
Es brauchte nur einen einzigen Post. „Generative KI ist zu einem Problem geworden, das wir nicht mehr ignorieren können“, schrieb die Stuttgarter Buchmesse, deren nächste Ausgabe am 27. Februar 2027 stattfindet, Anfang der Woche auf ihrem Instagram-Kanal und kündigte an, künftig keine Aussteller:innen mehr zu beherbergen, deren Texte oder Cover mit generativer KI entstanden sind. Innerhalb weniger Stunden bekam die kleine, aber schnell gewachsene Indie- und Selfpublishing-Messe aus Fellbach mehr Aufmerksamkeit, als ihr in diesem Moment vermutlich lieb war. Ein Partner wurde umgehend von der Website genommen: Scribigo, ein Tool, mit dem sich Buchmanuskripte mit KI überarbeiten, in Teilen auch generieren lassen.
Was danach passierte, ist mehr als eine Randnotiz aus der Szene. Es ist ein Lehrstück darüber, wie schnell sich in der Buchbranche zwei Lager gegenüberstehen, die eigentlich beide legitime Anliegen vertreten: die einen kämpfen um die Deutungshoheit über das Handwerk des Schreibens, die anderen um ein Geschäftsmodell, das längst Teil der Realität vieler Autor:innen ist.
Ein Satz, der einschlug
Der Ursprungspost der Messe war programmatisch formuliert. Das Schreiben eines Buches sei „Handwerk und Kunstform gleichzeitig“, hieß es darin, vergleichbar mit einem Künstler bzw. einer Künstlerin, der bzw. die versucht, das perfekte Motiv auf Leinwand zu bringen. Man spreche sich daher „gegen die Verwendung von KI zur Erstellung und Vermarktung von kreativen Inhalten“ aus, kündigte an, diese Bedingung ins eigene Regelwerk aufzunehmen, und behielt sich bei begründetem Verdacht Überprüfung und Ausschluss von Aussteller:innen vor.
Für einen Teil der Szene war das genau der Satz, auf den viele gewartet hatten.
Handwerk, Kunstform, Verdrängungsangst
Die Kritik an generativer KI im Buchmarkt ist nicht neu, sie hat sich in den vergangenen Monaten zu einer eigenen Bewegung verdichtet. Der Bindlacher Loewe Verlag versah Anfang des Jahres sein komplettes lieferbares Programm mit dem Label „Ohne KI“, als bewusstes Zeichen gegen das, was Geschäftsführer Christoph Gondrom „KI-Slop“ nennt. Die Plattform ai-free.media bietet Autor:innen und Verlagen seither eine kostenlose Selbstverpflichtung, ihre Werke als KI-frei auszuweisen. Und der Selfpublisher-Verband schloss KI-generierte Texte und Cover explizit von seinem Selfpublishing-Buchpreis aus, mit der Begründung, bei dem Preis solle „die kreative Eigenleistung im Mittelpunkt stehen“.
Illustrator:innen und Teile der Phantastik-Szene sind dabei oft die lautesten Stimmen, sie sprechen von Täuschung und systematischer Abzocke, wenn KI-generierte Cover als eigene Arbeit verkauft werden. Auch auf politischer Ebene ist der Ton scharf: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sprach bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2025 davon, KI-Unternehmen sögen auf geradezu vampirische Weise das kreative Potenzial unzähliger kluger Köpfe aus, und warnte, KI könne die Welt der Literatur regelrecht zerfetzen.
Der Post der Stuttgarter Buchmesse traf also auf einen Resonanzraum, der längst vorbereitet war. Wer wochen- und monatelang an einem eigenen Manuskript sitzt, empfindet die Vorstellung, dass ein Prompt in Sekunden ein vermeintlich gleichwertiges Buch erzeugt, nicht als abstrakte Technikfrage, sondern als Angriff auf die eigene Arbeit, auf Urheberrecht und auf den Wert dessen, was Schreiben überhaupt bedeutet. Aus dieser Warte war der Post kein Ausrutscher, sondern ein überfälliges Bekenntnis.
Die andere Seite: Werkzeug oder Bedrohung?
