monatliche Kolumne „Josias Branchenblick“.







