
Nicolas Marchioni und Dr. Peter Scholz führen den traditionsreichen Kunstbuchverlag Klinkhardt & Biermann weiter. Zur neuen Verlagsgruppe hinzugekommen ist außerdem der Vision Creativ Verlag. Im BuchMarkt-Interview berichten sie über den Neustart, neue Verlagsmodelle und die Zukunft des Kunstbuchs.
BuchMarkt: Klinkhardt & Biermann (KliBi) blickt auf eine lange Geschichte zurück. Was hat Sie gereizt, den Verlag zu übernehmen?
Dr. Peter Scholz: Es wäre einfach schade gewesen, wenn ein solch renommierter Verlag verschwindet. Klinkhardt & Biermann hat eine beeindruckende Historie. Dort erschienen etwa frühe Monografien zu Paula Modersohn-Becker – in einer Zeit, als zu Künstlerinnen überhaupt kaum publiziert wurde – und zu den Europäischen Avantgarden. Auch die bedeutendsten Autoren der Zeit schrieben für KliBi: Meier-Graefe, Grohmann, Wittkower, Friedländer etc. Der Verlag war bis in die 1990er Jahre hinein ziemlich groß und wurde dann nach einer Übernahme recht still. Unsere großartige Vorgängerin Annette von Altenbockum hat ihn ab 2010 als One-Woman-Unternehmen revitalisiert, und wir wollen ihn nun wieder größer aufstellen.
Nicolas Marchioni: Uns geht es generell darum, Nachfolgelösungen für Programmverlage zu entwickeln und diese neu aufzustellen. Viele kleine Verlage basieren stark auf Einzelpersonen. Dieses Modell funktioniert heute wirtschaftlich oft nicht mehr. Deshalb wollen wir ein „Haus von Verlagen“ aufbauen – mit eigenständigen Profilen, aber gemeinsamer Infrastruktur.
Die Verlagsgruppe soll also weiter wachsen?
Marchioni: Ja, aber nicht wahllos: Die Verlage haben klar erkennbare unterschiedliche Schwerpunkte. Neben Klinkhardt & Biermann gehört bereits der Novalis Verlag dazu, der ab Frühjahr 2027 mit neuem Programm zurückkehren soll. Weitere Gespräche laufen. Uns geht es darum, unterschiedliche Qualitätsprogramme zusammenzuführen und gleichzeitig starke verlegerische Persönlichkeiten sichtbar zu machen.
Wie soll sich Klinkhardt & Biermann programmatisch verändern?
Scholz: Der Verlag bleibt ein Kunstverlag – aber wir wollen ihn stärker als Kunst- und Kulturverlag denken. Klassische Moderne bleibt ein Schwerpunkt, ebenso Reihen wie „Junge Kunst“. Der Kinderbuchbereich KliMBiM liegt uns sehr am Herzen. Gleichzeitig interessieren uns jedoch Debattenformate, kulturpolitische Themen und populärwissenschaftliche Zugänge.
Wir wollen Diskussionen anstoßen, unterschiedliche Perspektiven zulassen und einen Blick hinter die Kulissen des Kulturbetriebs ermöglichen. Oft bewegt sich dieser nämlich in einer sehr geschlossenen Bubble. Uns treibt die Frage um: Wie kommt man wieder stärker in echte Debatten? Uns interessiert generell, wie kulturelle Systeme funktionieren – und damit auch der Buchmarkt selbst.
Welche Rolle spielen digitale Formate für Sie?
Scholz: Eine große. Schöne Bücher zu machen, reicht heute nicht mehr. Die eigentliche Herausforderung ist Sichtbarkeit. Deshalb denken wir von Anfang an auch über Podcasts, digitale Magazine oder andere publizistische Formate nach.
Marchioni: Social Media ist für uns kein Nebenthema. Das verändert sich permanent – Algorithmen, Plattformen, Formate. Man muss da wirklich dranbleiben. Wir arbeiten deshalb natürlich intensiv mit Leuten zusammen, die sich professionell damit beschäftigen.
Sie wollen den Verlag zudem internationaler ausrichten. Was bedeutet das konkret?
Marchioni: Wir denken Übersetzungen künftig von Anfang an mit. Ich bin Franzose, dadurch ergibt sich automatisch ein stärkerer Blick nach Frankreich. Viele Debatten oder Autorinnen und Autoren, die dort wichtig sind, finden in Deutschland kaum statt – was schade ist.
Scholz: Das gilt auch für andere Länder. In den USA oder Großbritannien werden Diskussionen oft Jahre früher geführt als bei uns. Uns interessiert dieser internationale Austausch sehr.
Der Kunstbuchmarkt gilt derzeit als schwierig. Wie blicken Sie auf die wirtschaftliche Lage?
Scholz: Man muss ehrlich sagen: Das klassische Modell des großen Ausstellungskatalogs wird schwieriger. Selbst bei sehr erfolgreichen Ausstellungen haben vielleicht zweieinhalb Prozent der Besucherinnen und Besucher den Katalog gekauft. Gleichzeitig steigen die Kosten immer weiter.
