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Dada im Taunus

Jochen Nix, Dirk Sackis, Raphael Pfaff

Gestern Abend fand im Rahmen des 31. Kunst- und Weinmarktes in Kronberg im Taunus in der Bücherstube eine besondere Lesung mit Musik statt.

Unter dem Titel DADASchwittersDADABalldada präsentierten der Schauspieler, Regisseur und Sprecher Jochen Nix und der Verlagsvertreter Raphael Pfaff Lautgedichte und Prosatexte von Hugo Ball und Kurt Schwitters.

Dirk Sackis, Inhaber der Kronberger Bücherstube, begrüßte die zahlreichen Gäste zur ersten Hoflesung im hübschen Ambiente zwischen dem Dingeldein-Haus, Sitz der Buchhandlung, und den Scheunen. Im Torbogen gab es rechts Bücher, links ausgewählte Weine zu kaufen – beides wurde dem Kunst- und Weinmarkt gerecht.

„Dada entwickelte sich vor 100 Jahren in Zürich zu einer Zeit, die den Menschen nicht zwanghaft optimistisch stimmen konnte. Auch heute sind die Zeiten schwierig“, stellte Sackis fest.

Das Gedicht Verdun Februar 1916 von Emil Verhaeren erzählt vom „blaß ohne Unterlaß“ fallenden Schnee „hin in den unendlichen Winter der Welt“. Jochen Nix drehte zum Vortrag von Raphael Pfaff die Schnarre, bediente die Pauke und blies auf der Tröte – daneben hatten die Akteure noch Regenrohr und Regentrommel, Schellenring und Kuhglocke, Vogelstimmen und Minitrompete dabei.

Nix las vor: „Es soll der Presse und dem Publikum durch unser Auftreten gezeigt werden, daß es Persönlichkeiten gibt, die die Sache der ‚jüngsten’ Literatur auch im Kriege weiterführen … Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, trietzen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein … wir werden immer ‚gegen’ sein.“
Auszüge aus einer Programmankündigung des Cabarets Voltaire in der Zürcher Spiegelgasse, vor 100 Jahren gegen Einsendung von 30 Pfennig bei Hugo Ball und Richard Huelsenbeck zu beziehen. Am 5. Februar 1916 schlug die Geburtsstunde des Dadaismus im Cabaret Voltaire.

Kurt Schwitters alias Raphael Pfaff erklärte eine besondere Erfindung: die Raddadistenmaschine, die den Nutzer nach der Kur als „neu frisierten Antispießer“ entlässt.

Nix rezitierte Ball: „Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn, bis zur Bewusstlosigkeit. Wie kann man alles Aalige und Journalige, alles Nette und Adrette, alles Vermoralisierte, Vertierte, Gezierte abtun? Indem man Dada sagt. Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“ Und er erinnerte an Balls Freundin Emmy Hennings, „Stern wie viele Nächte von Kabaretts und Gedichten“.

Schwitters Anna Blume folgte, dann die Geschichte vom Hahnemann, einem Jungen, und vom Hahnepeter, einem hahnähnlichen Fabeltier.

Nix berichtete von der geplanten Rettung des Karussellpferdes Johann durch Benjamin, Jopp, Stiselhäher, Gundelfleck und Runzelmann.

Ein „nackiges Tierche“ steht im Mittelpunkt der Geschichte, die Pfaff im Anschluss zum Besten gab. Gelächter war aus dem Publikum zu hören.

Hugo Ball zieht Bilanz: „Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind; eine Gladiatorengeste; ein Spiel mit den schäbigen Überbleibseln; eine Hinrichtung der posierten Moralität und Fülle … Da der Bankrott der Ideen das Menschenbild bis in die innersten Schichten zerblättert hat, treten in pathologischer Weise die Triebe und Hintergründe hervor. Da keinerlei Kunst, Politik oder Bekenntnis diesem Dammbruch gewachsen scheinen, bleibt nur die blutige Pose.“

Seepferdchen und Flugfische, die bekannteste Lautpoesie von Hugo Ball, trug Jochen Nix vor, eine phantastische Geschichte „vom gemolkenen Fisch“ (Kurt Schwitters) erzählte Raphael Pfaff.

Zuletzt erinnerten die beiden Akteure an den Roman Flametti oder Vom Dandysmus der Armen von Hugo Ball, in diesem Jahr im Parthas Verlag Berlin als Hörbuch, gesprochen von Jochen Nix, erschienen.

Ein Abend für Dada-Freunde, die viel Spaß an dieser literarisch-musikalischen Collage hatten. Und eine Premiere – weitere Veranstaltungen folgen.

JF

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