Stephan Militz steht auf der anderen Seite dieser Debatte – auch wenn er selbst diese klare Grenzziehung für falsch hält. Er ist Verleger und Mitgründer der 8280-edition.ch. Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Verlag mit «Blindes Vertrauen» von Jeff Tomlinson einen Bestseller: die Geschichte eines blinden Eishockeytrainers, dem es lange gelang, seine Sehbehinderung zu verbergen, während er seine Mannschaften bis in die höchste Schweizer Eishockeyliga führte.
Dieses Buch war auch Ausgangspunkt für die Entwicklung von Scribigo. Dort ist Militz außerdem Geschäftsführer. Die KI-gestützte Arbeitsumgebung entstand ursprünglich aus der täglichen Arbeit des eigenen Verlags. Sie sollte kleinen Verlagen, Selfpublisher:innen sowie Autorinnen und Autoren einen bezahlbaren Zugang zu professioneller Textkorrektur und stilistischer Überarbeitung ermöglichen.
Er erfuhr von seiner Entfernung als Messe-Partner nach eigener Aussage über einen Screenshot, den ihm jemand aus der Community zuschickte.
„Ich war erst einmal extrem erstaunt über die Vorgehensweise.“ – Stephan Militz, Scribigo
Sein Einwand gegen den Post richtet sich weniger gegen das Anliegen als gegen dessen Absolutheit. Korrekturfunktionen stecken heute in Word, in Outlook, in Fachprogrammen wie Papyrus, in Bildbearbeitung wie Photoshop. Die Grenze zwischen einem Werkzeug, das seit Jahren selbstverständlich genutzt wird, und einer KI, die plötzlich geächtet werden soll, verläuft in der Praxis alles andere als klar.
„Wo will man da die Grenze ziehen?“ – Stephan Militz, Scribigo
Diese Unschärfe ist kein rhetorischer Trick, sie deckt sich mit Zahlen aus der Branche selbst. Eine Umfrage des Selfpublishing-Dienstleisters BoD unter mehr als 3.600 Autor:innen im DACH-Raum ergab, dass mittlerweile 52 Prozent der Befragten KI-Tools für ihre Schreibprojekte nutzen, ein deutlicher Sprung gegenüber 37 Prozent im Vorjahr. KI ist in der Selfpublishing-Praxis längst keine Ausnahme mehr, sondern für viele Alltag, ob als Rechtschreibhilfe, Stilberater oder Ideengeber.
Wo endet das Werkzeug, wo beginnt die KI?
Scribigo selbst verortet sich klar auf der assistierenden Seite dieser Skala. Der Kern des Tools liegt in Korrektur und Stil, ergänzt um eine Funktion namens X-Ray, die ein komplettes Manuskript auf Charaktere, Handlungsstränge und Orte hin durchleuchtet und Lücken oder Inkonsistenzen aufzeigt. Wie viel Unterstützung ein Autor oder eine Autorin braucht, hängt für Militz vor allem von der eigenen Professionalität ab.
„Ein Autor wie Ferdinand von Schirach mit seinen gedrechselten Sätzen braucht keine Stilanalyse mehr, nur noch ein reines Korrektorat. Autor:innen mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche brauchen dagegen deutlich mehr Unterstützung.“ – Stephan Militz, Scribigo
Reine Prompt-Generierung, das ganze Buch aus einem Satz wie „Schreib mir eine Abenteuergeschichte“, funktioniere mit dem Tool ausdrücklich nicht. Genau das aber ist die Grenze, die der Ursprungspost der Messe nicht gezogen hat: Er unterscheidet nicht zwischen einem Tool, das beim Überarbeiten hilft, und einer KI, die einen Text von Grund auf selbst schreibt. Für Kritiker:innen aus dem „Ohne KI“-Lager ist genau diese fehlende Trennschärfe wiederum das Argument dafür, lieber ganz auf Nummer sicher zu gehen, als sich in Grauzonen zu verlieren.
Kennzeichnung statt Verbot
Der größere Teil der Branche bewegt sich derzeit in eine andere Richtung als hin zu einem pauschalen Verbot: hin zu Transparenz statt Ausschluss. Der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren positioniert sich klar zum Thema, betont aber ausdrücklich, es gehe „nicht um ein Verbot, sondern um einen verantwortungsvollen Umgang“. Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels stellt klar, dass es „derzeit keine allgemeine gesetzliche Pflicht“ gebe, Bücher als KI-generiert zu kennzeichnen, auch wenn ab dem 2. August 2026 spezifische Transparenzpflichten des EU AI Act für Anbieter von KI-Systemen greifen. Eine Arbeitsgruppe aus Verlagen entwickelt parallel eine freiwillige Selbstverpflichtung, KI-Einsatz in den Metadaten von Büchern zu vermerken.