Deshalb glauben wir an Diversifizierung. Natürlich werden wir weiterhin große Bücher machen – aber eben auch kleinere und mittlere, zugänglichere Formate und Reihen. Viele Leserinnen und Leser erwarten heute einen persönlicheren Zugang zur Kultur, ihren Protagonisten und Institutionen. Wir sind da vielleicht offener als andere.
Wer ist Ihre Zielgruppe?
Scholz: Menschen, die sich für Kultur interessieren, aber nicht unbedingt ausschließlich akademisch vorgebildet sind. Unsere Bücher sollen wissenschaftlich fundiert sein, aber eben sehr lesbar und zugänglich für ein breites Publikum.
Welche Rolle spielt der Buchhandel für Sie?
Marchioni: Eine zentrale. Neben all den Digitalisierungsthemen wollen wir genauso die klassischen Vertriebswege wieder aktivieren – sowohl den unabhängigen Buchhandel als auch größere Ketten. Gleichzeitig sehen wir natürlich, dass sich der Markt verändert. Deshalb braucht es heute unterschiedliche Zugänge und Formate.
Würden Sie sagen, dass jetzt trotzdem ein guter Zeitpunkt ist, einen Verlag zu übernehmen?
Marchioni: Vermutlich halten uns manche für verrückt, in solch schwierigen Zeiten einen Verlag zu übernehmen. Aber es werden nach wie vor sehr viele Bücher verkauft, es sind halt etwas andere Bücher als früher und sie müssen anders an das Publikum gebracht werden. Wenn man klare Profile entwickelt, sichtbar bleibt und stets neue Wege ausprobiert, dann hat auch das klassische Buch hoffentlich eine Zukunft. Wir glauben fest daran.
Die Fragen stellte Hanna Schönberg
Nicolas Marchioni studierte Romanistik, Anglistik und Germanistik sowie Betriebswirtschaftslehre in Paris. Nach beruflichen Stationen in Grenoble, Zürich und Düsseldorf gründete er zusammen mit seiner Frau Nathalie die KVG Kölner Verlagsgesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, traditionsreiche Verlage zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Dr. Peter Scholz studierte Kunstgeschichte, Anglistik, Italienische Philologie und Vorderasiatische Archäologie in München, Birmingham sowie Berlin und wurde 2013 in Zürich promoviert. Nach beruflichen Stationen in Florenz, Zürich, Berlin und Stuttgart war er von 2017 bis 2022 Sammlungsleiter am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und von 2022 bis 2024 bei der Klassik Stiftung Weimar. Er hatte ferner Lehraufträge in Zürich, Konstanz und Innsbruck inne. Neben einer familiären Pflegetätigkeit gründete er 2025 das Unternehmen scholz and art. Er realisierte zahlreiche Ausstellungen, Tagungen, Vorträge und Publikationen zur deutschen, italienischen, niederländischen und englischen Kunst unterschiedlicher Epochen.
Und ganz frisch im Portfolio der Verlagsgruppe…
Der Vision Creativ Verlag
Auch der Vision Creativ Verlag, der vor allem Kalender produziert, wurde nach 27 Jahren am 1. Mai 2026 an den Windpferd Verlag (KVG Kölner Verlagsgesellschaft) übergeben.
Im Programm sind folgende Titel:
- Ich-Kalender 2027 (ISBN 978-3-948276-43-0), 14,90 Euro
- Feng-Shui-Kalender 2027 (ISBN 978-3-948276-41-6), 35,90 Euro
- Zen-Kalender 2027 (ISBN 978-3-948276-42-3), 28,90 Euro
- Auf vielfachen Wunsch ist auch der Kalender „Buddhas 2027“
wieder dabei, (ISBN 978-3-948276-40-9), 21,90 Euro
„Wir freuen uns, mit dem Windpferd Verlag einen kompetenten und kreativen Nachfolger gefunden zu haben, der unser Programm im besten Sinne weiterführen wird“, sagte Barbara Stierand, geschäftsführende Verlegerin von Vision Creativ. „Bedanken möchten wir uns auch bei allen Buchhandelspartnern, die uns in der langen Zeit die Treue gehalten und eine starke Kund:innenbindung ermöglicht haben. Unser Dank gilt auch allen Geschäftspartnern, die am Entstehen und Verbreiten unserer Kalender beteiligt waren, insbesondere unserer Druckerei Alpina Druck GmbH in Innsbruck und unserer Verlagsauslieferung Die Werkstatt Verlagsauslieferung GmbH in Rastede.
Die neue Verlagsauslieferung ist die PROLIT Verlagsauslieferung GmbH. Die Vertretung und Auslieferung für die Schweiz bleibt mit der Firma Dessauer und der Buchzentrum AG gleich. Auch in Österreich wird die Verlagsagentur Neuhold weiterhin die Vertretung übernehmen.