
Gestern Abend wurde in der Romanfabrik in Frankfurt auf besondere Weise gefeiert: Die Veranstaltung zum 90. Geburtstag des Künstlers Franz Mon bot Einblicke in das visuelle und akustische Werk des vielseitigen Wortjongleurs.
Romanfabrik-Chef Michael Hohmann begrüßte die zahlreichen Gäste: „Alexandre Dumas sagte einmal: ‚Es ist nicht sicher, ob wir die Idee haben oder die Idee uns hat.’ Franz Mon sagt: ‚Wir haben Sprache. Und sie hat uns.’ Genau das trifft den Gegenstand, mit dem sich der Künstler sein Leben lang beschäftigt.“
Hohmann verwies auf das Programm des Abends, den Mon gemeinsam mit Klaus Ramm, ebenfalls ein Experte in den Bereichen Konkrete Poesie und Hörspiele, gestaltete. Neben einem Hörspiel hatten die Besucher auch die Möglichkeit, Bilder von Franz Mon zu betrachten – die Romanfabrik hatte eine kleine Ausstellung vorbereitet.
Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth überbrachte nachträglich (Mon hatte bereits am 6. Mai Geburtstag) die Glückwünsche der Stadt und würdigte das Werk, „ein Oszillieren zwischen visueller und konkreter Poesie“, des Künstlers. Semmelroth charakterisierte Mon als einen „Sprachzweifler, der sich wohl deshalb auf Sprache eingelassen hat“.
Im Gespräch zwischen Franz Mon und Klaus Ramm unterstrich Ramm, dass Mons Werk Strahlkraft über den deutschen Sprachraum hinaus habe. „Es ist zu lebendig, um von der Literaturgeschichte zu Grabe getragen zu werden“, sagte Ramm.
Franz Mon sei zeitlebens seiner Maxime, dass man sich von der Nachfrage die Fragestellung nicht verwischen lassen dürfe, treu geblieben.
Aus seinem gerade im S. Fischer Verlag erschienen Buch Sprache lebenslänglich. Gesammelte Essays liest Mon Das Glück der Wörter, geschrieben 2009. Die Rede ist von der „eigentümlichen Kontur jedes Wortes“, von der „praktischen Fähigkeit des Deutschen, neue Inhalte mit Hilfe von Komposita zu verantworten“, von der „semantischen Gelenkigkeit des Deutschen, die auf Mehrfachbezüglichkeit der Wörter und ihrer unbegrenzten Kombinierbarkeit beruht und uns ins Offene reichende Spielräume des Sagens erschließt“.
Mon ergänzte scharf: „Sprache ist einbeinig, kann auch ganz große Scheiße sein, haufenweise abgesondert von irgendwelchen Ärschen beispielsweise im Internet.“ Sprache sei eine Bewegung auf Lava.
Gerade in den 1950er Jahren sei es für Mon schwierig gewesen, seine Ansichten durchzusetzen und zu veröffentlichen. Von Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus wollte man im Nachkriegsdeutschland nichts wissen. Er verweis auf Walter Höllerer, der 1954 die Zeitschrift Akzente gründete, zu einer Zeit, als Titel wie Eine Rose als einzige Stütze ein großes Publikum anzogen.
Auf Ramms Frage, warum Mon keine Autobiografie geschrieben habe, antwortete der Künstler: „Ich kann das nicht schreiben. Aber viele Texte haben mit meiner Lebenspraxis zu tun.“
Franz Löffelholz kam 1946 aus belgischer Kriegsgefangenschaft zurück in seine Heimatstadt Frankfurt: „Da habe ich glücksbedingte Quellen gefunden, darunter auch Kandinsky.“ 1951 veröffentlichte Löffelholz sein erstes Gedicht – unter dem Namen Mon. „Es gab in Frankfurt die Zimmer Galerie Franck in der Böhmerstraße. Da kamen vergessene, verfemte und junge Künstler zusammen, Paul Celan beispielsweise las 1952 dort.“ Die Galerie habe ihn inspiriert.
Mon studierte bis 1955 Germanistik, Geschichte und Philosophie in Frankfurt und Freiburg im Breisgau, schloss mit der Promotion über Brockes’ ‚Irdisches Vergnügen in Gott’ ab.
Eine Anekdote fiel dem Künstler ein: „1960, auf der Lyrik-Konferenz in Berlin, sagte Peter Rühmkorf: ‚Der Mon macht sich’s leicht und lässt seine Leser entscheiden.’ Das ist eine betrübliche und beglückende Wahrheit zugleich.“
Autoren wie Ernst Jandl und Ror Wolf bezeichnet der Künstler als Freunde. „Gegenseitiges Respektieren von Schreibweisen ist mir wichtig“, unterstrich Mon.
Früh arbeitet er komplex: Verbale, akustische und visuelle Ausdrucksmöglichkeiten ergänzen einander. „Noch heute steht die alte Mangel meiner Mutter in der Garage. Ich habe sie genutzt, um Presstexte zu erzeugen“, erzählte er. Dabei wurden Texte, Plakate zerknittert, gemangelt, ergaben anschließend neue Verbindungen.
Auch die Schreibmaschine ist Mon lieb und teuer, vorzugsweise alte Modelle mit häufig benutzten und daher nicht mehr gestochen scharfen Typen. Damit sehen die getippten Texte anders aus als im Computerdruck. Doch der Künstler schafft es auch, mit Computerhilfe Ideogramme – Wortbilder – zu erarbeiten. Die, so bemerkte Ramm, ähneln dann wieder der Schreibmaschinenschrift.
Zum Abschluss des Abends lauschten die Gäste dem Hörspiel Käm’ ein Vogel geflogen, 2005, in Dolby Surround-Qualität. Erst mit Erfindung der Stereophonie in den späten 1960er Jahren konnte Mon seine experimentell-radiophonen Arbeiten realisieren. Nun gelingt es mit der 5.1-Kanal-Technologie noch besser: Aus einer Sequenz von Hörbarem entstand ein Stück, dass Stimmqualitäten und Worterfahrungen ermöglicht, die vorher nicht zugänglich waren. Das Hörerlebnis war zwar für Franz Mon keine Premiere – er lauschte dem Stück in dieser Version zum zweiten Mal – aber durchaus auch für ihn wie für alle Zuhörer ein besonderes Erlebnis.
Ein gelungener Nachgeburtstagsabend für einen großen, bescheidenen Künstler, der anschließend noch viele Bücher signieren musste. Er tat’s gerne.
JF