Vor diesem Hintergrund wirkt der Stuttgarter Post wie ein Ausreißer nach vorn: strenger, kategorischer und handwerklich unschärfer als das, was sich als Branchenkonsens gerade erst herausbildet.
Der Rückzieher, der keiner war
Wenige Tage später ruderte die Messe zumindest im Ton zurück. In einem zweiten Statement entschuldigte sie sich dafür, dass die Kommentarfunktion zu spät moderiert wurde und es zu Hasskommentaren kam, und betonte, es sei „nie unsere Absicht“ gewesen, Autor:innen vor den Kopf zu stoßen oder von der Messe auszuschließen. Was in dieser Klarstellung auffällt: Sie widerspricht dem Ursprungspost, ohne ihn ausdrücklich zurückzunehmen. Ob Aussteller:innen mit KI-Einsatz künftig doch draußen bleiben müssen, oder ob genau das nun doch nicht mehr gilt, bleibt in der Schwebe.
Militz selbst liest die Episode nüchterner, als es das Ausmaß der öffentlichen Aufregung vermuten lässt.
„Ich halte das für eine Kommunikationspanne, wo jemand unabgesprochen irgendetwas rausgehauen hat, was dann die eigentlichen Macher:innen auch etwas überrascht hat.“ – Stephan Militz, Scribigo
Zur Frage, ob ein:e Veranstalter:in überhaupt in der Lage wäre, einen KI-Verdacht zu prüfen, findet er deutliche Worte: Einen verlässlichen KI-Scanner gebe es schlicht nicht. Er selbst hält es nicht für die Aufgabe von Veranstalter:innen, in Fragen wie dieser zugleich Richter und Vollstrecker zu sein.
„Ich glaube nicht, dass die Aufgabe einer Messe ist, dort Richter und Henker gleichzeitig zu spielen.“ – Stephan Militz, Scribigo
Ob Scribigo inzwischen wieder offiziell als Partner der Messe gelistet ist, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht eindeutig sagen, die Partnerseite der Messe zeigt dazu ein uneinheitliches Bild. Militz selbst gibt sich gelassen: Sichtbarkeit auf der Messe-Website sei schön, für das eigene Geschäft aber nicht existenziell.
Wer griff hier eigentlich wen an?
Was in der öffentlichen Wahrnehmung pauschal als „Hasskommentare“ verhandelt wird, verdient einen genaueren Blick. Eine Auswertung des öffentlich sichtbaren Kommentarverlaufs unter dem Ursprungspost zeigt ein deutlich komplexeres Bild. Wichtig vorab: Erfasst werden können nur die zum Auswertungszeitpunkt noch sichtbaren Kommentare, gelöschte Beiträge, Direktnachrichten oder Reaktionen auf anderen Kanälen bleiben unbekannt und lassen sich von außen nicht beurteilen.
Zustimmung zum angekündigten Verbot kam unter anderem von einer konkurrierenden Selfpublishing-Messe und von Autor:innen, die auf ähnliche Signale anderer Veranstaltungen verwiesen. Ein Teil davon blieb sachlich, ein anderer Teil rutschte ins Persönliche: KI-Nutzer:innen wurde abgesprochen, überhaupt Künstler:innen zu sein, Prompting wurde pauschal als unkreativ abgewertet, und eine Ausstellerin, die für KI-Illustrationen bezahlt hatte, bekam ein spöttisches „du hast ernsthaft für sowas bezahlt?“ zu lesen. An anderer Stelle fiel gegenüber Autor:innen ohne Budget für menschliche Illustrator:innen der Vorwurf von „Datenklau und Urheberrechtsverletzungen“.
Auf der Gegenseite, unter den KI-befürwortenden Stimmen, wurde ähnlich scharf zurückgeschossen: von „Doppelmoral“ und „Heuchelei“ war die Rede, von einer „Propaganda der No-AI-Religion“, KI-Kritiker:innen wurden pauschal als Hasser:innen abgestempelt, die gesamte Debatte wurde als konstruierter Hype um einen Sündenbock abgetan.
