
Das Medienhaus Oetinger geht zur Frankfurter Buchmesse 2026 neue Wege: Neben einem Messestand wird es ein eigenes Haus in der Frankfurter Innenstadt geben. Was dahinter steckt, erläutert Thilo Schmid, Geschäftsführer Vertrieb und Marketing, im Gespräch mit BuchMarkt.
BuchMarkt: Zur Frankfurter Buchmesse 2026 sind Sie gleich an zwei Standorten präsent. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Schmid: Wir haben uns gefragt, was unser Zielpublikum und unsere Verlage und wir wirklich wollen. Nämlich Begegnung und Inspiration. Wir wollen Gespräche. Wir wollen zeigen, was in diesem Haus steckt. Und wir haben gemerkt, dass ein klassischer Messestand allein das nicht mehr leisten kann. Nicht weil der Stand schlecht ist, sondern weil wir mehr zu sagen haben, als dort Platz ist. Das Oetinger Haus im Massif Central ist die Antwort darauf. Ein Ort, den wir selbst gestalten, der unsere Welt zeigt und der offen ist für alle, die Geschichten lieben. Das ist unser Statement.

Was erwartet die Besucherinnen und Besucher im Oetinger Haus konkret?
Schmid: Über 400 Quadratmeter mitten in Frankfurt, nur wenige Gehminuten vom Römer entfernt. Das Massif Central ist ein Ort mit Charakter, mit Geschichte, mit Atmosphäre. Was wir dort zeigen werden, ist mehr als eine Ausstellung. Wir werden unter anderem eine wirkliche Weltneuheit präsentieren. Ein völlig neues Konzept, um Geschichten zu erzählen. Es wird neue Label, Plattformen und Geschäftsmodelle geben. Ich möchte noch nicht zu viel verraten, weil der Moment des Erlebens entscheidend ist. Aber ich kann sagen: Wer das Oetinger Haus betritt, wird verstehen, wohin die Reise des Erzählens gehtals erfahrbare Realität. Wir haben in den vergangenen Monaten intensiv daran gearbeitet, gemeinsam mit Kreativen, mit Technologiepartnern, mit Menschen, die genauso neugierig sind wie wir. Es schafft eine Verbindung zwischen Geschichte und Zukunft, zwischen dem, was Oetinger war, und dem, was Oetinger ist und wird. Daneben gibt es weitere Bereiche, in denen wir unser Audioportfolio präsentieren, in denen Film- und Theaterproduktionen zu erleben sind, in denen all die verschiedene Segmente des Medienhauses sichtbar werden. Und natürlich gibt es viel Raum für Begegnungen: mit Kreativen, mit Partnern, mit Presse, mit allen, die Geschichten lieben.

Sie erwähnen Atmosphäre und Begegnung. Ist das eine Reaktion auf etwas, das die Buchmesse selbst nicht mehr bietet?
Schmid: Ich möchte das differenziert sagen. Die Frankfurter Buchmesse ist und bleibt ein wichtiger Ort für die Branche. Aber wir müssen auch ehrlich sein: Die Messe hat sich in den vergangenen Jahren verändert, und nicht immer in eine Richtung, die für unabhängige Verlage wie uns günstig war. Die Kosten sind erheblich gestiegen. Die Strukturen haben sich zunehmend an den großen Konzernverlagen orientiert. Wir haben uns dort nicht immer auf Augenhöhe gesehen. Das sage ich ohne Bitterkeit, aber mit Klarheit.
Und dann war da noch das Thema YA-Halle. Ein neues Hallenkonzept, das kurzfristig kommuniziert wurde, das zusätzliche Kosten verursacht hat und das viele von uns zunächst schlicht nicht überzeugt hat. Orientierung sah anders aus. Jetzt gibt es ein überarbeitetes Konzept, das uns bedingt überzeugt. Unsere und die Bedürfnisse unserer Partner haben sich verändert. Wir probieren das neue Konzept nun einmal aus, weil wir offen sind und weil wir Verantwortung gegenüber unseren Kreativen und unserer Zielgruppe tragen. Aber wir beobachten sehr genau, ob sich das für uns rechnet, inhaltlich wie wirtschaftlich. Das Oetinger Haus ist zum Teil unsere eigene Antwort auf diese Frage: Wir schaffen uns den Raum, den wir brauchen, selbst.
Andere große Verlage haben ihre Teilnahme in Frankfurt abgesagt. Warum bleibt Oetinger?
Schmid: Weil wir überzeugt sind, dass Sichtbarkeit keine Option ist, sondern eine Haltung. Wir sind seit 80 Jahren unabhängig. Wir sind in Familienhand. Das gibt uns die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, die nicht von Quartalszahlen getrieben sind, sondern von Überzeugung. Und wir sind überzeugt, dass Geschichten Begegnung brauchen. Dass Autoren, Illustratoren, Partner und Leserinnen und Leser einen Ort brauchen, an dem sie sich treffen können. Frankfurt ist dieser Ort, auch wenn er sich verändert hat. Wir gehen nicht weg. Wir gehen anders hin.
Wie schwer sind die Zeiten gerade für ein Haus wie Oetinger?
Schmid: Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich sagen würde, es sei alles einfach. Der Markt ist extrem anspruchsvoll. Die Aufmerksamkeit der Menschen ist fragmentierter denn je. Kinder wachsen mit Tablets, Streaming und KI-generierten Inhalten auf. Eltern suchen nach Orientierung. Der Handel steht unter Druck. Und gleichzeitig steigen die Kosten auf allen Ebenen. Das ist die Realität. Aber ich sage auch: Wir schlagen uns gut. Wir haben in den vergangenen Jahren konsequent investiert, in neue Formate, in neue Kompetenzen, in neue Strukturen. Wir sind heute breiter und zugleich klarer aufgestellt als je zuvor. Und wir haben etwas, das kein Algorithmus ersetzen kann: 80 Jahre Vertrauen. Der Buchhandel, Eltern, Schulen und Bibliotheken wissen, was sie bei Oetinger bekommen. Das ist in Zeiten der Informationsflut ein echter Wettbewerbsvorteil und das sehen wir seit Monaten an unseren Zahlen.
Wie denken Sie über die Zukunft Ihrer Messepräsenz? Wird das Oetinger Haus ein dauerhaftes Format?
Schmid: Wir denken das immer neu. Das war schon zu Corona-Zeiten so, als wir gezwungen waren, uns zu fragen, wie wir ohne Messe sichtbar bleiben. Diese Frage hat uns gutgetan. Sie hat uns kreativer gemacht. Jetzt haben wir mit dem Oetinger Haus ein Format entwickelt, das uns sehr viel Spielraum gibt. Ob und wie wir das weiterführen, hängt davon ab, was es leistet. Wir sind pragmatisch undneugierig. Und wir sind bereit, Dinge auszuprobieren. Was ich sagen kann: Wir werden immer dort sein, wo wir unsere Kreativen und unsere Inhalte bestmöglich präsentieren können.
Mit Joachim Kaufmann kommt ein neuer Geschäftsführer zur Frankfurter Buchmesse. Was erhoffen Sie sich von diesem Wechsel?
Schmid: Ich freue mich sehr auf den Austausch mit Joachim Kaufmann. Er kennt die Belange der Verlagsseite gut, und ich glaube, dass er frischen Wind und viele gute Ideen mitbringt. Was ich mir wünsche, ist ein echter Dialog auf Augenhöhe. Dass die Messe nicht nur die großen Konzerne im Blick hat, sondern auch die unabhängigen Häuser, die das Herz dieser Branche sind.