Eindeutige Hassrede im engeren Sinn lässt sich aus dem öffentlich einsehbaren Verlauf nicht zweifelsfrei ableiten, wohl aber eine auf beiden Seiten emotional aufgeladene, teils persönlich abwertende Auseinandersetzung. Ob zusätzlich gelöschte Kommentare oder Direktnachrichten mit eindeutig aggressiverem Charakter eingegangen sind, wissen nur die Betreiber:innen des Accounts selbst.
Bemerkenswerter als der Ton ist, wie sich die inhaltliche Stoßrichtung verschob: weg von der Grundsatzfrage KI ja oder nein, hin zur Frage, wie sich ein Verbot überhaupt fair umsetzen ließe. Mehrere Kommentierende, darunter ausdrücklich auch KI-kritische Stimmen, warnten vor einer „Hexenjagd“ und stellten damit dieselben Fragen, die auch Militz im Gespräch aufwirft: Wie soll KI-Nutzung nachweisbar sein? Was passiert bei einer Falschbeschuldigung, etwa wenn ein von Hand gestalteter Buchschnitt fälschlich als KI-generiert verdächtigt wird? Wer haftet, wenn beauftragte Grafiker:innen selbst KI-Werkzeuge einsetzen, ohne dass die Autorin oder der Autor davon weiß? Und was geschieht mit Ausstellenden, die ihre Teilnahme bereits bezahlt haben?
Genau an diesem Punkt berühren sich beide Lager der Debatte: Auch überzeugte Befürworter:innen des Verbots äußerten sich skeptisch zu dessen praktischer Umsetzbarkeit. Das bestätigt die These dieses Artikels von der anderen Seite her: Am Ende geht es weniger um KI als Technologie, sondern darum, wer über die Regeln eines gemeinsamen Marktplatzes bestimmen darf, und wie belastbar diese Regeln in der Praxis überhaupt sind.
Zwei Interessen, ein Konflikt
Am Ende zeigt die Stuttgarter Episode weniger einen Streit über Technik als einen Streit über Deutungshoheit. Auf der einen Seite steht eine Szene, die im Schreiben eine Kunstform sieht, die durch generative KI in ihrem Wert bedroht wird, und die im Verbot ein legitimes Mittel sieht, diesen Wert zu schützen. Auf der anderen Seite stehen Autor:innen und Tool-Anbieter, für die KI längst ein selbstverständlicher Teil der Werkzeugkiste ist, mit dem sich Qualität und Tempo gerade für kleine, ressourcenschwache Player:innen überhaupt erst herstellen lassen.
Beide Positionen sind wirtschaftlich und intellektuell zugleich begründet, das macht den Konflikt so hartnäckig. Wer für ein Verbot eintritt, verteidigt damit auch den Marktwert der eigenen, unterstützt von Hand geschriebenen Bücher. Wer sich gegen ein Verbot wehrt, verteidigt damit ein Geschäftsmodell, das auf eben jener Technik aufbaut, die verboten werden soll. Es ist ein Verteilungskampf um Aufmerksamkeit, Legitimität und am Ende auch um Umsatz, ausgetragen in der Sprache von Handwerk, Kunst und Verantwortung.
Ein Panel statt eines Banns?
Was von der Episode bleibt, ist eine Idee, die Militz selbst ins Spiel bringt: eine Diskussionsrunde, ein Panel, auf dem sich beide Seiten tatsächlich zu Wort melden, statt sich über Instagram-Posts und Kommentarspalten zu bekämpfen.
„Ein polarisierender Kommentar zieht im Zweifel ganz viele Leute an, die für den Moment ein Thema hochkochen, das diese Sichtbarkeit eigentlich gar nicht verdient hätte.“ – Stephan Militz, Scribigo
Ob die Stuttgarter Buchmesse dieses Angebot für ihre vierte Ausgabe am 27. Februar 2027 im Ausstellungs- und Handelszentrum der Messe Stuttgart aufgreift, wird sich zeigen. Die Debatte selbst wird bis dahin mit Sicherheit nicht kleiner geworden sein.
Patrick Meier, meiersworld.de






